«Bei der Welle 7 kommen täglich 50'000 Reisende vorbei»

Frankenstärke und Einkaufstourismus haben im ver­gangenen Jahr im Ergebnis der Genossenschaft Migros Aare ­Spuren hinterlassen. Migros-Aare-Chef Beat Zahnd hofft auf das neue Einkaufszentrum Welle 7, das im August eröffnet wird.

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Herr Zahnd, das letzte Geschäftsjahr entwickelte sich für die Migros Aare nicht optimal. Woran liegt das?Beat Zahnd: Wir sind gut unterwegs. Aber in einem enorm herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld. Für die Migros Aare war 2015 das wohl härteste Geschäftsjahr der letzten 30 Jahre. Dennoch konnten wir den Umsatz teuerungsbereinigt leicht steigern, was eine starke Leistung ist. Es geht uns jedoch wie vielen anderen auch: Die Aufhebung des Euromindestkurses stellt uns vor schwierige Aufgaben.

Wie haben Sie darauf reagiert?Wir mussten zum Glück nicht speziell reagieren. Schon vor rund drei Jahren haben wir damit begonnen, Szenarien zu entwickeln, was passiert, wenn der Euromindestkurs aufgehoben würde. Wir haben unser Sortiment um über 50 Millionen Franken verbilligt. Bildhaft übersetzt haben wir 110 Millionen Bananenjoghurts verschenkt.

Die Migros Aare ist in den Kan­tonen Bern, Solothurn und ­Aargau tätig. Welche sind am stärksten vom Einkaufstourismus betroffen?Beim ersten Eurosturz im Jahr 2011 waren es vor allem die Filialen in Grenznähe, die unter dem Einkaufstourismus litten. Heute sind die Unterschiede zwischen Leuten, die nahe an der Grenze oder irgendwo im Mittelland wohnen, beim Einkaufsverhalten nicht mehr gross: Zahlreiche Konsumenten fahren heute regelmässig über die Grenze und nehmen dafür 100 Kilometer Fahrweg in Kauf. Sie kaufen dann auch mal für 700 bis 800 Franken ein. Beliebt sind vor allem Fleisch oder Kosmetika.

Aber Sie könnten doch mehr Druck auf die Hersteller und die Importeure ausüben, damit die Preise konkurrenzfähiger ­werden.Die Migros ist von dieser Problematik glücklicherweise weniger betroffen. Rund 80 Prozent der Produkte in unserem Sortiment stellen wir selber als Eigenmarken in der Schweiz her. Es gibt aber zweifellos ausländische Lieferanten, welche die hohe Kaufkraft der Schweizer Konsumenten im Visier haben und diese auszunützen versuchen. Als Detailhändler kann man deren Produkte knallhart aus den Regalen streichen oder auf Parallelimporte setzen. Aber beides ist auf die Dauer keine zufriedenstellende Lösung. Wir suchen das Gespräch und verhandeln.

Werden Sie wegen des Einkaufstourismus Filialen ­schliessen oder Personal abbauen?Das kann ich ausschliessen. Die Migros Aare wird sich dem Wandel im Handel anpassen. Wir wollen mit neuen innovativen Geschäftsmodellen wachsen und in bestehenden Märkten noch besser werden.

Die Migros Aare wächst stetig – etwa auch in der Berner Innenstadt. Die Ladenfläche der ehemaligen Post am Bärenplatz hat sie ebenso übernommen wie eine dreistöckige Fläche an der Zeughausgasse. Wie stark wollen Sie in der Stadt Bern noch wachsen?Es geht nicht um die Flächen. Es geht darum, dort zu sein, wo sich die Kundenströme bewegen und wo wir ein echtes Bedürfnis für unsere vielfältigen Angebote und Marken ermitteln. Das sehen Sie zum Beispiel in der Gastronomie. Hier haben wir in der Berner Innenstadt jüngst die Pilotfiliale für den modernen Take-away My Way eröffnet, zudem einen Take-away-Ableger unseres erfolgreichen Thai-Restaurants Cha Chà oder gemeinsam mit der Sportgastro AG des SC Bern das hochstehende The Beef Burger.

Ist ein Ende der Expansion absehbar?Noch einmal: Wir streben nicht ein Wachstum des Wachstums wegen an. Jede Neueröffnung muss entlang unseres Kerngeschäftes absolut Sinn machen. Nur dann versuchen wir uns neue ideal gelegene Standorte zu ­sichern.

Am 8. August eröffnen Sie am Hauptbahnhof die Welle 7, ein innerstädtisches Konzeptcenter. Gibt es nicht schon genug Einkaufszentren?Das ist nicht der springende Punkt. Es geht vielmehr darum, dass der Markt entlang der Pendlerströme stark wächst. Alleine bei der Welle 7 kommen täglich 50 000 Reisende vorbei. An solchen Punkten will die Migros Aare präsent sein. Mobile Menschen mit knappem Zeitbudget finden hier Lösungen in den Bereichen Business, Genuss, Bildung und Shopping. Die Welle 7 ist einzigartig in der Schweiz, ich wage sogar zu behaupten: einzigartig in Europa.

Geplant ist auch die Eröffnung einer Waschbar. Soll hier ein Treffpunkt für Singles ent­stehen?Das ist eine schöne Idee. Wenn die Migros mit diesem Lokal dazu beitragen kann, dass Singles hier die Liebe ihres Lebens finden, freut uns dies. Aber das wäre bloss ein Nebeneffekt. Es geht weniger um einen Ort für Alleinstehende, sondern darum, dass in Städten wie Bern mehr als 50 Prozent der Menschen allein leben. Für diese bieten wir passende Lösungen – etwa, indem wir eine coole Gelegenheit schaffen, wo man seine Kleider waschen, gemütlich etwas trinken, Livemusik hören und andere Menschen treffen kann.

Online ist omnipräsent – welche Antworten hat die Migros Aare darauf?Die Digitalisierung krempelt ganze Branchen um. Dies gilt auch für den Detailhandel. Die Migros ist dabei hervorragend positioniert. Schon heute sind wir etwa mit Le Shop, Digitec, Galaxus, Ex Libris oder unseren Fachmärkten die grösste Onlinehändlerin der Schweiz. Für den stationären Handel bedeutet dies, dass er ­seine Stärken noch besser ausspielen muss: die Emotionen, die ausgeprägte Servicequalität. Und letztlich geht es darum, diese zwei Welten optimal zu ver­knüpfen.

Was meinen Sie damit?Ein grosses Thema für uns ist Omnichannel – also die Vernetzung von online und offline entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Wobei wir es hier mit spannenden Mitbewerbern zu tun haben. Nicht Coop, Aldi oder Lidl sind die wichtigsten Konkurrenten von morgen – sondern Google, Amazon oder Uber.

Warum gerade Google oder Uber?Weil es solche global orientierten Unternehmen mit grosser Vehemenz schaffen, disruptive Geschäftsmodelle zu kreieren und umzusetzen – und dies in einem atemberaubenden Tempo. Der Detailhandelsmarkt ist voller lukrativer Geschäftsideen. Das haben Google und Co. längst erkannt. Und dafür müssen wir gewappnet sein.

Besonders die Fachmärkte der Migros leiden unter der Onlinekonkurrenz. Bereitet Ihnen das Sorgen?Die Migros ist im Onlinemarkt hervorragend aufgestellt, deshalb halten sich meine Sorgen in Grenzen. Aber für unsere stationären Fachmärkte Do It + Garden, M-Electronics, Micasa, Obi und SportXX sind die Herausforderungen mittelfristig zweifellos sehr gross. Doch auch hier bietet Omnichannel neue Chancen. So ermöglicht unser PickMup-Angebot den Kunden beispielsweise, ihre Onlinebestellungen dort abzuholen, wo sie wollen und wann sie wollen. Dafür ist unser dichtes Filialnetz von höchster Bedeutung.

In einem Jahr wird der nationale Migros-Chef Herbert Bolliger altershalber seinen Posten verlassen. Werden Sie der Nachfolger?Dazu gebe ich keinen Kommentar ab.

Verraten Sie uns etwas zu den Zielen der Migros Aare für 2016?Wir wollen auch 2016 schneller wachsen als der Markt. Und persönlich wünsche ich mir, dass wir dank weiteren Innovationen wie zum Beispiel der Welle 7 die Schrittmacherin innerhalb der Migros-Gruppe und im schweizerischen Detailhandel bleiben.

Berner Zeitung

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