«Tempo ist alles, die Amerikaner haben recht»

Das Zürcher Medienhaus Ringier kauft «Le Temps», geht mit den SBB eine exklusive Kooperation ein und forciert die Expansion in Afrika. Im Interview spricht Ringier-Chef Marc Walder über die jüngsten Deals.

«Ich bin ein sportlicher Mensch»: Ringier-Chef Marc Walder. Bild: Dieter Seeger.

«Ich bin ein sportlicher Mensch»: Ringier-Chef Marc Walder. Bild: Dieter Seeger.

Jean-Martin Büttner@Jemab
Christian Lüscher@luschair

Ihr Pressesprecher hat uns mögliche Fragen zu diesem Interview vorformuliert. Würden Sie einen Journalisten anstellen, der ein solches Angebot annähme?
Ich habe es als Journalist immer geschätzt, wenn man im Vorfeld eines Interviews die Themen definiert, die man diskutieren könnte. Solange sie nicht bindend sind.

Reden wir über das Zeitungsmachen. Der «Blick am Abend» bereitet Ihnen Sorgen. Zwei Aussenbüros werden geschlossen, die Zeitung soll jährlich zwischen vier und fünf Millionen Verlust schreiben, und das seit Beginn. Es gibt kaum Werbung im Blatt. Wo liegen die Probleme?
Das mit den vier bis fünf Millionen Franken Defizit ist kompletter Unfug. Das mit den Aussenbüros auch. Zur Entwicklung kann ich nur sagen, dass wir sehr zufrieden sind. Die erfolgreichste Gratiszeitung der Welt, nämlich «20 Minuten», brauchte ebenfalls mehrere Jahre, um profitabel zu werden. «Blick am Abend» ist die einzige mir bekannte Tageszeitung des Landes, deren Anzeigenvolumen wächst.

Wie lange werden Sie am «Blick am Abend» noch festhalten?
Warum ist eine Gratiszeitung in einem so reichen Land wie der Schweiz erfolgreich? Auch, weil der Pendlerverkehr so hervorragend funktioniert. Weil so viele Menschen im öffentlichen Verkehr unterwegs sind. Und das in einer einladenden Atmosphäre. Es ist schon einiges gemütlicher, zwischen Bern und Burgdorf «20 Minuten» zu lesen, als in der Metro von Tokio oder London. Wir wollten die Marke «Blick» auf das junge, urbane, kaufkräftige Segment ausdehnen. Das ist uns gelungen.

Wie man’s nimmt. Es steht so wenig drin in dieser Zeitung, dass man mit der Lektüre lange vor Burgdorf durch ist.
Für die Lektüre von «20 Minuten» brauche ich auch nicht eine Zugfahrt von Chur nach St. Gallen. Es gibt durchaus das Bedürfnis, leichte und unterhaltsame Inhalte zu konsumieren. Ich teile die Kritik höchstens insofern, dass wir beim «Blick am Abend» vermehrt diskutieren, wie man Themen wie die Krim-Krise, die Erbschaftssteuer oder die Masseneinwanderungsinitiative ebenfalls intelligent genug abhandeln kann.

Immerhin gelang Ringier mit der SBB ein Coup: Wer das Gratis-WLAN in den Bahnhöfen ansteuert, sieht als erstes «Blick am Abend» auf dem Bildschirm. Das kann nur heissen, dass Sie die gedruckte Ausgabe bald einstellen werden.
Wenn ich am Morgen und am Abend in die Trams, Züge und Busse schaue, wird mir nicht bange - da lesen alle «20 Minuten» und «Blick am Abend». Bis vor Kurzem hatte unsere Zeitung keine digitale Existenz. Deshalb ist die Partnerschaft mit den SBB strategisch so wichtig.

Nochmals: Wird die gedruckte Zeitung bald eingestellt?
Nein.

Ist es nicht politisch heikel, wenn die SBB als Bundesunternehmen über Wi-Fi die Inhalte eines privaten Medienunternehmens anpreist?
Das Angebot wurde ausgeschrieben, diverse Kriterien wurden gefordert, wir bekamen den Zuschlag.

Könnte man den «Blick am Abend» nur über Online und SBB-Wi-Fi refinanzieren?
Aber sicher. Kein Druck, keine Logistik.

Wie beurteilen Sie die Online-Entwicklung der «Blick»-Gruppe?
Ich bin nicht zufrieden. Deshalb bin ich auch froh, dass wir seit April wieder einen Online-Chefredaktor haben. Wir hatten bei «blick.ch» eine lange interimistische Phase, Weiterentwicklungen leiden immer unter solchen Perioden, da dann nicht investiert wird. Das merkt man der Plattform an. Sie muss sich verbessern: Bewegtbildangebot, journalistische Qualität, Social-Media-Integration – das kann alles noch besser werden.

Wie steht es um «blickamabend.ch», eine Seite, die sich stark am buntgemischten amerikanischen Medienportal «Buzzfeed» orientiert?
Wir haben die Plattform innert weniger Wochen lanciert und dazu komplett neue Werbeformate eingeführt. Wir haben einmal mehr bewiesen, dass wir sehr schnell sein können. Aber jede Plattform muss stets weiterentwickelt werden, um die für sie richtige Mischung zwischen Unterhaltung und Information zu finden. Es ist nicht damit getan, ein lustiges Katzenvideo zu publizieren und das mit der Berichterstattung über die Krim-Krise zu verknüpfen.

Ging man nicht zu schnell vor bei der Lancierung? Sie wollten einfach schneller sein als Konkurrent «Watson», das neue Schweizer Portal.
Ich bin ein sportlicher Mensch: Geschwindigkeit ist in der digitalen Welt alles, die Amerikaner haben recht. Watson spielte bei diesen Erwägungen keine Rolle. Mir ging es einfach darum, etwas möglichst schnell umzusetzen, von dem ich überzeugt bin. Und es ebenso schnell weiterzuentwickeln, zu adaptieren. «Buzzfeed» und viele andere neue Seiten werden heute fast schon minütlich optimiert, das lerne ich bei jedem Besuch in New York von neuem. Speed and Culture of Improvement, nennen die das.

Wie gefällt Ihnen «Watson»?
Wir haben entschieden, nicht in «Watson» zu investieren, da wir nicht daran glauben, dass diese immensen Kosten sich in einem Deutschschweizer Markt refinanzieren lassen. Das Portal kann nicht auf einen Newsroom zurückgreifen wie Tamedia und Ringier. Als Nutzer entdecke ich immer wieder wirklich gute Artikel, die ich gerne lese. Grosse Mühe habe ich aber mit der Erscheinungsweise. Mir fehlt die Orientierung, die Übersichtlichkeit. Ich befürchte, dass «Watson» nie Geld verdienen wird.

Ihr Chef Michael Ringier findet, Internet sei Müll, die Leitung sagt, Internet ist die Zukunft. Ringier findet, Inhalte müssen etwas kosten, die Leitung sagt, keine Kostenpflicht bei «Blick Online». Ringier meint, Journalismus müsse qualitativ hochwertig sein, die operative Leitung produziert mehr Trash als Qualität. Wie ist das als CEO, wenn der Eigentümer dauernd anderes erzählt als das, was die operative Führung macht?
Da haben Sie jetzt aber beachtlich viele Falschinterpretationen in eine einzige Frage verpackt. In allen wesentlichen Punkten sind Michael Ringier und ich einer Meinung. Zwei wichtige Beispiele: Wir sind beide überzeugt, dass ein modernes Medienunternehmen diversifiziert aufgestellt sein muss. Und – ein journalistisches Kriterium – dass unsere Publikationen stets inhaltlich relevant sein sollen.

Sie planten ein Verlagsprojekt mit dem Codenamen «The Machine», einer E-Commerce-Plattform der «Blick»-Gruppe. Bis heute ist nichts passiert – ein Flop?
Wir mussten realisieren, dass man nicht einfach einen Gemischtwarenladen ins Netz stellen kann nach dem Motto: Sie sind nun auf «blick.ch», kaufen Sie doch noch Turnschuhe, Rösti und Konzerttickets. Von einem Flop würde ich nicht sprechen. Eher von «den Markt kennen lernen».

Und wie steht es um die Zahlen von «Blick» und «SonntagsBlick»? Unter der Woche verkauft der der «Blick» noch 30'000 Exemplare am Kiosk. Beim «SonntagsBlick» sind es 60'000.
Die Zahlen stimmen nicht. Journalistisch sind Michael Ringier und ich sehr zufrieden, wie der «Blick» und der «SonntagsBlick» unter den neuen Chefredaktoren gemacht werden. «We are all overnewsed but underinformed», sagen die Amerikaner. Hier setzen «Blick» und «SonntagsBlick» an.

Sie wünschten sich den «Blick» politischer, das sagen Sie schon lange. Ist «der achte Bundesrat», die neue «Blick»-Serie, eine Antwort darauf?
Sie bietet eine spielerische Form, sich mit Politik auseinanderzusetzen. Aber ich erwarte von dieser Aktion mehr als ein simples Jekami mit lustigen Figuren. Ich erwarte Leichtigkeit, durchaus aber gepaart mit einer gewissen Tiefe.

Das ist ein Widerspruch.
Diese Aktion erträgt ein Augenzwinkern. Gleichzeitig sollten aber Kandidaten auftauchen, die wirklich etwas zu sagen haben. Aber es stimmt, ich möchte, dass der «Blick» politisch relevanter wird. Die Diskussionen um die SVP-Initiative und deren Folgen beispielsweise zeigen das enorme Interesse an Schweizer Politik.

Auch bei einem solchen Thema ist die Konkurrenz der neuen Medien gross.
Gerade deshalb genügt es schon lange nicht mehr, die Nachrichten des Vortages brav nachzutragen. Hier sehe ich durchaus einen Vorteil des Boulevardjournalismus, weil er – das liegt in seiner Wesensart – Nachrichten zu Geschichten formt.

All diese Geschichten entstehen in einem gemeinsamen Newsroom, der dann die Zeitungen Ihres Verlags beliefert. Führt das nicht zur Nivellierung?
Ich habe damals den Newsroom mit konzipiert und sehe die Vorteile und die Nachteile, die er mit sich bringt. Nun: Man hat weltweit gelernt, dass es heutzutage undenkbar ist, dass fünf verschiedene Redaktionen fünf verschiedene Kanäle unter einer Marke 24 Stunden am Tag nonstop journalistisch versorgen. Ich sehe aber die Gefahr, dass der «SonntagsBlick», der naturgemäss eher am Ende dieser Nachrichtenkette bedient wird, zuwenig Ressourcen erhalten könnte. Also arbeiten wir daran, die Ressourcen besser zu verteilen.

Der «SonntagsBlick» überzeugte während langen Jahren als hart recherchierendes Blatt. Heute spielt er publizistisch keine Rolle mehr. Ist Chefredaktorin Christine Maier die richtige Person für diesen Job?
Der «SonntagsBlick» ist noch immer mit grossem Abstand die grösste Sonntagszeitung der Schweiz. Ja, ich glaube, dass Christine Maier die richtige Person ist. Darum haben wir sie vor einem halben Jahr auch zur Chefredaktorin gemacht.

Die Sonntagspresse lebt vom Primeur, der exklusiven Rechercheleistung. Die sucht man beim «SonntagsBlick» vergebens.
Da gab es einige, vergangenen Sonntag die Hypothekar-Zins-Story oder davor der Rentenplan der SBB. Primeurs sind heute immer schwieriger zu bekommen. Klassische, wirklich relevante Enthüllungsgeschichten, die etwas in Gang bringen, sind selten geworden. Ich schätze sie auf vielleicht zwanzig pro Jahr – schön verteilt auf die verschiedenen Titel in der Schweiz. An die Stelle von Primeurs sind unzählige Pseudo-Enthüllungen und Pseudo-Skandale getreten, die nichts anderes sind als Inszenierungen von Politikern, Lobbyisten und anderen Interessenvertretern. Darüber diskutieren wir oft bei Ringier, in allen Ländern. Geschichten dürfen nicht überspitzt und überverkauft werden.

Was hat sich am meisten geändert, seit Sie selber den «SonntagsBlick» geleitet haben?
Der Newsroom. Zuvor machten wir die Zeitung als verschworenes Team, standen durchaus auch in Konkurrenz zu anderen Titeln im eigenen Verlag. Ich kann also verstehen, wenn der «SonntagsBlick» um Ressourcen kämpft.

Diesen Wunsch zu erfüllen, wäre gleichzeitig eine Absage an den Newsroom als Prinzip, bei dem alle für alle arbeiten.
Das ist jetzt dermassen boulevardesk verkürzt, dass dies sogar in einem Haus des Boulevards nicht akzeptiert werden kann (er lacht). Vor allem ist es falsch. Dass sich etwas verändert, ist kein Fehler, sondern eine Bedingung. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass die Marke «Blick» in einer Woche drei Millionen Menschen erreichen wird? Das Problem ist nicht der Newsroom, es ist dessen stetige Anpassung an die Bedürfnisse der Leser und die technologischen Möglichkeiten.

Wie finden Sie «Blick» und «SonntagsBlick» handwerklich?
Ich überlege mir immer beim Lesen, hätte ich auch dieses Bild genommen, diesen Kommentar geschrieben, mit diesem Thema aufgemacht? So gesehen scheint es mir, wir seien wieder viel näher dort, wo wir diese beiden Publikationen haben wollen. Der «SonntagsBlick» steht vor einer Auffrischung, daran arbeitet Christine Maier mit ihrem Team. Die neue Version wird grafisch ruhiger aussehen, mit einer feineren Bildsprache auftreten. Auch den «Blick» möchte ich visuell subtiler haben. Boulevard heisst nicht brutal, dunkel oder grob in der optischen Erscheinungsweise. Boulevardzeitungen dürfen durchaus auch ästhetisch daher kommen.

Reden wir von Personen, mit denen Sie zu tun haben. Da darf der obligate Frank A. Meyer nicht fehlen, immer noch nicht. Wie viel Einfluss hat er noch?
Er hat einen direkten Kontakt zu Michael Ringier und zu mir. Und er nützt ihn dazu, seine Meinung zu äussern. Er tut das offen und direkt, auch weil er keine strategischen Rücksichten nehmen muss. Dazu kommt seine wöchentliche Kolumne im «SonntagsBlick», die ich lese, seit ich mich für Zeitungen interessiere.

«Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer» heisst eine Rubrik, bei der Sie jede Woche den Stichwortlieferanten geben und er seine jeweilige Meinung verbreiten darf. Ist Ihnen das nicht peinlich, so devot aufzutreten?
Vor sechs Jahren haben wir über die Zeitung «Die Zeit» gesprochen. Wir fanden «Auf eine Zigarette» zwischen Giovanni Di Lorenzo mit Helmut Schmidt wunderbar. Da Frank und ich keine Raucher sind, haben wir statt Nikotin auf Koffein gesetzt. Ihm macht die Begegnung Spass, für mich garantiert dieses Gespräch jeden Freitagmorgen um sieben eine journalistische Stunde. Ich sehe meine Rolle darin, ihn zu aktuellen Themen zu befragen. Ich frage, er antwortet. Daran wollten wir nichts ändern, nur weil ich dann CEO wurde.

Sie haben immer die Nähe der Prominenten gesucht, es gibt dauernd Bilder von Ihnen in der Ringier-Presse, wieso ist Ihnen das so wichtig?
Wenn man sieben Jahre die «Schweizer Illustrierte» geführt hat, erhält man eine gewisse Öffentlichkeit. Meine heutige Rolle als Manager bei Ringier bedeutet ebenfalls ein gewisses Mass an beruflicher Öffentlichkeit und Repräsentanz. Privat gebe ich wenig preis. Wer mich kennt, weiss, dass ich zurückhaltend bin, nicht scheu, aber eher eine ruhige Person.

Ringier hat Ottmar Hitzfeld eingebunden. Der Trainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft als Berater, das ist schon seltsam.
Wir haben uns diese Zusammenarbeit gut überlegt. Ja, er berät uns. Und wir bezahlen ihn. Aber nicht dafür, dass er uns am Vorabend des Spiels verrät, wer jetzt in der Viererkette der Nati steht. Sondern dass er uns in sporttechnischen Belangen zur Seite steht. Der beste Beweis für diese strikte Trennung ist die Tatsache, dass sich der «Blick» ziemlich verspekulierte, als es um Hitzfelds Vertragsverlängerung als Nati-Trainer ging. Sport und vor allem Fussball sind hochrelevant für uns. Aber statt einen Berater von McKinsey zu holen, habe ich mich für einen entschlossen, der mitten im Geschehen steht. Die öffentliche Debatte über seine Rolle haben wir erwartet.

Wobei hat Hitzfeld Sie schon beraten?
Letzte Woche reiste ich mit ihm nach Accra, der Hauptstadt von Ghana, einem völlig fussballverrückten Land, das sich für die WM qualifiziert hat. Wir betreiben dort das grösste Sportportal des Landes. Hitzfeld nahm an allen Gesprächen teil, die wir mit den Meinungsführern in Ghana geführt haben.

Mag sein, aber der Deal mit Ringier machte Hitzfeld als Trainer unangreifbar. Eine Rücktrittsforderung Ihres Verlags wäre undenkbar gewesen.
Ich stellte das Umgekehrte fest: Unsere Journalisten wollten ihre Unabhängigkeit beweisen und berichteten teils betont kritisch. Zugleich legte Hitzfeld grossen Wert darauf, uns nicht zu bevorteilen. Aber ich gebe zu, es gibt einen kritischen Bereich der Nähe, dessen sind wir uns stets bewusst.

Haben Sie Vladimir Petkovic, Hitzfelds Nachfolger, bereits einsortiert?
Ich kenne ihn nicht, werde ihn aber sicherlich treffen.

Auch Gerhard Schröder ist als Berater bei Ringier unter Vertrag. Was macht er genau?
Ich war diese Woche mit Gerhard Schröder in Serbien. Wir trafen die Regierung. Schröder berät uns bei allen politischen Fragen, in allen unseren Ländern. Davon abgesehen ist Schröder längst ein Freund von Michael Ringier und mir geworden. Ein wunderbarer Mensch. Er gehört fest zur Ringier-Familie.

Mit Roger Schawinski hat sich Ringier eine Schlammschlacht um Radio 105 geleistet. Ihr Verhältnis zu ihm?
Mir ist die Zeit zu schade, dazu Stellung zu nehmen.

Corine Mauch, die Stadtpräsidentin: Sie planten etwas Gemeinsames zur Medienkapitale Zürich. Was ist daraus geworden?
Sie hat sich sehr anständig dafür entschuldigt, dass mein Brief in der Sache in ihrem Departement unterging. Aber wir treffen uns bald wieder, um über die Medienstadt Zürich zu reden. Die Initiative von New York ist unser Vorbild, wir sind natürlich viel kleiner. Immerhin hat Google die Stadt als einen ihrer weltweit wichtigsten Standorte ausgewählt. Tamedia, NZZ, SRG, Ringier sind in Zürich, viele Internetfirmen, daraus kann man etwas machen.

Wie vertragen Sie sich mit André Béchir, dem Mitbegründer von Good News?
(Er überlegt). André hat entschieden, seine eigene Konzertagentur zu gründen, nachdem er jahrzehntelang Good News geführt und dabei mit uns gearbeitet hat. Seinen Entscheid musste ich akzeptieren.

Ringier entwickelt sich immer mehr zum Unterhaltungskonzern, warum?
Unser Umsatz im Bereich Entertainment liegt bei nicht einmal zwanzig Prozent. Von einem Unterhaltungskonzern kann somit keine Rede sein. Der Bereich Entertainment funktioniert bestens, aber er ist und bleibt nur ein Teil unserer Diversifikation.

Die Nähe zu Entertainern schafft Synergien, aber auch journalistische Probleme. Sie berichten ausgesprochen positiv über Künstler und Sportler, die dem Konzern nahe stehen. Gölä ist ein gutes Beispiel dafür, Lara Gut ein anderes.
Gölä hat keinen Vertrag bei uns, aber es stimmt, das wir ihn sicherlich etwas prominent behandeln. Mit Lara Gut haben wir einen Vertrag, ebenso mit Yann Sommer oder Fabian Cancellara. Auch hier gilt, was ich zu Hitzfeld gesagt habe: Dass wir uns bewusst sind, dass diese Nähe Interessenkonflikte schaffen kann und die journalistische Unabhängigkeit unantastbar bleibt.

Wie steht es um den Konzertveranstalter Ringier, der in seinen Blättern darüber berichten lässt?
Wenn Madonna ein miserables Konzert gibt, dann werden wir das auch schreiben.

Krokus, Gotthard: musikalisch von gestern, bei Ringier überpräsent.
Mag sein, aber ich sehe kein wirtschaftliches Motiv von unserer Seite.

Geht die Schweiz mit ihren Stars zu nett um?
Vielleicht etwas gar brav, ja. Die Deutschen machen das besser. Eine intelligente, durchaus auch kritische Auseinandersetzung mit unseren Prominenten ist keine journalistische Stärke in der Schweiz.

Möglicherweise ist die Nähe zu gross und sind die Protagonisten auch zu empfindlich. In England sind die Leute härter im Geben und auch im Nehmen.
Sehe ich auch so. Es hat aber auch damit zu tun, dass sich viele Schweizer Journalisten zu gut sind, um über Prominente zu berichten. Dabei hat es noch Platz für guten, kompetenten Society-Journalismus in vielen Publikationen.

In Ihrem Verlag bevorzugen sie die Älteren: Mick Jagger, Udo Jürgens, Peter Maffay, Chris von Rohr, Hausi Leutenegger. Sie haben ein Anschlussproblem.
Interessanter Punkt. Aber damit das klar ist: Kein schlechtes Wort über Mick Jagger!

Zum Geschäftlichen. Weshalb haben Sie «Le Temps» gekauft?
«Le Temps» ist eine grossartige Tageszeitung. Und von enormem Wert für die Westschweiz. Dieser Kauf ist eine Herzens-Sache für Ringier. Ein Bekenntnis zum Journalismus. Ein Bekenntnis zur Westschweiz.

In der Medienbranche hält sich das Gerücht, Ringier und Axel Springer stünden in der Schweiz vor einem Joint Venture. Das Digitalgeschäft soll zu Springer gehen, das Zeitschriftengeschäft zu Ringier.
Nachdem die Familie Ringier soviel Geld in die Weiterentwicklung des Unternehmens investiert hat – es waren in den letzten Jahren rund 1,4 Milliarden Franken – ist ein solches Szenario sicherlich kein Thema.

Warum nicht?
Uns war immer klar, dass wir ins digitale Kleinanzeigengeschäft wollen. Während Jahren haben wir auf Tamedia geschaut, der mit dem Stellenanzeiger enorm viel Geld verdiente. Wir konnten in diesem Bereich nie konkurrenzieren, weil ein Stellenangebot, ein Immobilienangebot aufgrund unserer Titel nicht passte. Mit den Investitionen sind wir nun auf einmal Markttführer in sämtlichen Segmenten! Es hat viel Verhandlungsgeschick und Geld gebraucht, um dieses Ziel zu erreichen. Es wäre absurd, das Geschäft jetzt Axel Springer zu übergeben und als Gegenleistung die Zeitschriften zu bekommen.

Und ein Deal in die andere Richtung?
Wir würden unsere Zeitschriften nie an Springer abgeben, weil diese hochprofitabel sind.

Das nehmen wir Ihnen nicht ab.
Vor Jahren stand Michael Ringier und seine Familie vor der Entscheidung, ob man den Transformationsprozess mit viel Geld durchführen soll – oder das Unternehmen verkaufen. Die Aktionäre haben sich für Ersteres entschieden. Das war ein grosser, eindrücklicher und wegweisender Entscheid.

Man hört, Sie selber kämpften um Ihren Posten als CEO von Ringier, weil Axel Springer ein Grossteil übernehmen werde. Diese Woche wurde bekannt, dass Ralph Büchi aus dem Vorstand von Axel Springer austritt. Das lässt sich als Indiz für diese These lesen.
Ich kämpfe nicht um meinen Posten. Ich kämpfe höchstens mit der vielen Arbeit (lacht). Ich kenne Ralph Büchi schon sehr lange, auch weil wir im Joint Venture in Osteuropa eng und gut miteinander arbeiten. Sein Rücktritt und seine Rückkehr haben andere Gründe.

Früher waren Sie in Asien präsent, jetzt expandieren Sie nach Afrika.
Wir sind in Asien noch immer präsent. In Vietnam, China, den Philippinen. Als wir vor zwei Jahren in Afrika investierten, hatten wir noch kein Büro, keine Telefonlinie, keine Mitarbeiter, gar nichts. Heute sind wir in vier Ländern aktiv, haben acht Internetfirmen, wovon fünf bereits Markführer sind. Das macht uns stolz.

Marktführer zu werden ist einfach, wenn keine Konkurrenz da ist.
Etwas salopp, was Sie hier sagen. Der südafrikanische Medienkonzern Naspers mit rund 15 Milliarden Franken Umsatz ist auf dem Markt präsent. Dazu viele andere grosse Investoren. Aber ich gebe Ihnen insofern recht, dass auch viele andere den Mut nicht haben oder hatten, nach Afrika zu gehen.

Das Afrika-Geschäft ist ein Abenteuer – und ein hochdefizitäres noch dazu.
Es ist defizitär. Logisch. Wir beginnen ja gerade, alles hochzufahren. Es gibt aber eine Plattform, die bereits rentiert. Unser Kleinanzeigenportal im Senegal. Wunderbar.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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