Wo Genossenschaften das Sagen haben

Philipp Löpfe und Werner Vontobel haben ein neues Buch geschrieben. Bernerzeitung.ch/Newsnetz veröffentlicht vorab drei Auszüge. Heute aus dem Kapitel «Der lokale Held».

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Der Unterschied ist klein, aber fein und wichtig: In der Schweiz sind die zwei führenden Detailhandelsketten, Migros und Coop, als Genossenschaften organisiert. In den USA wird der Detailhandel von Wal-Mart beherrscht – einer börsenkotierten Aktiengesellschaft.

Ob eine Marktwirtschaft so oder anders tickt, hängt von den Institutionen und Regulierungen ab, in die sie eingebettet ist. Genossenschaften etwa gehorchen völlig anderen internen Gesetzmässigkeiten als Aktiengesellschaften, insbesondere dann, wenn diese an der Börse kotiert sind.

Das zeigt sich etwa am Beispiel der ersten Schweizer Lebensversicherungsgesellschaft. Die Schweizerische Rentenanstalt wurde 1857 als Genossenschaft gegründet. Das Ziel ihrer Gründer war, «den schweizerischen Familienvätern auf hinlänglich soliden Grundlagen Gelegenheit zu geben, durch Aufopferung eines kleinen Teils des Erwerbes die ihrigen gegen mancherlei Wechselfälle des Lebens bis zu einem gewissen Grade sicherzustellen». Die Grundidee einer solchen Versicherung hatte fast zwangsläufig zur Folge, dass die Versicherten gleichzeitig die Eigentümer waren.

Fast alle Lebensversicherungsgesellschaften waren deshalb ursprünglich nach diesem Prinzip der Gegenseitigkeit organisiert. Die Wechselfälle des Lebens, Alter, Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit lassen sich am besten dadurch meistern, dass man Risikogemeinschaften bildet. Dafür eignet sich die Rechtsform der Genossenschaft besonders gut.

In den 1990er-Jahren gerieten die Genossenschaften im Zuge der neoliberalen Revolution aus der Mode. Das schnelle Kapital lockte, und das konnte man sich am besten an den Aktienbörsen holen. Auch die Rentenanstalt konnte diesem Trend nicht widerstehen. Sie wandelte sich 1997 in eine AG um und wurde 1998 an der Zürcher Börse kotiert. Damit floss Geld, viel Geld. Die 600’000 Genossenschafter hielten von einem Tag auf den anderen anstelle von Anteilscheinen jederzeit handelbare Aktien im Wert von durchschnittlich 50’000 Franken in den Händen.

Die einst biedere Rentenanstalt mutierte zur noblen Swiss- Life, und die Chefs konnten sich nun endlich wie richtige Manager benehmen. Zunächst begaben sie sich auf eine ausgedehnte Shoppingtour: 1999 übernahmen sie die Lloyd Continental (France), die Banca del Gottardo und die beiden Immobiliengesellschaften Livit und Uto Albis. 2000 und 2001 ging der Übernahmereigen weiter mit der Schweizerischen Treuhandgesellschaft STG und dem Immobilienportfolio der Oscar Weber Holding.

Auch privat wurden die Topmanager tätig. Sechs von ihnen gründeten die Vermögensverwaltungsgesellschaft LTS und übertrugen ihr gegen eine Gebühr von 3 Prozent die Verwaltung von 4 Milliarden Franken Kundenvermögen der Rentenanstalt. Das brachte ihnen zuerst 11,5 Millionen Franken Gewinn und später einen Strafprozess ein. Überhaupt ging es nun mit der einst so soliden Firma rasant bergab. 2002 konnte die heruntergewirtschaftete Rentenanstalt einen Konkurs nur vermeiden, indem sie an der Börse Geld aufnahm und zahlreiche Beteiligungen wieder abstiess.

Zum Glück sind nicht alle Genossenschaften der Schweiz den Verlockungen des schnellen Geldes erlegen. Nach wie vor werden zwei strategisch wichtige Branchen immer noch von Genossenschaften dominiert oder doch zumindest massgeblich beeinflusst: Der Detailhandel mit den beiden Grossverteilern Coop und Migros und der Wohnungsmarkt, vor allem in städtischen Gebieten. In der Stadt Zürich etwa gehören 18 Prozent aller Wohnungen Genossenschaften, und rund 30 Prozent der Mieter wohnen in Genossenschaftswohnungen.

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