Warum in Glastonbury mit Sägemehl gespült wird

WCs ohne Wasserspülung erfreuen sich zunehmender Beliebtheit: Auf dem Gelände des britischen Glastonbury-Festivals standen 1000 solcher Trockentoiletten. In der Schweiz ist der Trend noch nicht angekommen.

Das etwas andere WC-Erlebnis: Eine Trockentoilette sammelt die Exkremente in einem Tank.

Das etwas andere WC-Erlebnis: Eine Trockentoilette sammelt die Exkremente in einem Tank.

(Bild: www.eco-toilets.co.uk)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Wie funktioniert eine Toilette ohne Wasser? Die Besucher des Glastonbury-Open-Airs konnten es Ende Juni testen. Ein Gang aufs Kompostklo beginnt bereits vor dem Häuschen, wo grosse Haufen Sägemehl aufgetürmt sind. Mit einem Pappbecher füllt man sich eine Portion ab und nimmt sie mit aufs Klo. Man verrichtet sein Geschäft und kippt das Sägemehl anschliessend darüber. Das Toilettenpapier hingegen sollte im bereitstehenden Mülleimer landen. 1000 solcher Trockentoiletten stellte die Festivalleitung des Glastonburys zur Verfügung, neben 4000 herkömmlichen Klos.

Bei Trockenklos werden die Exkremente nicht weggespült, sondern landen – inklusive Sägemehl – im Behälter unter der Toilette. Später wird er zusammengeführt und gelagert, bis der Prozess der Kompostierung abgeschlossen ist. In Glastonbury geschieht das auf einem benachbarten Bauernhof, wo der Kompost später landwirtschaftlich eingesetzt wird.

Richard Saillet stellt mit seiner Firma Ecotoilets die Kompostklos für das Glastonbury-Festival her und zeigt sich gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian» begeistert von der aktuellen Entwicklung: «Während der letzten drei Jahre haben wir unsere Verkäufe Jahr für Jahr verdoppelt.» Derzeit verkaufe man eine Toilette pro Tag und müsse bald mehr Personal einstellen und die Lagerfläche vergrössern.

Angst vor Gestank

Ausserhalb von Glastonbury seien etwa 2500 Komposttoiletten in Grossbritannien im Einsatz, in Privathaushalten, Schrebergärten oder Golfclubs. Dem gegenüber stehen 4,5 Millionen herkömmliche britische Toiletten.

Laut Saillet sind Komposttoiletten auch für Privathaushalte geeignet: Das Wechseln der Container sei selten – und nicht schlimmer als das Entsorgen des Küchenkomposts. Ein Paar komme mit einem 25-Liter-Behälter zehn Wochen lang aus. Ist er voll, könne er nach einer Lagerzeit problemlos auf dem eigenen Kompost entsorgt werden.

Einer der hartnäckigsten Vorbehalte, mit denen Saillet konfrontiert wird: Die Annahme, dass Komposttoiletten stinken. Unangenehmer Geruch wird ihm zufolge jedoch dadurch verhindert, dass feuchtes von trockenem Material getrennt wird: Der Urin wird entweder schon in der Toilettenschüssel oder später mittels einer Pumpe umgeleitet und separat ebenfalls als Düngemittel verwendet. Auf solche Befürchtungen entgegnet er deshalb: «Unsere Toiletten stinken nicht einmal, wenn jemand am Abend zuvor ein gutes Curry gegessen hat.»

«Kein Thema» in der Schweiz

An Schweizer Open Airs setzt man weiterhin auf herkömmliche Toiletten. Sabine Bianchi vom Open Air St. Gallen sagt: «Wir verwenden bewusst keine Toitoi-WCs, sondern nur Toiletten, die an die Kanalisation angeschlossen sind.» Der Wasserhaushalt werde nicht belastet, da die Open-Air-Besucher allgemein wenig Wasser verbrauchten.

Und beim Gurten-Festival sind Trockentoiletten laut Sprecherin Valérie Loretan «kein Thema». Auch weil die sanitären Installationen vor Ort extra für das Festival angelegt worden seien und seither für die Wassertoiletten verwendet und auf Chemikalien verzichtet werden könne.

Neben dem Glastonbury gibt es aber noch ein weiteres Festival, das Trockentoiletten einsetzt: Das dreitägige Pariser Open Air «We Love Green» hat sich ganz dem Umweltschutz durch Recycling verschrieben. Und schickt seine Besucher deshalb ebenfalls mit einem Becher Sägemehl aufs Klo.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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