«Wer Millionen auf die Caymans einzahlt, schläft nicht gut»

Interview

Rudolf Elmer war über Jahre für eine Schweizer Bank auf Cayman tätig. Wie schätzt er Offshore-Leaks und dessen Folgen ein? Und warum wurde er zum Whistleblower?

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Matthias Chapman@matthiaschapman

Herr Elmer, wie haben Sie gestern reagiert, als Sie von den neuen Offshore-Enthüllungen erfahren haben? Ich war nicht mehr überrascht, dass das kommt. Ich war informiert von Journalisten und einem deutschen, ehemaligen Steuerfahnder. Ich hatte letzte Woche ein Interview mit dem WDR zum Finanzplatz Zypern. Dabei habe ich von den recherchierenden Journalisten von dem jetzt bekannt gewordenen Offshore-Leaks erfahren.

Okay, Sie haben schon vorher davon gewusst. Aber welches waren Ihre ersten Gedanken? Das ist die Chance, dass dieses Thema endlich weltweit zur Debatte wird. Gerade vor dem Hintergrund der Staatsschuldenkrise soll die Öffentlichkeit sehen, welche Rolle diese Verdunkelungs- und Verschleierungsoasen im gesamten Wirtschaftsystem spielen.

Sie sagten, Sie seien von einem ehemaligen deutschen Steuerfahnder kontaktiert worden. Was wollte der von Ihnen? Wir arbeiten an einem Buchprojekt, um Aufklärung zu betreiben. Im Moment läuft eine richtige Hetzjagd gegen Steuersünder ab. Auch diese haben das Recht, dass der Staat sich an die Spielregeln hält. Zum Beispiel Folgendes: Solange kein Strafverfahren eingeleitet ist, muss die Selbstanzeige von Steuersündern akzeptiert werden. Das Strafverfahren fällt somit weg. Recht muss Recht bleiben.

Was erfahren wir durch Offshore-Leaks, was wir nicht schon gewusst haben? Es ist ja nicht so, dass über die Offshore-Praktiken inklusive der Trustvehikel bisher viel bekannt war. Man hatte Vermutungen über diese Konstrukte. Nun werden wir anhand von konkreten Fällen erfahren, was sich genau abspielte. Und das Potenzial zur Aufdeckung von missbräuchlichen Praktiken, welches in diesen Dokumenten steckt, scheint mir riesig.

Unzählige Bankdaten-CDs haben auch schon Steuerflüchtlinge entlarvt. Kann Offshore-Leaks die Finanzwelt noch erschüttern? Die gestohlenen Bankkundendaten zeigten ja nur eine Bankbeziehung, quasi einen Name verbunden mit einer Kontonummer und einer bestimmten Bank. Wenn Sie aber Informationen über Truststrukturen erhalten, dann entdecken Sie ganze Welten mit diversen Konten bei verschiedenen Banken sowie anderen Vermögenswerten wie Jachten, Kunstgegenständen und Liegenschaften. Das ist eine ganz andere Dimension. Beispiele dafür sind die Praktiken der sogenannten Family Offices, welche Familienvermögen offshore parkieren und über Trusts die Weitergabe der Vermögenswerte an die Erben regeln.

Was sehen wir denn da genau? Sichtbar werden die verschiedenen Vehikel sowie die wirtschaftlich Berechtigten. Letztere oft nur in anonymisierter Form. Meist verfügen diese Systeme über mehrere Bankkonti, welche wiederum auf mehrere Finanzplätze verteilt sind. Das sind weitverzweigte Konstrukte, man kann sich das kaum vorstellen. Und dabei spielt das parkierte Geld, meistens in Wertschriften, nicht einmal die wichtigste Rolle. In Geldwert gemessen sind Immobilien, Jachten oder auch Patente noch viel bedeutender.

Die Verschleierungskonstrukte sind so kompliziert und verschachtelt aufgebaut, dass es für Steuerbehörden und Justiz praktisch nicht möglich ist, Licht ins Dunkel zu bringen. Hier sind wir natürlich bei der Frage, ob die Verschleierungskonstrukte überhaupt gesetzeswidrig sind. Auf diesen Steueroasen sind sie es in vielen Fällen nicht. Eine Ausnahme ist ein Scheintrust, da etwas vorgegeben wird, was nicht ist. Die Gesetzgebung wurde dort jedoch so strukturiert, dass solche Systeme und Konstrukte legal daherkommen. Es bleibt also an den Wohnsitzländern von Superreichen zu untersuchen, ob diese Konstrukte zur Steuerhinterziehung verwendet werden. Dies nachzuweisen, ist in der Tat extrem schwierig und meistens nur möglich aufgrund von internen Notizen oder dem Vergleich von deklariertem Vermögen mit tatsächlichem Vermögen. Im Übrigen geht es nicht nur um Steuerhinterziehung, sondern auch um Geldwäscherei, Schmiergeldzahlungen et cetera, eine grosse Palette von Missbrauch.

Können Sie ein Beispiel eines Steueroasenkonstrukts nennen? Nehmen wir das fiktive, aber nicht unrealistische Beispiel eines europäischen Unternehmens, das auf Cayman einen Trust einrichtet. Diesem Trust gehören 34 Firmen auf Panama. Und jede dieser Firmen betreibt einen Hochseefrachter. Die Gewinne werden über die Firmen in den Trust dem wirtschaftlich Berechtigten zugeschoben. Und im besten Fall wird das Geld noch vom einen auf den andern Trust verschoben. Selbstverständlich liegt das Geld weder auf Cayman noch auf Panama, sondern irgendwo auf einem Bankkonto in Singapur, London, New York oder auch der Schweiz. Solche Konstrukte werden im Übrigen nicht nur von Superreichen, sondern auch von multinationalen Konzernen eingesetzt.

Glauben Sie, dass es heute überhaupt noch möglich ist, solche Praktiken umzusetzen? Ich kann heute nach Panama anrufen und dort über eine Anwaltskanzlei für eine Gebühr von 4000 Dollar eine Gesellschaft gründen. Die Gesellschaft wird von einem Strohmann – dem Nominee – und einem Corporate Director verwaltet. Der Strohmann wird gleichzeitig in Guatemala ein Konto bei einer europäischen Bank eröffnen. Ich erteile ihm dann den Auftrag, das Geld der Firma in Panama vom Bankkonto in Guatemala nach Europa zu transferieren. In Guatemala möchte ich das Geld ja nicht liegen lassen, zu unsicher ist dort die politische Lage.

In der Schweiz heisst es von offizieller Seite, die Zahlen von Offshore-Leaks würden zeigen, dass unser Land unterdurchschnittlich betroffen sei. Sie sprechen auf das Verhältnis von 130'000 betroffenen Personen an, wobei nur 300 davon in der Schweiz sind. Das heisst noch gar nichts. Es kann ja sein, dass viele dieser 130'000 Menschen ein Konto in der Schweiz haben. Das ist so bis jetzt ja nicht gezeigt worden. Dies wäre das viel grössere Problem für den Ruf der Schweiz als die 300 Steuersünder. Viele Steuersünder haben zudem kein Wohndomizil, da diese drei Monate in Land A , dann in Land B leben und so weiter. Das sind die sogenannten «heimatlosen Superreichen».

Was spricht dafür, dass Schweizer Banken betroffen sind? Die verschachtelten Konstrukte befinden sich sehr wohl auf Steueroasen. Aber die Gelder sind in der Regel anderswo in einem politisch stabilen Umfeld und in einem Land, das den Zugriff auf das Geld ermöglicht. Wissen Sie, wer 100 Millionen auf eine Cayman-Bank einzahlt, der schläft nicht gut oder fast gar nicht mehr.

Wie meinen Sie das? Die Angst, das Geld zu verlieren, ist immens. Wir sehen jetzt ja in Zypern, was passiert. Reiche Ausländer – natürlich nicht nur diese – verlieren bis zur Hälfte ihres Vermögens. Und wenn das in einem EU-Land passiert, was ist dann erst in einem Karibik-Staat möglich? Erst im letzten Dezember wurde der Premier Minister der Cayman Islands unter Korruptionsverdacht verhaftet. Das ist doch kein Umfeld, wo man das Geld hinbringt. Sehen Sie, darum glaube ich auch, dass die Schweizer Banken vermutlich im Hintergrund eine grössere Rolle spielen könnten. Unser Land ist politisch stabil, gewährt Rechtssicherheit und hat eine starke Währung.

Konkret sagen Sie, die Gelder liegen nicht wirklich in den Steueroasen. Genau. Das gilt im Übrigen auch für die Hedgefonds. Zwar sind 70 Prozent der Hedgefonds auf den Cayman Islands domiziliert. Aber stellen Sie sich nicht vor, dass man dort Handel betreibt oder die Buchhaltung führt. Das passiert in London, New York oder Zürich. Ich weiss das aus eigener Erfahrung als Investment Manager. Da reist man ab und zu nach Europa oder in die USA und bespricht die Deals (lacht), obwohl ich das Tagesgeschäft, das heisst das High Frequency Trading, nicht täglich und zeitnah von Cayman überwachte.

Sie wurden vor Jahren selber Teil des Wikileaks-Systems. Was ist bei Offshore-Leaks anders? Soweit ich das beurteilen kann, machen diese Journalisten hervorragende Arbeit. Sie decken auf, schaffen Transparenz, aber sie klagen nicht an. Im Vergleich zum Vorgehen bei Wikileaks ist das ein grosser Fortschritt. Teilweise hat man in der Anfangsphase einfach publiziert, ohne wirklich zu prüfen. Und das ging nicht immer gut.

Sie waren selber Whistleblower. Warum haben Sie das getan? Bei mir war es die Überzeugung, «das Richtige» zu tun. Mein Whistleblower-Brief auf Wikileaks trug meinen Namen, ich bewies Zivilcourage. Ich konnte meine Erkenntnisse offenlegen und zeigen, dass das Ausmass des globalen Schadens durch Verdunklungs- und Verschleierungsoasen gewaltig ist. Mir wurde Rache unterstellt (weil er bei Bär entlassen wurde, Anm. der Redaktion), aber das war kein Motiv.

Sie sagten später, Sie seien von Privatdetektiven bespitzelt worden. Das war eine schlimme Zeit. Ich musste meine Familie und mich schützen. So gesehen brachte uns die Öffentlichkeit Sicherheit. Als ich 2008 bei Wikileaks Dokumente veröffentlichen konnte, war das für mich eine grosse Hilfe, eine Erlösung.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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