Was 20 Jahre Liberalisierung den Kunden gebracht haben

Am 1. Oktober 1997 wurde aus der Telecom PTT die Swisscom. Es war der Startschuss zur Liberalisierung des Schweizer Telecommarktes. Hat sie etwas gebracht?

Telecommarkt heute: Seit der Liberalisierung hat sich die Zahl der Anbieter vervierfacht.

Telecommarkt heute: Seit der Liberalisierung hat sich die Zahl der Anbieter vervierfacht.

(Bild: Keystone)

Jon Mettler@jonmettler

«Streng vertraulich» prangt in grossen Lettern auf dem ersten Geschäftsplan der Swisscom für die Zeit von 1999 bis 2001. Diese Zeitung hat das Papier, datiert vom 12. März 1998, im Historischen Archiv PTT in Köniz ausfindig gemacht. Der Bericht analysiert nüchtern die Kunden­bedürfnisse in einem freien Schweizer Fernmeldemarkt.

«Preisgünstige Basisdienste (Telefonie, Datenleitungen)» ist der erste der aufgelisteten ­Punkte.Die Ausgangslage für den blauen Riesen, der schon am 1. Oktober 1997 seinen Firmennamen Telecom PTT in Swisscom geändert hat, ist vorteilhaft: Er kann im Gegensatz zur Konkurrenz mit dem nationalen Kupferkabelnetz und dem ersten Mobilfunknetz des Vorgängerbetriebs an den Start gehen.

Kurz und bündig geht der ­Geschäftsplan auch auf die Konkurrenzsituation ein: Neben der Swisscom werde sich «nur ein zusätzlicher Full-Service-Anbieter mit eigener nationaler Infrastruktur etablieren». Daneben «werden sich in einzelnen Städten zwei bis drei Operators konkurrenzieren». Es gelte deshalb, die «bestehende Kundenbasis gezielt zu verteidigen». Unter dem Strich rechnet die Swisscom damit, bis Ende 2001 um die 20 Prozent Marktanteil zu verlieren.

Zeit für eine Bilanz

Heute lässt sich mit dem Abstand von 20 Jahren abschätzen, ob das damalige Management mit seinen Prognosen recht hatte. Und wie erfolgreich die Liberalisierung des Schweizer Telecommarktes wirklich ist. Die Bilanz aus Sicht der Swisscom ist klar: «Der geöffnete Markt hat allen Einwohnerinnen und Einwohnern in der Schweiz qualitativ bessere, eine Fülle von neuen und günstigeren Dienstleistungen und Produkte und sehr viel Innovation gebracht», sagt Firmensprecherin Sabrina Hubacher.

Doch was sagen die Zahlen und Fakten? Stichwort «preisgünstige Basisdienste»: Tatsächlich ­haben Privatkunden seit dem Zeitpunkt des liberalisierten Telecommarktes am 1. Januar 1998 von stark fallenden Tarifen bei der Festnetztelefonie, beim Mobilfunk und beim schnellen Internet profitiert. Anhand der Preise beim Mobilfunk lässt sich diese Entwicklung exemplarisch darstellen.

Für einen Nutzer, der im Monat etwa 100 Gespräche führt, entsprechen die heutigen Tarife rund einem Viertel der Kosten von vor 20 Jahren. Das zeigt der Preisindex des Bundesamts für Kommunikation ­(Bakom), der auf den Tarifen der drei grössten Anbieter Swisscom, Sunrise und Salt beruht.

Zur Erinnerung: Im Januar 1998 kostete ein 10-minütiges Inlandgespräch auf dem Natel-D-Netz der Swisscom ohne Grundgebühr 7.90 Franken für die Zeit von 7 bis 19 Uhr.

Kampf um jeden Kunden

Zuletzt zählte das Bakom 7,1 Millionen Mobilfunknutzer mit ei­nem Kundenvertrag. Im gesättigten Mobilfunkmarkt kämpfen die Betreiber über den Preis um jeden Kunden. Ab 2011 beginnen die Anbieter damit, die Abonnemente im Vergleich zu den Prepaid-Karten attraktiver zu gestalten und den Prepaid-Markt den Wiederverkäufern zu überlassen. Ein Beispiel ist das Tarifmodell Natel infinity der Swisscom, mit dem der Schweizer Marktführer im Sommer 2012 die Denkweise der Branche im Grundsatz ­he­rausforderte. Nicht mehr das verbrauchte Datenvolumen wird verrechnet, sondern die Über­tragungsgeschwindigkeit.

«Streng vertraulich» prangt auf dem ersten Geschäftsplan der Swisscom für die Jahre 1999 bis 2001.

Allerdings relativiert der Prä­sident der Regulierungsbehörde Comcom: «Im europäischen Vergleich sind die Preise für Telecomdienste in der Schweiz ­immer noch zu hoch», sagt ­Stephan Netzle.

Stichwort Mitbewerber: Seit der Liberalisierung des Fernmeldemarktes hat sich die Zahl der Anbieter mehr als vervierfacht. Sie beschäftigten heute knapp 27'000 Mitarbeiter und erwirtschaften einen Umsatz von 18,5 Milliarden Franken. Die Branche ist aber auch ein investitionsfreudiger Wirtschaftszweig, da die technologiegetriebene Infrastruktur kostet. Die Aus­gaben beliefen sich zuletzt auf 3,1 Milliarden Franken.

Der Weg zur bedeutenden Branche der Schweizer Wirtschaft verlief jedoch nicht ohne Erschütterungen: Im Jahr 2001 fusionierten Diax und die damalige Sunrise zur TDC Switzerland AG, um mit gebündelten Kräften an eine der begehrten und zugleich teuren Lizenzen für die dritte Mobilfunkgeneration zu gelangen.

Sunrise etabliert sich

Seit dem Jahr 2010 ist das Unternehmen im Besitz der luxemburgischen Beteiligungsgesellschaft CVC Capital Partners und wieder als Sunrise am Markt tätig. Der Anbieter ist wie die Swisscom börsenkotiert und inzwischen einer der wichtigsten Wider­sacher mit eigenem nationalem Mobilfunknetz. Für Festnetztelefonie, Internet und Fernsehen ist Sunrise auf die Infrastruktur der Swisscom und von Elektrizitätswerken angewiesen.

Der heutige Mobilfunkanbieter Salt entstand aus der Übernahme der Firma Orange Communications durch den französischen Unternehmer Xavier Niel. Salt verfügt ebenfalls über ein eigenes Mobilfunknetz in der Schweiz. Wie Anfang Jahr durchsickerte, liebäugelt Salt mit dem Einstieg ins Festnetzgeschäft.

Erbitterter Konkurrenzdruck kommt für die Swisscom jedoch aus einer unerwarteten Ecke: ­Kabelnetzbetreiber wie UPC (ehemals Cablecom) und ­Quickline begannen damit, Festnetztelefonie und schnelles Internet über ihre TV-Kabel­anschlüsse zu verbreiten. Die ­beiden Unternehmen besitzen landesweite respektive über­regionale Netze.

Inzwischen können die ­Kun­den von UPC und Quickline auch Mobilfunkdienste nutzen. So gesehen hat es die Swisscom heute mit mindestens zwei Konkurrenten zu tun, die Komplettdienste über eigene nationale Netze anbieten.

Swisscom bleibt dominant

Comcom-Präsident Netzle anerkennt die Rolle der Swisscom als Innovationstreiberin. «Ihr ist es zu verdanken, dass wir in der Schweiz eine gute Qualität bei der Versorgung haben», sagt er. Er weist jedoch auf die spezielle Wettbewerbssituation hin, die sich im Schweizer Telecommarkt entwickelt hat: eine dominante Swisscom, welche sich erst noch in Staatsbesitz befindet. «Deshalb braucht es einen unabhän­gigen Regulator», sagt Netzle. «Weil die Swisscom beim Start einen Vorsprung hatte, sind die Spiesse nicht gleich lang.»

«Preise sind zu hoch»

Stichwort Marktanteile: Das ­Bakom erfasst diese Werte erst seit dem Jahr 2007. Bei Festnetztelefonie, Mobilfunk und Internetanschlüssen hält die Swisscom einen Marktanteil von über 50 Prozent. «Auch 20 Jahre nach der Liberalisierung des Telecommarktes gibt es keinen funktionierenden Wettbewerb», sagt ­Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz. «Dies merkt man vor allem an den immer noch viel zu hohen Preisen, die Dienstleistungen in der Schweiz kosten.»

Einerseits habe es die Swisscom bisher immer geschafft, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Stalder: «Das sieht man einmal mehr an der Teilrevision des Fernmeldegesetzes, die der Bundesrat diesen Monat verabschiedet hat.» Auf der anderen Seite komme die Swisscom wechselwilligen Kunden geschickt entgegen, um diese zum Bleiben zu bewegen.

Der Regulator weist auf das «traditionelle und konservative Verhältnis» der Schweizer zur Swisscom hin, «dem ehemaligen Regiebetrieb». Das habe dazu ­geführt, dass die Wechselbereitschaft geringer sei als im Ausland. «Kleine Senkungen bei den Tarifen lösen bei den Schweizer ­Kunden noch keine Vertrags­kündigungen aus», sagt Netzle.

Das neue Konfliktfeld

Ausgerechnet in einem ­Ge­schäftsbereich, der nicht zu den klassischen Fernmeldediensten gehört, ist die Swisscom im Jubiläumsjahr heftig unter Beschuss. Die Rede ist vom lukrativen Fernsehmarkt. Die exklusiven Übertragungsrechte fürs Schweizer Eishockey hat die Swisscom für die kommenden vier Saisons an den neuen Sportsender Mysports der Kabelnetzbetreiber verloren. Mit Dazn (ausgesprochen: The Zone) und Sky Sport drängen ausländische Sportkanäle in den Schweizer Markt.

Von einem dynamischen Wettbewerb im Schweizer Sport-TV-Markt war im Geschäftsplan der Swisscom aus dem Jahr 1998 jedenfalls nicht die Rede.

Berner Zeitung

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