«Bezos braucht einen Boss»

Der Amazon-Chef ist CEO und Verwaltungsrat in einem. Aktivisten wollen das ändern. Fälle wie diesen gibt es auch in der Schweiz.

Ist sein eigener Chef: Amazon-CEO Jeff Bezos.

Ist sein eigener Chef: Amazon-CEO Jeff Bezos.

(Bild: Reuters Lindsey Wasson)

Caroline Freigang@c_freigang

Er ist gleichzeitig Gründer, CEO und Verwaltungsratspräsident von Amazon: Jeff Bezos ist sozusagen sein eigener Boss. Denn der VR-Präsident übersieht die Geschäftsleitung, also das Amt des CEO. Dass sich bei Bezos derart viel Macht konzentriert, sorgt in den USA für Unmut.

Vor der Generalversammlung von Amazon am Mittwoch hat die Konsumentenorganisation SumOfUs einen Aktionärsvorschlag eingereicht. In diesem fordert sie, dass ein unabhängiger Verwaltungsratspräsident eingesetzt werde und somit mehr Kontrolle über Bezos bestehe. «Wir glauben, dass die Kombination dieser beiden Rollen in einer einzigen Person, CEO und Verwaltungsrat, die Governance eines Unternehmens schwächt», schreibt die Organisation. Dies wiederum schade den Aktionären. «Jeff Bezos ist der Kopf eines Imperiums – und es gibt keine Aufsicht über ihn», sagte Salma Mirza, Kampagnenleiterin bei SumOfUs.

Flugzeug mit Banner

Um ihr Anliegen zu unterstreichen, flogen die Aktivisten mit einem Flugzeug um das Gelände der Fremont Studios in Seattle, auf dem die Generalversammlung stattfand. Das Flugzeug zog ein Banner mit den Worten: «Bezos Needs a Boss» hinter sich her.

Vor den Studios waren zudem Schilder mit denselben Worten zu sehen.

«Es besteht ein klarer Interessenkonflikt, wenn der Verwaltungsrat, der den CEO überwachen und die Aktionäre vertreten soll, vom CEO präsidiert wird», ergänzte Lisa Lindsley, Kapitalmarktberaterin bei SumOfUs, in einer Erklärung. Es brauche einen unabhängigen Verwaltungsratspräsidenten, damit dieser die Interessen der Aktionäre effektiv vertrete.

Verwaltungsrat verweist auf Aktienkurs

Amazons Verwaltungsrat empfahl, den Vorschlag abzulehnen. Er sei der Ansicht, dass Bezos' Rolle bei der Gründung von Amazon sowie seine bedeutende Beteiligung an der Gesellschaft ihn gut positioniere, um mit dem Verwaltungsrat bei den wichtigsten politischen und operativen Fragen zusammenzuarbeiten. Dies würde dem Unternehmen helfen, im langfristigen Interesse der Aktionäre zu handeln.

Die Aktie von Amazon habe sich in den letzten Jahren deutlich besser entwickelt als der S&P-500-Index, der die Aktien von 500 der grössten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst. In den letzten fünf Jahren sei die Amazon-Aktie um 450 Prozent gestiegen, der S&P 500 um 88 Prozent.

Vorschlag abgelehnt

Der Vorschlag von SumOfUs wurde an der Aktionärsversammlung abgelehnt. 26 Prozent stimmten immerhin für die Änderung im Verwaltungsrat. SumOfUs sagte im Nachhinein, es seien wohl eher gegen 40 Prozent dafür gewesen, wenn man beachte, dass Bezos selbst 16,7 Prozent der Aktien am Unternehmen halte. Ausserdem rechne Amazon Enthaltungen als Stimmen gegen die Anträge.

Bezos ist nicht der Einzige, der sowohl CEO wie auch Verwaltungsratspräsident ist. Auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg bekleidet beide Ämter, dasselbe gilt beim IT-Konzern Salesforce. Zuckerberg wurde bereits von Aktionären für seine Doppelrolle kritisiert.

Fälle auch in der Schweiz

Auch in der Schweiz gibt es entsprechende Fälle: Magdalena Martullo-Blocher etwa ist CEO der Ems-Chemie-Gruppe sowie Vizepräsidentin des Verwaltungsrats. Auch der zurückgetretene Actelion-CEO Jean-Paul Clozel war Verwaltungsrat im Unternehmen. Bei Swatch ist Nick Hayek CEO und Verwaltungsrat, seine Schwester Nayla Hayek steht diesem vor.

«Ist der CEO auch noch Verwaltungsrat im gleichen Unternehmen, kann er sein eigenes Schicksal deshalb in Teilen selbst bestimmen und sich auch teilweise selbst beaufsichtigen. Das führt zu einer Machtballung beim CEO», sagte Christophe Volonté, Head Corporate Governance bei der Nachhaltigkeitsrating-Agentur Inrate, zu «Finanz und Wirtschaft». «Das Hauptrisiko ist, dass der Verwaltungsrat in solchen Fällen seine Unabhängigkeit in Aufsichtsbelangen verliert», sagte Vincent Kaufmann, Direktor der Ethos-Stiftung, der Zeitung. Das sei deshalb problematisch, weil in der Regel ein Informationsgefälle zwischen dem CEO und den unabhängigen VR-Mitgliedern existiere.

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