Chinesen dominieren die Baselworld

China ist nicht mehr aus der Uhrenindustrie wegzudenken. Das zeigt auch die Baselworld. Schweizer Firmen fürchten um ihre Vormachtstellung.

Erstmals eine eigene Pressekonferenz für die rund 500 Journalisten aus China organisiert: Besucher der Baselworld.

Erstmals eine eigene Pressekonferenz für die rund 500 Journalisten aus China organisiert: Besucher der Baselworld.

(Bild: Kostas Maros)

Etwa 3500 Journalisten aus 70 Ländern berichten in diesen Tagen über die Baselworld. Allein 500 kommen aus China, wo der Verkauf von Schweizer Uhren bis vor Kurzem boomte. DieChina-Exporte sind zwar etwas zurück gegangen, doch zählt dieser Markt noch immer zu den wichtigsten der Schweizer Uhrenindustrie. Um dem Stellenwert Chinas gerecht zu werden, veranstaltete die Messeleitung gestern erstmals eine Medienkonferenz für chinesische Journalisten.

Begrüsst wurden die Medienschaffenden von Messe-CEO René Kamm auf Mandarin, was sofort anerkennenden Beifall auslöste. «Ich habe ein wenig Mandarin gelernt, damit ich China noch besser kennenlerne», meinte Kamm, dessen Name auf Chinesisch offenbar Gesundheit bedeutet. «China ist einer der wichtigsten Wirtschaftspartner der Schweiz», betonte der Messechef. Messeleiterin Sylvie Ritter stellte den Neubau und die Eckpfeiler der dies jährigen Messe vor und François Thiébaud, Präsident des Schweizer Ausstellerkomitees, die Exportzahlen.

Mit der Simultanübersetzung von Chinesisch ins Deutsche haperte es zwar, doch konnte René Kamm mit seinen Chinesischkenntnissen in die Bresche springen. Welchen Stellenwert die chinesischen Aussteller an der Baselworld hätten, wollte eine Journalistin von Sylvie Ritter wissen. Es würden Verhandlungen über eine Vergrösserung des China- und des Hongkong-Pavillons auf die Baselworld 2014 hin geführt, antwortete Ritter. Dass es Pläne gibt, eine Tochtermesse in Asien durchzuführen, dementierte Kamm: «Es gibtnur eine Baselworld.»

Rund eine Stunde dauerte die erste chinesische Medienkonferenz an der Baselworld, dann stellten sich die Journalisten brav in die Schlange vor dem chinesischen Buffet.

China kauft Uhrenfirmen

Als Käufer und Produzent ist China bereits seit einigen Jahren nicht mehr aus der Uhrenindustrie wegzudenken. Seit der grossen Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007/2008 stehen nicht mehr die USA an erster Stelle der Absatz märkte. Stattdessen figuriert Hongkong zuoberst auf der Liste. Uhren im Wert von 4,4 Milliarden Franken haben die Schweizer Uhrmacher im letzten Jahr in die ehemalige britische Kronkolonie geliefert. Ein Fünftel der Schweizer Uhrenproduktion ging 2012 nachHongkong, fast 28 Prozent sind es, wenn man den Absatz in Hongkong und in China zusammenrechnet.

Auch als Hersteller von Uhren ist China ein Gigant, zumindest mengenmässig. Als Faustregel gilt: ein Zweitel und zwei Prozent versus zwei Prozent und ein Zweitel. In China wird zwar jede zweite Uhr der Welt hergestellt, aber die chinesische Uhrenproduktion macht nur zwei Prozent des Werts der weltweiten Uhrenproduktion aus. Im Uhrenland Schweiz ist es genau umge kehrt: zwei Prozent der Uhren und ein Zweitel des Werts.

Fiyta, eine chinesische Ausnahme

Die chinesische Uhrenindustrie ist noch immer eine Billigindustrie. Nur ganz vereinzelt können chinesische Marken in den oberen Segmenten mit den Schweizer Marken mithalten. Marken wie die 1987 gegründete Fiyta sind die Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. In diesen Tagen logiert die Marke, die 2008 bei der ersten bemannten chinesischen Raumfahrtmission mit von der Partie war, in Basel in der Halle 1.1, zusammen mit so klingenden Namen wie Hermes, Fendi, Versace und Harry Winston.

Nun jedoch sieht sich die schweizerische Uhrenindustrie mit einem Phänomen konfrontiert, das ihre Ausnahmestellung im Luxussegment infrage stellen könnte: dem Kauf schweizerischer Uhrenfirmen durch chinesische Investoren. Bereits vor zwei Jahren hat sich der chinesische Konzern Haidian die defizitäre Grenchner Traditionsfirma Eterna einverleibt, eine Marke, die im mittleren und oberen Segment zu Hause ist. Nun wurde, just am Vortag der Eröffnung der Baselworld, bekannt, dass die in Hongkong domizilierte Haidian auch bei Corum, der Edelmarke aus La Chaux-de-Fonds, den Zuschlag bekommen hat. Verkaufspreis: 86 Millionen Franken.

Der Konzern, der mit Rossini und Ebohr bereits zwei der wichtigsten chinesischen Marken besitzt, kann damit bereits drei Schweizer Marken sein Eigen nennen. Nebst Eterna und Corum hat er mit Codex in Biel auch eine eigene Marke aufgebaut. Die neuen Besitzer aus Hongkong hielten sich in den letzten Tagen im Hintergrund. Corum-Chef Antonio Calce sprach im Westschweizer Fernsehenvon «extrem klaren Garantien» bezüglich der Zukunft von Corum. Das Unternehmen werde in La Chaux-de-Fonds bleiben. Die 1955 gegründete Firma beschäftigt 130 Mitarbeiter in den Neuenburger Bergen. Zudem hätten die neuen Besitzer zugesichert, in die Marke zu investieren, sagte Antonio Calce.

Vorerst dürfte sich in La Chaux-de-Fonds mit dem neuen Besitzer deshalb wenig ändern. Das Beispiel von Eterna zeigt jedoch, dass das nicht so bleiben muss. Der Solothurner Uhrenhersteller steht seit dem Abgang von Patrick Kury Mitte April ohne Geschäftsführer da. Zeitungsberichten zufolge soll es Differenzen bei der strategischen Ausrichtung gegeben haben. Patrick Kury habe in die Produktion eigener Uhrwerke investieren wollen, um damit die Abhängigkeit von der Swatch Group zu verringern. Die Zukunft des Grenchner Unternehmens ist zurzeit völlig offen.

Derweil gehen die Meinungen darüber auseinander, mit welchen Risiken die Übernahme schweizerischer Uhrenfirmen durch chinesische Investoren für die Industrie verbunden ist. Xavier Comtesse, Chef der Westschweizer Antenne von Avenir Suisse, wiegelt ab: «Es gibt kaum noch unabhängige Marken.» Die meisten Marken befänden sich bereits im Schoss eines grossen Konzerns, sei es Swatch, Richemont oder LVMH. «Die grosse Verkaufswelle in der Uhrenindustrie fand nach der Krise der Achtzigerjahre statt.»

Gefahr des Technologietransfers

Skeptischer ist der Freiburger Nationalrat Dominique de Buman (CVP). Er befürchtet, dass es zu einem Technologietransfer kommen wird. Corum sei unabhängig gewesen; die Firma verfüge deshalb über das ganze uhrmacherische Savoir-faire. «Das macht die Firma interessant für China», sagte er dieser Tage dem Westschweizer Radio. «Man wird die eigenen Leute ausbilden und man wird das Wissen nach China verlagern.» Dominique de Buman ist deshalb der Meinung, dass der Staat Übernahmen verhindern können soll, wenn sie dem nationalen Interesse widersprächen. Er hat dazu einen Vorstoss gemacht. «Man soll mir dereinst nicht sagen können, ich hätte die Alarmglocke nicht gezogen», sagte er. Dass er deswegen als Protektionist bezeichnet werde, nehme er in Kauf.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt