Zwei weitere Verdächtige im Fall Raiffeisen

Profitierte Pierin Vincenz von einem weiteren Deal? Gegen den Ex-Raiffeisen-Chef erhebt die Staatsanwaltschaft neue Vorwürfe. Seine U-Haft wird verlängert.

Neue Vorwürfe: Die Zürcher Staatsanwaltschaft ist im Verfahren gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz «auf mögliche weitere, strafrechtlich relevante Transaktionen» gestossen.

Neue Vorwürfe: Die Zürcher Staatsanwaltschaft ist im Verfahren gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz «auf mögliche weitere, strafrechtlich relevante Transaktionen» gestossen. Bild: Keystone

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Die Affäre Vincenz erhält eine gänzlich neue Dimension. Gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und seinen Compagnon Beat Stocker ist die Zürcher Staatsanwaltschaft «auf mögliche weitere, strafrechtlich relevante Transaktionen im Zusammenhang mit Akquisitionen der Aduno Holding AG beziehungsweise einer ihrer Tochtergesellschaften gestossen». Das teilte die Oberstaatsanwaltschaft heute Abend mit. Vincenz und Stocker sitzen seit dem 27. Februar wegen des Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung bei der Kreditkartengesellschaft Aduno in Untersuchungshaft.

Gestützt auf die neuen Vorwürfe hat die auf Wirtschaftskriminalität spezialisierte Staatsanwaltschaft III für Vincenz und Stocker die Verlängerung der Untersuchungshaft beantragt. Das Zwangsmassnahmengericht hat die Haft am Dienstag verlängert, wie die Oberstaatsanwaltschaft ebenfalls heute Abend bekanntmachte. «In den neuen Verfahrenskomplexen stehen noch weitere Ermittlungen an.»

«Diverse Hausdurchsuchungen»

Vincenz und Stocker sollen gemäss dem Verdacht der Zürcher Strafjustiz bei Firmenübernahmen von Aduno und der Investmentgesellschaft Investnet ein Doppelspiel gespielt und persönlich abkassiert haben. Die beiden bestreiten die Vorwürfe. Vincenz war langjähriger Präsident, Stocker operativer Chef von Aduno und auch Berater von Vincenz bei Raiffeisen. Bei Aduno ist Raiffeisen mit 25,5 Prozent grösste Aktionärin, an Investnet war die Bank bis Ende Februar mit rund 60 Prozent der Aktien beteiligt. Ermittelt wird seit Dezember 2017 ausserdem gegen drei weitere Personen aus dem beruflichen Umfeld von Vincenz, darunter Stockers Anwalt.


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Nun hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren auf zwei weitere nicht genannte Personen ausgedehnt und an deren Wohn- und Arbeitsorten Hausdurchsuchungen durchgeführt. «Die Staatsanwaltschaft III führte zur Klärung der neuen Vorwürfe diverse Hausdurchsuchungen an Wohn- und Geschäftsadressen von zwei in die Transaktionen involvierten Personen durch», heisst es in der Medienmitteilung. «Gegen diese beiden Beschuldigten wurde ein Strafverfahren wegen Gehilfenschaft zur ungetreuen Geschäftsbesorgung eröffnet.» Sie seien nach der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme wieder auf freien Fuss gesetzt worden.

Verlustreicher Eurokaution-Kauf

Bei dem neuen Verdachtsfall geht es laut einem Insider mit ziemlicher Sicherheit um den Kauf der Firma Eurokaution 2014 – einer Gesellschaft, die Kreditkartenbesitzern die Möglichkeit anbot, über ihre Karte eine Mietkaution zu günstigen Bedingungen zu garantieren. Aduno, die damals von Vincenz präsidiert wurde, liess sich den Kauf 5,6 Millionen Franken kosten, wie Verwaltungsratsprotokolle und ein Prüfbericht der Revisionsgesellschaft KPMG zeigen, die dieser Zeitung vorliegen.

Auffällig ist jedoch: Eurokaution hatte gemäss diesen Dokumenten eine Unterbilanz, für die Abwicklung des Deals war eine Kapitalerhöhung nötig, und es entstand ein Verlust von 5 Millionen.

Wer profitierte vom Kauf?

In dem erweiterten Verfahren geht es wohl um die brisante Frage, wer genau von dem Kauf profitierte. Noch im März betonte Ferdinand Locher, der zwischen 2011 und 2014 über seine Luxemburger Beteiligungsgesellschaft Great Star Finance Mehrheitsaktionär der Eurokaution war, gegenüber der «NZZ», weder Pierin Vincenz noch Beat Stocker hätten sich jemals in irgendeiner Form an der Eurokaution beteiligt, auch nicht verdeckt. Eine von Aduno in Auftrag gegebene Studie der Wirtschaftsberatungsfirma Ernst & Young sei zum Schluss gekommen sei, dass ein fairer Kaufpreis bei rund 7 Millionen Franken liegen würde. Die 5,6 Millionen seien also ein korrekter Preis.

Doch daran zweifelt der heutige Aduno-Verwaltungsrat. Er beauftragte im November 2017 die auf Wirtschaftsstrafrecht spezialisierte Zürcher Anwaltskanzlei Baumgartner Mächler mit einer Untersuchung «gewisser Akquisitionen der Aduno-Gruppe». Gemäss Recherchen dieser Zeitung ging es um den Kauf der beiden Unternehmen Commtrain Card Solutions und Eurokaution. Gegenstand der Untersuchung war insbesondere, ob Vincenz persönlich über mehrere Ecken von dem Kauf profitierte. Auch Beat Stocker soll in diese Geschäfte involviert gewesen sei. Wie genau, ist unklar.

Heute sind die beiden nicht mehr dabei. Vincenz verliess das Aufsichtsgremium von Aduno erst vergangenen Sommer. Er stellte sich am 12. Juni an der Generalversammlung nicht mehr zur Wiederwahl.


Video – Die Affäre Vincenz kurz erklärt

Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser zur Untersuchung im Fall Pierin Vincenz. (Video: Lea Koch, Patrick Kühnis)


Weiterhin hängig ist die Untersuchung der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht gegen Raiffeisen. Sie ermittelt, ob die Bank die Grundsätze der guten Unternehmensführung eingehalten hat. Weder Raiffeisen noch Vincenz’ Sprecher nahmen zur Ausdehnung des Verfahrens Stellung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 19:48 Uhr

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