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Autokonzerne kämpfen ums Überleben

Entlassungen, Kurzarbeit und Fusionsgespräche: Die Autobranche in den USA und Europa steckt in ihrer schwersten Krise. Bankrotte sind nicht mehr ausgeschlossen.

Muss der Staat bald anfangen, auch Autohersteller zu retten? In den USA zeichnet sich zumindest ab, dass die seit Wochen diskutierte Fusion zwischen General Motors (GM) und Chrysler nicht ohne Hilfe der Steuerzahler passieren könnte: GM fehlen schlicht die nötigen Mittel, um den Rivalen zu übernehmen, auch wenn die Gespräche offenbar gut vorankommen. Und Banken sind derzeit nicht bereit, bei der Finanzierung auszuhelfen – nicht nur, weil sie wegen der Finanzkrise ohnehin zurückhaltend sind mit Krediten, sondern auch, weil die Aussichten der Autoindustrie sich derart düster präsentieren.

Am Freitag hat Chrysler bekanntgegeben, man werde bis Ende Jahr weitere 5000 Angestellte entlassen. Diesmal trifft es nicht die Fabrikarbeiter, sondern die Bürojobs. Rund 25 Prozent sollen bis Dezember verschwinden. Auch GM hat weitere Entlassungen angekündigt, ohne jedoch bereits konkrete Zahlen zu nennen. Analysten schätzen, dass eine Fusion der beiden Unternehmen allein bei Chrysler rund 66’000 Angestellte den Job kosten könnte – dies nachdem die drei grossen, in Detroit angesiedelten Autohersteller seit 2005 bereits 100’000 Jobs abgebaut haben.

Einen schweren Schlag hat auch Ford diese Woche einstecken müssen: Multimilliardär Kirk Kerkorian hat begonnen, seine Ford-Aktien zu verkaufen – und angekündigt, dass er möglicherweise seinen ganzen Anteil von 6,43 Prozent loswerden will. Sein Einstieg bei Ford im Frühling wurde als Vertrauenszeichen in das Unternehmen gedeutet, sein abrupter Ausstieg ist nun ein Alarmsignal.

Branchenbeobachter schliessen nicht mehr aus, dass einer der grossen Drei bankrott gehen könnte, insbesondere falls die Fusion zwischen GM und Chrysler nicht zustande kommt. Seit Jahresbeginn sind die Autoverkäufe der drei Konzerne um zwischen 17 und 25 Prozent gesunken. «Wir sind an dem Punkt, wo wir entscheiden müssen, ob wir bereit sind, die amerikanische Autoindustrie zugrunde gehen zu lassen», sagt David Cole, Präsident des Center for Automotive Research in Michigan. «Es hängt davon ab, für wie dringlich die Regierung es hält, diese Unternehmen zu retten.»

An der Autoindustrie hängt viel

Ein Zusammenbruch der US-Autohersteller hätte grosse wirtschaftliche und soziale Konsequenzen. Gemeinsam beschäftigen sie alleine in den USA über 200’000 Personen und gewährleisten Krankenversicherungen und Pensionen für über eine Million Menschen. Ausserdem sind sie die Basis für die Arbeit von rund 20’000 Autohändlern und zahllosen Zulieferern sowie eine wichtige Quelle für Steuereinnahmen von Bundesstaaten und Kommunen.

Längst hat die Finanzkrise auch die Hersteller auf der anderen Seite des Atlantiks erreicht. Der Kaufstreik der Kunden bescherte der Autobranche in Europa den miserabelsten September seit zehn Jahren. Die Industrie stellt sich wegen Konsumeinbruchs und knausriger Kreditvergabe der Banken auf eine weit bis ins nächste Jahr dauernde Durststrecke ein. «So schlecht waren die Aussichten schon lange nicht mehr», meinte Martin Winterkorn, Chef von Europas grösstem Autobauer Volkswagen, diese Woche vor Führungskräften in Wolfsburg. Überall zittern die Werksangestellten um ihre Arbeitsplätze.

Auch in Europa stockt der Absatz

Mancherorts geraten bereits die Bänder ins Stocken. In Deutschland haben bislang etwa die Konzernlenker von Opel, BMW und Daimler beschlossen, die Produktion vorübergehend herunterzufahren. Mercedes-Hersteller Daimler schockte am Donnerstag gar mit der zweiten Gewinnwarnung in diesem Jahr. Zu schaffen macht den Unternehmen nicht nur der Nachfragerückgang in den USA. Verkraften muss die Branche auch die Kaufzurückhaltung in Westeuropa – insbesondere in Grossbritannien und Spanien, wo die Immobilienkrise arg wütet, warten die verunsicherten Konsumenten lieber mit grossen Investitionen.

So sehen sich auch andere europäischen Autobauer zu drastischen Einschnitten gezwungen. Um die hohen Lagerbestände abzubauen, will etwa Renault in Frankreich wochenweise Fabriken schliessen.

In Sandouville in der Normandie, wo bis Ende Jahr auf Kurzarbeit umgestellt wurde, blockierten am Freitag Arbeiter aus Protest die Zufahrt zum Renault-Werk. Der französische Hersteller hatte kürzlich den Abbau von 6000 Stellen in Europa bekanntgegeben.

«Massive Produktionskürzungen» hält auch Christian Streiff, Chef von PSA Peugeot Citroën, für notwendig – und Pessimismus macht sich auch bei Italiens Autoproduzent Fiat breit. Die Finanzkrise hat die Schlüsselindustrie, an der in manchen Ländern Hunderttausende von Arbeitsplätzen hängen, voll erwischt.

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