Spekulanten wetten gegen Meyer Burger

Thun

Die Luft für den Thuner Solarzulieferer Meyer Burger wird dünner – der Aktienkurs sinkt Richtung Rekordtief. Jetzt wird der einstige Börsenstar gar zum Spielball von Spekulanten.

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Dominik Balmer@sonntagszeitung

Die Meyer-Burger-Gruppe aus Thun galt einmal als Vorzeigeunternehmen. Der Aktienkurs des Solarzulieferers, der Spezialsägen herstellt, kletterte noch im Frühling 2011 auf ein Rekordhoch von über 44 Franken. Heute kostet eine Aktie etwa so viel wie ein Päckchen Zigaretten, rund 7 Franken. Der Wert von Meyer Burger schrumpfte dramatisch: von einst über 2 Milliarden auf rund 350 Millionen Franken.

Der tiefe Kurs zeigt die Angst vor der kränkelnden Solarbranche: Die Hersteller von Solarmodulen und Solarzellen können ihre Produkte nicht mehr verkaufen. Folglich leiden auch Zulieferer wie Meyer Burger. Niemand kauft neue Maschinen oder Anlagen. So holte das Thuner Unternehmen seit über anderthalb Jahren keinen Auftrag mehr von mehr als 30 Millionen Franken. Für das laufende Jahr rechnen Experten mit einem Verlust von bis zu 80 Millionen Franken.

Gefährliche Leerkäufe

Bei der Präsentation der Halbjahreszahlen im August verfügte Meyer Burger über flüssige Mittel von rund 300 Millionen Franken und eine Eigenkapitalquote von über 50 Prozent. Die Bilanzsumme betrug rund 1,3 Milliarden Franken. In den Büchern standen aber auch Schulden von fast 600 Millionen. Trotzdem herrschte kein Alarmismus.

Doch jetzt spitzt sich die Lage zu: Der fallende Aktienkurs ruft immer mehr Spekulanten auf den Plan. Diese wetten darauf, dass der Kurs weiter sinkt. Dazu tätigen sie Leerkäufe: Sie leihen die Aktien von Banken aus und verkaufen sie weiter, ohne dass sie das Wertpapier tatsächlich besitzen. Und wenn der Kurs weiter fällt, verdienen die Spekulanten Geld. Derzeit ist fast ein Viertel aller Meyer-Burger-Aktien ausgeliehen und wird für Leerkäufe genutzt. «Dieser Wert ist im Moment bei keiner anderen Aktie so hoch», sagt Panagiotis Spiliopoulos, Leiter des Bereichs Research der Bank Vontobel. Die Aktien sind «zum Spielball der Spekulanten geworden».

Die Gefahr: Wird der Markt durch solche Leerkäufe überschwemmt, kann der Aktienkurs allein deswegen weiter sinken. Die Spekulationen würden so zu einer Art Brandbeschleuniger.

Meyer Burger ohne Schutz

Eine Folge des tiefen Kurses ist, dass Meyer Burger mit seinen weltweit über 2000 Mitarbeitern zum Schnäppchen wird. «Das Übernahmeszenario rückt so indirekt in den Vordergrund», sagt Richard Frei, Analyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB).

Meyer Burger wäre aus diversen Gründen attraktiv: Das Unternehmen hat einen hohen Marktanteil und ist laut Branchenkennern technologisch sehr gut aufgestellt. Einen Kauf erleichtern würde der hohe Streubesitz der Aktien von Meyer Burger: «Es gibt keine Ankeraktionäre, die Meyer Burger schützen könnten», sagt Frei.

Dennoch erachten es die Analysten als wenig wahrscheinlich, dass Meyer Burger in naher Zukunft gekauft wird. Realistischer scheint, dass ein potenzieller Käufer noch ein bis zwei Jahre wartet und hofft, dass der Kurs von Meyer Burger weiter sinkt. Bei den aktuell grossen Überkapazitäten in der Solarbranche sei keine Eile geboten, sagt Vontobel-Analyst Spiliopoulos.

Das Feld möglicher Käufer wäre breit. Stefan Gächter, Analyst bei Helvea, sagt: Infrage kämen Unternehmen aus der Halbleiterindustrie, die noch nicht in der Solarbranche tätig seien. Der Grund: Solche Unternehmen stehen technologisch nahe an der Solarbranche.

Das Geld wird verbrannt

Im Moment verbrennt Meyer Burger viel Geld. Wie lange das so weitergeht, kann niemand mit Sicherheit sagen. Laut ZKB-Analyst Frei reicht das Polster «ins Jahr 2013 hinein».

So wird intern denn auch laufend überprüft, welche Finanzierungsinstrumente sinnvoll sind. «Cash is king», bringt es Werner Buchholz, Sprecher von Meyer Burger, auf den Punkt. Geprüft wird unter anderem ein Bankkredit. «Das ist eine Variante», sagt Buchholz. Analysten halten aber auch eine Erhöhung des Aktienkapitals für möglich. Dies würde allerdings das Gewicht der bestehenden Aktionäre verwässern. Diese zweite Variante kommentiert Buchholz nicht.

Zuversicht in Thun

Das beste Mittel jedoch, um die Finanzen auf Vordermann zu bringen, damit den Aktienkurs zu heben und somit unattraktiv für Käufer zu werden, sind neue Aufträge: «Wir arbeiten an mehreren interessanten Projekten im erweiterten arabischen und afrikanischen Raum», sagt Buchholz. Details will er aber keine nennen. Diese Projekte seien in der Verhandlungsphase – und da könne es jederzeit zu einem Abschluss oder Ausstieg kommen.

Die Zuversicht in Thun ist denn auch nach wie vor gross. «Wir halten an unserer Vision und Strategie fest», sagt Buchholz. Die Sonnenenergie spiele auch in Zukunft «eine tragende Rolle». Dominik Balmer>

Berner Zeitung

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