Die Frau für das grosse Ganze

Die Französin Christine Lagarde hat die Führung der Europäischen Zentralbank übernommen. Sie versteht sich mehr als Managerin denn als Notenbankerin.

Christine Lagarde wird die Fähigkeit zugeschrieben, Kompromisse für jeden schmieden zu können. Foto: Reuters

Christine Lagarde wird die Fähigkeit zugeschrieben, Kompromisse für jeden schmieden zu können. Foto: Reuters

Es ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, dass Christine Lagarde am Freitag die Führung der Europäischen Zentralbank übernehmen wird. Sie ist die erste Frau an der Spitze einer Institution, die in ihrer 20-jährigen Geschichte stets von Männern dominiert wurde. Auch das gab es noch nie: Die künftige EZB-Chefin ist Juristin. Mit den akademischen Untiefen der Geldpolitik ist sie allenfalls rudimentär vertraut; und mit der Mathematik, so räumt sie freimütig ein, habe sie auch nicht viel am Hut.

Der Modezeitschrift Elle gab Lagarde ein humorvolles Interview, in dem sie berichtet, wie sie sich in endlosen Sitzungen in ihren Stuhl zurücklehnt, ihren Rücken gerade zieht und durch fokussierte Kontraktion ihren Gesässmuskel trainiert. Diese Art von nahezu intimen Informationen mögen vielleicht Politiker mit der Öffentlichkeit teilen. Von Notenbankern, die sich in aller Regel sachlich bis verkopft geben, kannte man das bislang nicht.

Aber Lagarde, 63, versteht sich wohl weniger als Notenbankerin, mehr als Managerin, die sich um das grosse Ganze kümmert. Wenn es eine Eigenschaft gibt, die Lagarde oft zugeschrieben wird, so ist das ihre Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen und Kompromisse zu schmieden, mit denen alle leben können. Das gelinge ihr dank ihrer herzlichen und einnehmenden Art. In Gesprächen signalisiere sie ihrem Gegenüber, dass sie ihn ernst nimmt, erzählen Menschen, die mit ihr gearbeitet haben. Zudem sei sie in der Sache stets sehr gut vorbereitet.

Mario Draghi übergibt seiner Nachfolgerin Christine Lagarde symbolisch die Führung der EZB. Foto: Reuters/Paolo Giandotti

Diese Fähigkeiten könnten Lagarde helfen, die grossen Probleme der Europäischen Zentralbank zu lösen. Ihr Vorgänger Mario Draghi hat einen Keil in das oberste Führungsgremium, den EZB-Rat, getrieben, weil er kurz vor seinem Amtsende im September gegen grossen Widerstand eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik beschlossen hat. Die lautesten Kritiker sitzen in dem Land, wo die EZB ihren Sitz hat, in Deutschland. Sparer, Banker und Akademiker beklagen die Nullzinspolitik und die Anleihekäufe seit Jahren.

Lagardes Aufgabe dürfte es daher auch sein, die Deutschen mit der Europäischen Zentralbank zu versöhnen. Man darf gespannt sein, wie sie es anstellen wird, immerhin nimmt sie bereits Deutschunterricht. Neuland betritt die Französin an der EZB-Spitze mit dem Wunsch, auch politische Themen anzusprechen.

«Frauen dürfen als Chefs ran, wenn die Lage sehr ernst ist»

So kämpft Lagarde seit Jahrzehnten für die Gleichberechtigung von Frauen. Häufig erzählt sie, wie sie nach ihrem Studium in Paris 1979 ein Bewerbungsgespräch in einer Kanzlei führte. Dort teilte man ihr mit, sie könne anfangen, ganz nach oben würde sie es jedoch nie schaffen – weil sie eine Frau sei. Lagarde ging dann nach Chicago, zur Anwaltsfirma Baker&McKenzie. Dort übernahm sie 1999 die Führung – als erste Frau. Später, 2007 bis 2011, amtierte sie als erste Finanz- und Wirtschaftsministerin in Frankreich.

Christine Lagarde machte in dieser Zeit einen Fehler, als sie eine millionenschwere Entschädigung für den Unternehmer Bernard Tapie genehmigte. Ein Sondergericht verurteilte sie deshalb 2016 wegen Fahrlässigkeit. Dennoch durfte die Mutter zweier erwachsener Söhne damals an der Spitze des Internationalen Währungsfonds bleiben.

In ihrer Amtszeit beim IWF zwischen 2011 und 2019 schärfte sie in den Verhandlungen um die Rettung der Euro-Zone ihr internationales Profil. Sie begann ihren Tag um fünf Uhr morgens mit einer Tasse Tee. Von sechs Uhr an folgte Sport, dann die Arbeit mit langen Abenden. Wie sie das alles schaffe? Disziplin, erwidert sie. Kein Alkohol, keine Zigaretten, sie ernähre sich vegetarisch und bewege sich viel. In ihrer Jugend war Lagarde, gebürtige Pariserin, eine erfolgreiche Synchronschwimmerin.

Frauen, so sagt Christine Lagarde gerne, dürften als Chefs ran, wenn die Lage sehr ernst sei. Sie müssten das Chaos der Männer in Ordnung bringen. Lagarde dürfte bald erfahren, ob es so schlecht steht um die EZB.

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