Zehntausende Lastwagen müssen auf die Strasse ausweichen

Notorisch rote Zahlen zwingen SBB Cargo, rund einen Viertel ihrer Verladebahnhöfe zu schliessen. Zahlreiche Bahnkunden werden daher künftig auf der Strasse transportieren. Zudem gehen 200 Stellen verloren.

Drohender Alltag auf den Schweizer Strassen: Lastwagen stauen sich Kilometer lang auf der Autobahn A2.

Drohender Alltag auf den Schweizer Strassen: Lastwagen stauen sich Kilometer lang auf der Autobahn A2.

(Bild: Keystone)

Das Gütertransportunternehmen SBB Cargo streicht sein Verladenetz zusammen. 128 der rund 500 Verladebahnhöfe im Wagenladungsverkehr werden künftig nicht mehr bedient. Das Unternehmen möchte die Zahl der Bedienpunkte schon seit Jahren reduzieren, war aber zunächst von der Politik gestoppt worden. Unmittelbare Folge der Massnahme sind nämlich zusätzliche Lastwagen auf der Strasse.

Die notorisch roten Zahlen des Gütertransportunternehmens überzeugten aber schliesslich auch den Bundesrat: Obwohl das Parlament eine Gesamtkonzeption für den Schienengüterverkehr gefordert hatte, gab er im Frühling seinen Segen zum Abbau.

Diesen setzt SBB Cargo nun in die Tat um: Ab dem Fahrplanwechsel im Dezember wird das Gütertransportunternehmen an 128 Bedienpunkten keine einzelnen Güterwagen oder Wagengruppen mehr zustellen oder abholen. Das sagte SBB-Sprecher Daniel Bach heute. Zwei Bedienpunkte werden nur noch saisonal bedient. Ursprünglich war die Schliessung von 155 Verladebahnhöfen geplant gewesen.

Holz- und Zementbranche sowie Landwirtschaft betroffen

Von der Massnahme besonders betroffen sind die Holz- und Zementbranche sowie die Landwirtschaft. In diesen Branchen fällt oft zu wenig oder zu wenig regelmässig Ware an, die transportiert werden könnte. Nach Angaben von SBB Cargo verkehrt an den 128 betroffenen Bedienpunkten durchschnittlich weniger als ein Wagen pro Tag.

Für SP-Nationalrat und SEV-Gewerkschaftssekretär Philipp Hadorn (SO) geht der Abbau in eine völlig falsche Richtung – bei allem Verständnis für die betriebswirtschaftlichen Probleme von SBB Cargo. Unter dem Strich würden mehr Güter auf der Strasse transportiert, sagte er.

Täglich Dutzende zusätzliche Lastwagen

Hadorn befürchtet, dass wegen der Schliessung von Verladebahnhöfen jährlich Zehntausende zusätzliche Lastwagen auf Schweizer Strassen verkehren.

SBB Cargo geht nach eigenen Angaben davon aus, dass 98 Prozent des heutigen Transportvolumens weiterhin auf der Schiene transportiert werden können. Bei täglich knapp 200'000 Tonnen Gütern sind das 4000 Tonnen mehr auf der Strasse, was – inklusive Leerfahrten – Dutzende von zusätzlichen Lastwagenfahrten pro Tag bedeuten könnte.

Politik rechts überholt

Für Hadorn ist die Reduktion der Bedienpunkte auch aus politischen Gründen ein «Affront». SBB Cargo habe den Entscheid gefällt, bevor die vom Parlament verlangte Gesamtkonzeption für den Güterverkehr stehe.

Eine solche hatten die eidgenössischen Räte vor gut einem Jahr per Motion beim Bundesrat bestellt. «Bis die Politik sagt, was sie will, hätte es andere Lösungen als eine Schliessung geben müssen», sagte Hadorn.

Die seit Jahren defizitäre SBB Cargo hofft, mit der Reduktion der bedienten Verladebahnhöfe 35 Millionen Franken im Jahr sparen zu können. Ein grosser Teil der Einsparungen dürfte auf Kosten des Personals gehen: 200 Stellen werden im Zug der Reduktion des Verladenetzes abgebaut. Davon sind nach Angaben des Unternehmens rund 100 Personen betroffen. Entlassungen soll es keine geben.

rbi/mrs/sda

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