«Wo saugt man täglich 10'000 Gäste ab?»

Der Chef der Bergbahnen in Zermatt, Christen Baumann, begegnet den ambitiösen Ausbauplänen in Andermatt und Sedrun mit Skepsis.

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René Staubli

Herr Baumann, was bedeutet es für die Region Andermatt-Sedrun, wenn der schwedische Skigebiets-betreiber Skistar dort investiert? Es kommt ganz darauf an, welches Ziel das Unternehmen verfolgt. Wir haben erlebt, dass die französische Compagnie des Alpes in Saas-Fee und auf der Riederalp eingestiegen ist und beide Aktienpakete wieder verkauft hat. Ich würde es so sagen: Wenn die Schweden eine gut gefüllte Kasse haben, ist es für die Gebiete fantastisch. Wenn sie aber auf Rendite aus sind, kann es schwierig werden. Skistar ist bekannt als Firma, die Geld verdienen will. Die Schweden werden das Projekt genau studieren und – falls es die Wirtschaftlichkeit erfordert – das Angebot an Bahnen und Pisten reduzieren. Wie attraktiv das für Andermatt dann noch ist, bleibt offen.

Es sollen 200 Millionen Franken investiert werden. Was bedeutet das für den Ausbau der Infrastruktur in den Dörfern? Im neuen Skigebiet müsste man im Winter durchschnittlich rund 10 000 zusätzliche Tageseintritte generieren, um die Investitionen zu amortisieren. Folglich müssten in den Dörfern ebenso viele zusätzliche «heisse» Betten entstehen, also Betten in der Hotellerie und Parahotellerie, die über die ganze Saison vermietet werden können. Betten in Eigentumswohnungen zählen praktisch nicht, denn die sind pro Jahr in aller Regel nur ein paar Wochen belegt.

Sie wirken eher skeptisch. Ja, ich bin skeptisch. Ich frage mich: Wo saugt man die täglich rund 10 000 Gäste ab, die man zusätzlich braucht?

Worin besteht die grosse Herausforderung beim Aufbau und Betrieb einer neuen Skiarena? Wenn man ein Skigebiet verdoppeln will wie nun in Andermatt-Sedrun, muss man auch die Zahl der «heissen» Betten verdoppeln, denn man kann bestehende Betten nicht doppelt besetzen. Es werden oft utopische Projekte entworfen, ohne dass man sich überlegt, woher die Gäste kommen sollen, die das alles bezahlen, und wie man sie unterbringt. Unter dem Strich muss man genügend Einnahmen erzielen, um die Anlagen zu unterhalten und zu erneuern. Und je nachdem erwarten die Investoren ja auch noch eine anständige Rendite.

Skistar wird sich dem Vernehmen nach nur unter gewissen Bedingungen engagieren . . . Ich glaube nicht, dass die Schweden 200 Millionen investieren werden, bevor die nötige Bettenzahl bereitsteht.

Zuerst in die Bahnen und erst dann in die dörfliche Infrastruktur investieren geht also nicht? Das geht schon, aber nur wenn ein Investor bereit ist, Risiken bis hin zu einem möglichen Konkurs einzugehen. Das aber ist selten der Fall.

Man hört, dass Samih Sawiris und die Schweden davon ausgehen, dass sich der Staat mit Steuergeldern an den Investitionen beteiligen wird. Ist das eine berechtigte Hoffnung? Basierend auf dem Investitionshilfe-gesetz kann man Darlehen von Bund und Kantonen bekommen, die aber grösstenteils zurückzuzahlen sind. Im Grunde genommen handelt es sich um Bankkredite, einfach zu günstigeren Zinsen. Viele Bahnen arbeiten mit solchen Mitteln; das wird auch in Uri möglich sein. Und dann ist es den involvierten Gemeinden natürlich freigestellt, sich finanziell zu beteiligen. Das wiederum ist eine Frage der Risikobereitschaft.

Ist es ein Vorteil, wenn ein schwedischer Betreiber mit einschlägigem Know-how in die Schweiz kommt? Ein gutes Management ist stets die Voraussetzung für den erfolgreichen Betrieb einer Firma. Ob die Schweden genug Know-how für die Beurteilung des Schweizer Markts mitbringen, wird sich weisen. Persönlich gehe ich davon aus, dass sie auch nur mit Wasser kochen.

Tages-Anzeiger

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