«Den Bankier bringe ich zurzeit hinter mich»

Konrad Hummler über den Umbruch im Finanzsystem und seinen Rückzug aus der Bankenwelt.

«Ich habe dem schwarzen Schwan in die Augen geschaut»: Konrad Hummler, früherer Präsident der Vereinigung Schweizerischer Privatbankiers.

«Ich habe dem schwarzen Schwan in die Augen geschaut»: Konrad Hummler, früherer Präsident der Vereinigung Schweizerischer Privatbankiers.

(Bild: Keystone)

Er gehörte zu den Aushängeschildern des Schweizer Finanzplatzes. Konrad Hummler, der St. Galler Privatbankier, verschaffte sich mit seinen analytisch meist messerscharfen, aber auch provokanten Kommentaren Gehör in der Schweiz. Die von ihm verfassten Wegelin-Anlagekommentare waren legendär und nahmen Entwicklungen auf den Finanzmärkten vorweg. Mit spitzer Feder und starken Worten beschrieb Hummler die Finanzwelt und schaffte sich damit in Bankenkreisen nicht nur Freunde. Auch das Parlament und den Bundesrat nahm Hummler immer wieder ins Visier, wenn es um strategische Fragen des Finanzplatzes ging.

Das Ende der Bank Wegelin

Hummler war einer der Letzten, die sich öffentlich zum Bankgeheimnis und zum Schutz der Privatsphäre seiner Kunden bekannten. Zu Beginn dieses Jahres wurde der von ihm geführten Privatbank Wegelin & Co. aus St. Gallen, der ältesten Privatbank der Schweiz mit rund 700 Mitarbeitern, mit einer Klage aus den USA gedroht: Die nur in der Schweiz tätige Bank soll amerikanischen Kunden geholfen haben, unversteuerte Gelder zu verstecken, so lautet der Vorwurf aus Übersee. Als Folge dieser Drohung wurde das Institut der ­Gefahr der Handlungsunfähigkeit aus­gesetzt, weil es durch ein mögliches Verfahren vom internationalen Bankenmarkt ausgeschlossen werden könnte.

Hummler und seine Partner, alle mit ihren gesamten privaten Vermögen ­haftende Teilhaber der Bank Wegelin, verkauften den nicht-amerikanischen Teil ihres Instituts Ende Januar an die ­Raiffeisengruppe. Dabei blieben alle ­Arbeitsplätze erhalten. Kurz nach dem Verkauf an Raiffeisen wurde gegen die Bank Wegelin Anklage erhoben.

Seither ist es still geworden um den streitbaren St. Galler Bankier. Einer seiner seltenen öffentlichen Auftritte hat er heute Abend, als Gastredner der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, in Basel. Die BaZ besuchte ihn im Vorfeld zum Gespräch und traf auf einen Mann, dem die Unterhaltung über ungewöhnliche oder gar unheimliche Phänomene an den Finanzmärkten sichtlichen Spass bereitet. Bedingung für das Gespräch war, dass die Strafklage in den USA nicht Thema ist. Solange das Verfahren läuft, kann und wird sich Hummler nicht ­öffentlich dazu äussern.

Herr Hummler, Ihre öffentlichen Auftritte sind aus bekannten Gründen seltener geworden. Freuen Sie sich auf heute Abend?
Ja, das tue ich. Dass die Einladung aufrechterhalten wurde, freut mich ebenfalls. Schliesslich möchte ich auch in Übung bleiben.

Sprechen Sie gar nicht mehr öffentlich?
Doch, allerdings im kleineren Rahmen als früher. Und vermehrt im akademischen Bereich, also an Universitäten oder Fachhochschulen, weniger vor breitem Publikum.

Heute sprechen Sie über: «Realwirtschaft und Finanzsystem: Werden die Karten neu gemischt?» Was erwartet die Zuhörer?
Es geht um die Blackbox Finanz­system.

Sie als Banker sprechen beim Finanzsystem von einer Blackbox?
Bei meinem Vortrag geht es vor allem um systemische Fragen. Wenn man das Finanzsystem als Ganzes betrachtet fliesst irgendwo Kapital hinein und irgendwo an einem anderen Ort kommt es wieder raus. Was dazwischen passiert, will ich heute beleuchten. Mich interessiert, wie es zu dieser immensen Expansion im System kommen konnte.

Wie sieht diese Expansion aus und lässt sich das in Zahlen ausdrücken?
Der Finanzsektor ist seit 1987, als Alan Greenspan den Vorsitz der amerikanischen Notenbank übernahm und mit der Ausweitung der Geldmenge begann, überdurchschnittlich gewachsen, verglichen mit der übrigen Wirtschaft. Bis Ende der 1980er-­Jahre lag der Gewinnanteil des Finanzsektors etwa bei zehn Prozent. 2007, also vor dem Ausbruch der Finanzkrise, waren es zwischen 45 und 50 Prozent. Das nach Abzug der Bonuszahlungen. Dieser Gewinnanteil ist gemessen an der Wertschöpfung deutlich zu hoch. Und damit ein Signal, dass etwas nicht stimmen kann.

In einem funktionierenden Wettbewerb sollte das doch gar nicht möglich sein.
Eigentlich nicht. Aber im Finanzsystem gibt es stark verzerrende Effekte, es herrscht also kein Markt. Die verschiedenen Akteure, also die Geschäftsbanken, die Zentralbanken, aber auch die Staaten und ihre Regierungen, bilden ein abgeschlossenes System, eben die Blackbox. Wettbewerb gibt es da nur beschränkt.

Das hört sich fast schon nach kartellähnlichen Zuständen an.
So weit würde ich jetzt nicht gehen. Die übermässigen Gewinne haben zwei Gründe: Die erwähnten verzerrenden Effekte. Und der Zinstrend, die sinkenden und rekordtiefen ­Zinsen.

Das Finanzsystem hat also einige ­Herausforderungen zu meistern?
Momentan ist ein starker Umbruch zu beobachten. Die tiefen Zinsen lassen wenig Spielraum für Phantasien. In der Finanzindustrie herrscht derzeit Flaute. Die Kosten nehmen aber trotzdem weiter zu. Hinzu kommt die Regulierung von verschiedenen Seiten, was ein Aufstocken von Rechts- und Complianceabteilungen – und natürlich zusätzliche Kosten – zur Folge hat.

Diese zusätzlichen Vorschriften sind doch eine Folge der Exzesse und falsch kalkulierten Risiken, an deren Ende die jetzige Krise steht. Mit den neuen Basel-Vorschriften sollen die Risiken vermindert werden, indem mehr Kapital benötigt wird. Aufgrund der Erfahrungen eine logische Folge, oder?
Das Basel-III-Regelwerk, aber auch schon Basel I und II basieren in erster Linie auf Datenreihen aus der Vergangenheit, die die Welt zu erklären versuchen. So ist die Welt und so sind die ungefähren Möglichkeiten, was passieren könnte. Daran orientiert man sich und organisiert sich so, dass diese Risiken nicht mehr möglich sein sollen.

Das überzeugt Sie nicht?
Nein, ich glaube, das reicht nicht. Man muss die vermeintliche Normalität infrage stellen, das «Undenkbare» denken.

So wie Nassim Talebs schwarzer Schwan?
Genau so. Man muss sich vorstellen, dass ein Risiko, auch wenn es noch so klein scheint, tatsächlich eintreffen kann und auch eintreffen wird.

Das ist Ihnen persönlich mit der bis dahin für fast unmöglich gehaltenen Strafklage gegen eine Schweizer Bank ja genau passiert …
Sie sagen es. Ich habe diesem schwarzen Schwan in die Augen geschaut und ich kann also bestätigen, dass es ihn gibt. Aber «Spass» beiseite. Ich fühle mich durch mein persönliches Erlebnis in der Tat mehr legitimiert, über solche Dinge zu sprechen als vorher.

Kommen wir auf den Finanzplatz Schweiz zu sprechen. Wie steht es um die Branche in der Schweiz?
Die Zeichen stehen klar auf Flaute: Die Zinsen sind tief, die Volatilitäten entsprechen den effektiven Risiken nicht, die Währungssituation ist unberechenbar – das alles spricht nicht für das Bankgeschäft. Und auch von der rechtlichen Seite spricht fast alles gegen Wachstum.

Was sprechen Sie konkret an?
Vor allem im grenzüberschreitenden Geschäft herrscht grosse Unsicherheit. Diese Entwicklung ist nicht förderlich: Gerade im Vermögensverwaltungsgeschäft, traditionell der wichtigste Bereich in der Schweiz, sind Sicherheit und Berechenbarkeit wichtig.

Glauben Sie, dass unser Bundesrat in der ganzen Steuerdebatte falsch entschieden hat?
Für ein Urteil ist es aus meiner Sicht noch zu früh.

Sie überraschen uns. Gerade von Ihnen hätten wir eine pointiertere Antwort erwartet.
Diese kann ich nicht geben. Fakt ist, dass sehr viele Faktoren von aussen mit hineinspielen, die man nicht ­beeinflussen kann. Die Realitäten haben sich geändert. Und auch in der Schweiz hat sich die Gesellschaftspolitik geändert, was ebenfalls in den Entscheid der Regierung hineinspielt.

Aber Hand aufs Herz. Sie treten deutlich weniger bestimmt und angriffig in Erscheinung als noch vor einem Jahr.
Diesen Eindruck will ich Ihnen nicht nehmen. Aber es ist ja nicht verboten, wenn man mit der Zeit vielleicht ­etwas staatsmännischer wird. Erfahrungen prägen halt.

Haben Sie eigentlich Freunde verloren?
Ich hatte nie die Illusion, dass ich so viele Freunde habe, wie es damals schien. Das Gute an meiner Erfahrung ist, dass ich nun sehe, wer Freund ist und wer nicht.

Sie werden im kommenden Jahr 60 Jahre alt. Schreiben Sie Ihre Memoiren?
Sicher nicht. Ich bin noch ganz und gar nicht in Rückblickstimmung. Ich muss noch etwas Neues anpacken.

Eine Bank Hummler vielleicht?
Nein. Den Bankier bringe ich zurzeit hinter mich. Wenn die Bank Wegelin endgültig abgewickelt ist, dann ist auch für mich die Zeit als Bankier vorbei. Ich werde also etwas anderes ­machen. Es gibt genügend Möglichkeiten – in unternehmerischer, akademischer oder kultureller Richtung.


Konrad Hummler spricht heute auf Einladung der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft zum Thema «Realwirtschaft und Finanzsystem: Werden die Karten neu gemischt?» Beginn: 18.15 Uhr, Aula Universität Basel, Petersplatz.

Basler Zeitung

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