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Deutschland steigt aus – zu spät für den Hambacher Forst?

Für den Streit um den Ausstieg aus dem Kohletagbau steht kein anderer Ort so beispielhaft wie das von Umweltschützern besetzte Waldstück.

Ist der Hambacher Forst wirklich gerettet? Der Abschlussbericht der Kohlekommission nennt es nur «wünschenswert».
Ist der Hambacher Forst wirklich gerettet? Der Abschlussbericht der Kohlekommission nennt es nur «wünschenswert».
Wolfgang Rattay, Reuters

Mit dem, was die Kohlekommission da ausgehandelt hat, ist Clumsy überhaupt nicht zufrieden. Der Kompromiss, den Umweltschützer, Wissenschaftler und Politiker, Gewerkschaften und Verbände in der Nacht geschlossen haben, sei «furchtbar und ziemlich schwach», kritisiert der dienstälteste Waldbesetzer im Hambacher Forst, dem alten Waldstück zwischen Aachen und Köln an der Abbruchkante des Braunkohletagebaus.

«Ich hätte sowas nicht zugestimmt.» Die Kommission habe den Ausstieg Deutschlands aus der Kohleverstromung «soweit wie möglich nach hinten geschoben», sagt der 30-Jährige. «Angesichts der Klimakatastrophe können wir doch nicht bis 2038 warten.»

Bis zu jenem Jahr 2038 sollen sämtliche Kohlekraftwerke in Deutschland vom Netz gehen. Diesen Kompromiss schlägt die Kohlekommission der Regierung vor, weil in den Kohlemeilern deutlich mehr CO2-Emissionen anfallen als in Gaskraftwerken oder natürlich bei erneuerbaren Energien.

«Hier ist ein Konsens gelungen, und das ist ein hohes Gut», lobt Armin Laschet den Vorschlag. Der CDU-Politiker ist Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, dem Land, in dem die meisten Kohlekraftwerke stehen. In keinem anderen Bundesland arbeiten so viele Menschen in Tagebau und Kohlekraftwerken.

«Gravierende Konsequenzen

Für den Streit um den Kohleausstieg steht kein anderer Ort so beispielhaft wie der Hambacher Forst. Erst im Jahr 2016 hat die damals rot-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen entschieden, dass der Energiekonzern RWE auch die letzten 200 Hektar des alten Waldes roden darf, um die Braunkohle darunter abzubauen.

Clumsy, der seine wahre Identität nicht nennt, lebt seit 2012 in einem Baumhaus auf einer alten Stieleiche in Hambach, um genau dagegen zu protestieren. Sorgen bereitet ihm nun ein Satz im Abschlussbericht der Kohlekommission: «Die Kommission hält es für wünschenswert, dass der Hambacher Forst erhalten bleibt.» Doch was genau heisst wünschenswert? «Für mich ist überhaupt noch nicht sicher, ob der Forst bleibt», sagt der Baumbesetzer.

Bildstrecke – Räumungsaktion im Hambacher Forst

Die Polizei steht mit einem Grossaufgebot für die Räumung des Forsts bereit, in welchem sich Klimaaktivisten in Baumhäusern verschanzt haben. (13. September 2018)
Die Polizei steht mit einem Grossaufgebot für die Räumung des Forsts bereit, in welchem sich Klimaaktivisten in Baumhäusern verschanzt haben. (13. September 2018)
Henning Kaiser, AFP
Eine Luftaufnahme zeigt, wie sich der Braunkohletagebau dem Wald nähert - weitere hundert Hektar Wald sollen nun gerodet werden. (11. September 2018)
Eine Luftaufnahme zeigt, wie sich der Braunkohletagebau dem Wald nähert - weitere hundert Hektar Wald sollen nun gerodet werden. (11. September 2018)
Federico Gambarini, AFP
Die Umweltschützer wehren sich gegen das Vorhaben des Energiekonzerns RWE, ab Mitte Oktober mit der Waldrodung zu beginnen. (9. September 2018)
Die Umweltschützer wehren sich gegen das Vorhaben des Energiekonzerns RWE, ab Mitte Oktober mit der Waldrodung zu beginnen. (9. September 2018)
Christophe Gateau, AFP
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Erwartet wird nun, dass die betroffenen Energiekonzerne über mögliche Entschädigungen verhandeln werden, weil der Staat in ihr Eigentum eingreifen will. «Die Vorschläge der Kommission haben gravierende Konsequenzen für das Braunkohlegeschäft von RWE», sagt Konzernchef Rolf Martin Schmitz. «Wir werden die konkreten Folgen für unser Unternehmen sorgfältig analysieren.»

Das Ausstiegsdatum 2038 halte man für «deutlich zu früh», teilt der Konzern mit, und weiter: «Den Wunsch der Kommission, den Hambacher Forst zu erhalten, sieht RWE kritisch.» Wenn der Konzern seine Braunkohlepläne nun überarbeitet, muss Nordrhein-Westfalen final die Genehmigungen erteilen. Dann erst wäre das Schicksal des Hambacher Waldes besiegelt.

Umsiedeln oder nicht?

Während Umweltschützer von Greenpeace teilweise zufrieden mit dem Ergebnis sind – Greenpeace-Chef Martin Kaiser bezeichnete den Hambacher Wald bereits als gerettet, sind die Anti-Tagebau-Aktivisten des Bündnisses «Ende Gelände» enttäuscht: «Ums Klima ging es der Kohlekommission überhaupt nicht», kritisiert Sprecherin Nike Mahlhaus. «Noch 20 Jahre Kohlekraft sind 20 Jahre Kohlekraft zu viel.»

Die Kommission habe einen «Abschaltplan für den Planeten» vorgelegt. Denn nur mit massiven CO2-Einsparungen könne die Weltgemeinschaft noch verhindern, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde um mehr als 1,5 Grad steigen könnte, mit allen negativen Folgen. Die Energiekonzerne erhielten «Geld für Nichts», moniert Mahlhaus. «Was mit dem Hambi und den Dörfern passiert, ist unklar.»

Tatsächlich droht dem Braunkohletagebau nicht nur der restliche Hambacher Wald zum Opfer zu fallen, auch sollen zwischen Aachen und Köln fünf weitere Ortschaften umgesiedelt werden. Die Empfehlungen der Kohlekommission hätten keine Auswirkungen auf die derzeit laufenden Umsiedlungen, teilt RWE mit. Diese würden «planmässig fortgeführt».

Auch Ministerpräsident Laschet betont, dass die fünf Dörfer in dem Abschlussbericht nicht genannt seien. «Die Ortschaften sind selbst zum Teil zerrissen», sagt Laschet. Während manche der Einwohner an ihren angestammten Dörfern hängen, freuen sich andere auf die vereinbarte Kompensation und eine neue Immobilie. Es ständen nun sehr viele Gespräche bevor, kündigt Laschet an.

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