Das WEF sieht schwarz

Extremes Wetter, Cyber-Attacken, soziale Ungleichheit: So pessimistisch wie 2019 war der globale Risikoreport noch nie.

Die Abnahme internationaler Zusammenarbeit schwäche auch die Weltwirtschaft, warnt das Weltwirtschaftsforum. Foto: Keystone

Die Abnahme internationaler Zusammenarbeit schwäche auch die Weltwirtschaft, warnt das Weltwirtschaftsforum. Foto: Keystone

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Schlafwandeln wir in eine Krise? Mit diesem dramatischen Weckruf leitet das Weltwirtschaftsforum (WEF) seinen globalen Risikoreport ein. Und so pessimistisch wie die Einleitung geht es im Bericht weiter.

Die Welt befinde sich «auf dem Weg in eine neue Phase der nationalstaatlich orientierten Politik», hält der Bericht fest. Während Konflikte zwischen Staaten in jüngster Zeit weltweit deutlich zunehmen, gehe die internationale Zusammenarbeit zurück. Diese wäre gerade jetzt besonders gefragt, da die Wirtschaftsentwicklung nach Jahren mit sehr hohem Wachstum weltweit schwächele.

Auch die Risiken der globalen Schuldenlast werden betont. Mit rund 225 Prozent des weltweiten Wirtschaftsausstosses ist sie sogar noch höher als vor der Finanzkrise, die sie mit ausgelöst hat. Dabei handelt es sich nur um einen Durchschnittswert aller Länder – in einzelnen ist die Lage deutlich dramatischer.

Drei Arten von Risiken

Der Bericht unterscheidet zwischen drei Arten von Risiken: besonders dringende, hoch wahrscheinliche und solche mit der grössten negativen Wirkung. Bei den dringendsten dominieren geopolitische und geoökonomische Spannungen zwischen den Grossmächten. Dazu gehört auch der Handelsstreit zwischen China und den USA.

Bei den Risiken mit der grössten Eintrittswahrscheinlichkeit besetzen Sorgen um die Umwelt und das Klima die Spitzenplätze:

  • 1. extreme Wetterereignisse;
  • 2. die Gefahr, dass Massnahmen gegen den Klimawandel scheitern;
  • 3. das Auftreten von Naturkatastrophen.

An vierter und fünfter Stelle finden sich Sorgen im Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung: Datenbetrug und Datenklau, gefolgt von Cyber-Attacken.

Die Liste der Risiken mit der grössten Eintrittswahrscheinlichkeit dominieren im Report extreme Wetterereignisse. Bei den Risiken mit den schlimmsten Folgen nehmen Umweltthemen sogar vier von fünf Spitzenplätzen ein: Das Scheitern von Massnahmen gegen den Klimawandel folgt hier an zweiter Stelle nach einem möglichen Einsatz von Massenvernichtungswaffen, an dritter Stelle folgen extreme Wetterereignisse, gefolgt von Wasserkrisen und Naturkatastrophen.

Die gewachsene Ungleichheit innerhalb entwickelter Länder – im Vordergrund dürften hier die USA stehen – lasse den sozialen Zusammenhang erodieren.

Neu widmet sich der Risikobericht auch den unmittelbaren Folgen des sozialen, ökonomischen und politischen Wandels auf das menschliche Befinden durch das Umfeld. Weltweit seien heute schätzungsweise 700 Millionen Menschen von psychischen Krankheiten betroffen.

Ein gemeinsames Thema in dieser Entwicklung sei «der psychische Stress, der durch ein Gefühl des Kontrollverlusts angesichts von Unsicherheit entsteht», schreibt das WEF. Das abnehmende psychologische und emotionale Wohlbefinden beeinflusse auch die bestehenden globalen Risiken durch die Folgen auf den sozialen Zusammenhalt und die Politik. Damit dürfte der wachsende Einfluss von Populisten angesprochen sein.

Der Bericht stellt in diesem Zusammehang fest, dass die gewachsene Ungleichheit innerhalb entwickelter Länder – im Vordergrund dürften hier die USA stehen – den sozialen Zusammenhang erodieren lasse. Sie wirke sich auch negativ auf die wirtschaftliche Leistung des Landes aus.

Negative Auswirkungen hat dabei auch, dass die Mittel der Öffentlichkeit im Vergleich zur Entwicklung des privaten Wohlstands auf der Strecke geblieben seien – und dies gleich in mehreren entwickelten Ländern. Eine Folge davon sei, dass das öffentliche Vertrauen als wichtiger Faktor auch für die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern kleiner geworden sei.

Als weitere negative Entwicklung nennt der Bericht die äusserste Armut: Während die Zahl an Personen mit Unterernährung bis vor wenigen Jahren deutlich zurückgegangen ist, steigt sie jetzt wieder an. Das ist laut dem Bericht eine Folge gewachsener Konflikte in armen Ländern.

Mit Blick auf Schwellen- und entwickelte Länder zeigt das WEF immerhin, dass die meisten Menschen noch immer der Meinung sind, dass es ihnen besser gehe als ihren Eltern. Am ausgeprägtesten ist das in China der Fall. Bei entwickelten Ländern ist das generell weniger ausgeprägt. In Frankreich ist sogar eine deutliche Mehrheit der Ansicht, der Elterngeneration sei es besser gegangen.

Seinen Bericht veröffentlicht das WEF jedes Jahr in der Woche vor dem Treffen der Weltelite in Davos. Der Bericht basiert auf einer Befragung von rund 1000 Entscheidungsträgern, mit denen das WEF einen Austausch betreibt. Weiter fliesst die Ansicht von Experten ein. Daran mitgearbeitet haben auch die Schweizer Versicherung Zurich, die Bank Marsh & McLennan und zwei Universitätsinstitute.

Tages-Anzeiger

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