Sony und das japanische Experiment

Analyse

Mit Abenomics stellt Japan die wirtschaftspolitischen Weichen neu. So soll auch Elektronikriese Sony den Rank finden – und Japan das nationale Selbstbewusstsein.

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Philipp Löpfe

Der kalifornische Milliardär Daniel S. Loeb war kürzlich auf einer Stippvisite in Tokio. Sein Hedgefonds Third Point hat 6,5 Prozent der Sony-Aktien erworben und ist damit einer der grössten Aktionäre des Elektronikkonzerns geworden. Loeb will das Management zu einem Strategiewechsel motivieren. Sony soll den Unterhaltungsteil – etwa seine Hollywood-Studios – verkaufen und sich wieder voll auf das Geschäft mit Unterhaltungselektronik konzentrieren.

Der US-Investor ist überzeugt, dass nicht nur Sony, sondern Japan vor einem industriellen Comeback steht. «Unter der Führung von Premierminister Abe kann Japan seine Position als führendes wirtschaftliches und industrielles Powerhouse wieder zurückgewinnen», schreibt Loeb in einem Newsletter an seine Investoren.

Erfolg mit radikalen Massnahmen

Im vergangenen November hat Shinzo Abe mit einer erdrückenden Mehrheit die Wahlen gewonnen. Seither ist wirtschaftspolitisch kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Abe hat geschworen, endlich die jahrzehntelange Stagnation der Wirtschaft und die leichte Deflation der Währung auszumerzen – koste es, was es wolle. Der Premierminister hat einen neuen Präsidenten der Bank of Japan (BoJ) eingesetzt, der seinen Kurs mitträgt.

Das zeigt Folgen: Die BoJ hat öffentlich angekündigt, sie werde bis 2015 ihre Geldmenge mehr als verdoppeln. Das bedeutet, dass sie jährlich Wertpapiere im Umfang von 75 Milliarden Dollar aufkaufen will. Damit soll der Yen geschwächt und die Deflation überwunden werden. Die Massnahmen sind in ihrer Radikalität neu. «Abenomics» sei «eines der kühnsten wirtschaftspolitischen Experimente in der japanischen Nachkriegsgeschichte», schreibt Mohamed el Erian, CEO der Investmentgesellschaft Pimco.

Bisher hat das Experiment Erfolg: Der japanische Aktienmarkt hat über 50 Prozent zugelegt und der Yen hat gegenüber Euro und Dollar rund einen Fünftel an Wert verloren. Trotzdem sind die japanischen Leitzinsen nach wie vor auf rekordtiefen Werten. Es droht auch keine Hyperinflation. Die japanische Wirtschaft erholt sich sichtlich. Der Autokonzern Toyota beispielsweise ist wieder die Nummer eins auf der Welt und hat soeben sehr gute Zahlen vermeldet.

Ein Ruck geht durch das Land

Abenomics ist mehr als ein wirtschaftspolitisches Experiment. Japan erlebt so etwas wie eine Wiedergeburt seines Nationalbewusstseins. Durch das Land geht ein Ruck. Der Japan-Spezialist und Journalist David Pilling sieht neben dem neuen Premierminister zwei weitere Gründe, die diesen Wandel möglich gemacht haben: der Tsunami von 2011 und China.

Das Meeresbeben hat die Energieversorgung infrage gestellt und damit die Basis der Industrienation. «Zum ersten Mal wurde ernsthaft erwogen, dass sich ganze Industrien ins Ausland absetzen würden», schreibt Pilling. 2010 hat China Japan als zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt abgelöst und damit den Nationalstolz angestachelt. Mehrere anti-japanische Demonstrationen in Peking und der Streit um die Senkaku-Inseln haben die Kränkung noch verstärkt.

Sony als Symbol für Japans Wiedergeburt

Shinzo Abe hat diesen Trend politisch ausgenützt. Seine Abenomics sind nicht nur ein wirtschaftspolitisches Programm, sondern auch eine nationalistische Wiedergeburt. «Japan muss stark bleiben», rief er in einer Rede bei seinem Besuch in Washington aus, «stark mit seinen wirtschaftlichen Leistungen, aber auch stark bei seiner nationalen Verteidigung.»

Sony ist geradezu das perfekte Symbol für eine Wiedergeburt der japanischen Wirtschaft. In den 1980er-Jahren war der Elektronikkonzern der bewunderte Erfinder des Walkmans, des Trinitron-Fernsehers oder der Playstation. Sony-Gründer Akio Morita schrieb damals ein Buch unter dem Titel «Japan Inc.», das zur Pflichtlektüre eines jeden Managers gehörte. Im 21. Jahrhundert ist Sony zum Dinosaurier geworden. Der Aktienkurs hat in den letzten 13 Jahren rund 85 Prozent seines Wertes eingebüsst und den Ruf als Innovationsleader musste Sony längst an Apple und Samsung abtreten. Findet Sony dank Abenomics wieder zu alter Stärke zurück, dann hat Daniel Loeb das Geschäft seines Lebens gemacht.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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