Wikileaks bringt Berner IT-Firma in Teufels Küche

Geheime Dokumente belegen Verbindungen von Dreamlab nach Turkmenistan und Oman. «Der Bund weiss über jedes internationale Geschäft von uns Bescheid», sagt Dreamlab-Chef Nicolas Mayencourt.

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Eine Altbauwohnung im Berner Monbijouquartier, Hauptsitz einer international tätigen Informatikfirma. Die Angestellten: Auftragshacker. Sie versuchen, die Netzwerksysteme ihrer Kunden anzugreifen, um diese besser gegen echte Angriffe schützen zu können. «Wir gehören weltweit zu den besten Einbrechern», sagt Nicolas Mayencourt. Seine Firma mit Ablegern in Deutschland und Chile hat rund 100 Angestellte.

Jahrelang war Dreamlab nur Fachleuten bekannt – bis Ende 2011 die Enthüllungsplattform Wikileaks die ersten «Spy Files», geheime Akten, ins Internet stellte. Plötzlich berichteten «Spiegel», NZZ und «Beobachter» über Dreamlab und deren Geschäfte mit Turkmenistan und Oman. Seither steht ein böser Verdacht im Raum: Gibt die Berner Firma diesen repressiven Staaten Waffen zur Überwachung ihrer Bürger in die Hand?

«Wir haben nie mit Waffen gehandelt», sagt Mayencourt. Zum Gespräch empfängt er in einem Sitzungszimmer, das den Klischees eines IT-Unternehmens entspricht: auf dem Tisch ein Kabelsalat, schmucklos der Raum.

«Polizei braucht Waffen»

Sein Geschäftsfeld sei mit einem grundsätzlichen Problem konfrontiert, sagt Mayencourt: «Wir bewegen uns im Dual-Use-Bereich, wo jedes Instrument gleichzeitig für einen guten und einen bösen Zweck eingesetzt werden kann.» Anders gesagt: Dank Abhörsystemen können Anschläge oder Industriespionage vereitelt werden. Ein Regime kann damit aber auch Andersdenkende verfolgen.

Eine Debatte, wie seine Branche reguliert werden könne, sei überfällig, so Mayencourt. Er selber setze sich seit der Dreamlab-Gründung vor 17 Jahren dafür ein. «Es braucht eine globale Diskussion und globale Regeln.» Alle Überwachung grundsätzlich schlecht zu finden, werde der Sache nicht gerecht. Es sei «komisch, als einer, dessen Herz Mitte-links schlägt, Law and Order zu predigen», doch brauche unsere Gesellschaft eine Polizei. «Und diese braucht leider auch Schusswaffen und Überwachungsinstrumente.» Wie als Beleg, dass er selber zu den Good Guys gehört, erzählt Mayencourt, dass er Mitbegründer der Plakatierfirma Passive Attack und des Ausgehmagazins «Bewegungsmelder» sei, beide eher im alternativen Milieu daheim. Was Turkmenistan und Oman angeht, fühlt sich Mayencourt «so richtig verarscht».

Der Bund habe von jeder internationalen Handlung seiner Unternehmung gewusst, die Ausfuhr von Dual-Use-Gütern brauche eine Genehmigung. Mehr noch: «Die Schweiz und die EU haben Turkmenistan nach dem Regierungswechsel 2007 aktiv unterstützt und Unternehmen ermuntert, dort zu geschäften.» Als dann seine Firma wegen möglicher Turkmenistan-Geschäfte kritisiert worden sei, habe man sie allein gelassen. Ein Land könne nicht ein KMU entscheiden lassen, ob mit einem anderen Land Handelsbeziehungen gepflegt werden sollten oder nicht, reklamiert Mayencourt. «Ich bin ein normaler Unternehmer, in der Geopolitik bin ich lediglich Beobachter.»

«Absurde Vorwürfe»

Im Fall von Turkmenistan habe er «sehr schlechte Gefühle gehabt», so Mayencourt. «Ich machte deshalb mehr Amtsgänge als nötig und erhielt überall grünes Licht.» Im letzten September schrieb er auf der Dreamlab-Website, dass er den publik gewordenen und Mitte 2010 aufgelösten Vertrag mit der Firma Gamma über eine Turkmenistan-Kooperation nicht mehr abschliessen würde. Eine Dreamlab-Komponente, die grundsätzlich für verschiedenste Anwendungen einsetzbar sei, sei «als ein Baustein für den Gamma Infection Proxy angeboten worden». Dabei handelt es sich um einen sogenannten Staatstrojaner, eine Technologie, die laut Mayencourt «keine legitime Anwendung im rechtsstaatlichen Bereich» habe. Er lasse sich vorwerfen, trotz schlechter Gefühle in diesen Markt hineingegangen zu sein, räumt Mayencourt ein. «Das war in 17 Jahren Dreamlab mein grösster Fehler.»

Nach den Enthüllungen habe Dreamlab schmerzhafte Abgänge zu verkraften gehabt, bestätigt Mayencourt. Gleichzeitig beharrt er darauf, dass jeder Angestellte stets gewusst habe, woran er arbeite. Es sei etwa schlicht «absurd, in einem Land eine Schulung durchzuführen und sich später zu wundern, dass das Land etwas mit dem Projekt zu tun hat». So argumentierten zwei Ex-Mitarbeiter anonym in einem Hackermagazin. Mayencourt lässt durchblicken, dass der Hintergrund der Vorwürfe – und wohl auch des Lecks, das zur Publizität führte – die Rivalität mit einer Konkurrenzfirma sein könnte, zu der ein guter Teil der Dreamlab-Abtrünnigen gewechselt habe.

Ausloten von Grenzen

So enttäuscht er wirkt, wenn er über diese Ex-Kollegen spricht, so leidenschaftlich erzählt Mayencourt von seinem Business. Davon, wie seine Firma «im riesigen Datenschlauch aller Schweizerinnen und Schweizer eine gesuchte Person findet und dabei die Integrität aller anderen schützt». Wie die gefundenen Daten «integral, intakt und unfälschbar zur Polizei geführt werden». Mayencourt ist dann der Unternehmer, der die Grenzen der Technik ausloten will. Über die Regeln muss die Öffentlichkeit diskutieren.

Lesen Sie hier das ausführliches Wikileaks-Interview mit Dreamlab-Chef Nicolas Mayencourt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.01.2014, 07:15 Uhr

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