«Sawiris ist fordernd und anspruchsvoll»

Interview

Fernando Lehner, Chef der Matterhorn-Gotthard-Bahn, betreibt die Bahnzubringer zu Sawiris' Tourismusprojekt in Andermatt. Er sagt, was er vom Ägypter hält und inwiefern dieser anders als die Schweizer denkt.

Gut unterwegs: Passagiere besteigen die Matterhorn-Gotthard-Bahn im Gebiet Andermatt-Oberalp. (Archivbild)

Gut unterwegs: Passagiere besteigen die Matterhorn-Gotthard-Bahn im Gebiet Andermatt-Oberalp. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Olivia Raths@tagesanzeiger

Herr Lehner, das Andermatter Resort-Projekt liegt an einer zentralen Stelle der Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB). Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?
Für uns ist das ein sehr wichtiges Projekt, denn Andermatt ist für uns ein bedeutsamer Knotenpunkt mit heute rund 1,5 Millionen ein- und aussteigenden Zugspassagieren pro Jahr. Wir hatten insgesamt ein starkes Wachstum, nicht zuletzt durch die Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels 2007 – sowohl ab Visp in Richtung Zermatt, aber interessanterweise auch in Richtung Disentis und Andermatt. Weil sich diese Gebiete weiterentwickeln, ist das auch für uns als Zubringer positiv zu werten.

Und welche Bedeutung hat die MGB für das Sawiris-Projekt in Andermatt?
Als Zubringer in dieses und andere Tourismusgebiete spielen wir sicher eine bedeutende Rolle. Das Potenzial in der Region ist gross, sowohl für den Tourismus als auch für uns. Mit der MGB können Gäste in Andermatt zum Beispiel einen Tagesausflug nach Zermatt/Gornergrat unternehmen, oder Gäste im Wallis können für einen Tag das Skigebiet von Andermatt-Sedrun oder auch das Resort besuchen. Weil mit dem Ausbau der Gebiete Arbeitsplätze entstehen, spielen wir zudem eine wichtige Rolle beim Transport des neuen Personals.

Apropos Zubringer: Die MGB-Linie Göschenen–Andermatt sieht teilweise nicht aus wie auf dem neuesten Stand, etwa wegen der älteren Züge. Gibt es Pläne, die Strecke auf Vordermann zu bringen?
Die Strecke durch die Schöllenenschlucht ist in einem sehr guten Zustand. Die Infrastruktur, darunter Gleise und sämtliche Brücken, haben wir kürzlich saniert. Das Rollmaterial ist zwar nicht gerade neu, aber keineswegs in einem schlechten Zustand. Im Laufe von 2014 werden zwischen Göschenen und Andermatt neue Niederflurwagen zwischen den bestehenden Wagen eingesetzt. Welches Rollmaterial zum Einsatz kommen wird, hängt von der künftigen Funktion des Bahnhofs Göschenen ab. Die entscheidende Frage ist: Wie wird Göschenen nach der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels auf der Schiene bedient? Anhand dessen werden wir unser Angebot auf der Strecke nach Andermatt anpassen. Klar ist jedoch schon heute: Die Bergstrecke wird weiterhin betrieben.

Bis 2016 soll der Bahnhof Andermatt umgebaut werden. Was ist konkret geplant?
Die Grundstruktur des Bahnhofs Andermatt reicht zurück bis in die Pionierzeit. Damals war die Schöllenen-Bahn noch ein eigenständiges Bahnunternehmen und fuhr von Göschenen herkommend in den Bahnhof Andermatt. Zudem gab es den Furka-Basistunnel noch nicht, und die damalige Furka-Oberalp-Bahn funktionierte während acht Monaten ohne Verbindung in Richtung Goms noch autonom. Geplant sind aktuell sechs Gleiskanten und eine Überdachung des Bahnhofs, unter der auch das Rollmaterial abgestellt werden kann. Zudem wird ein Teil des Depots entfernt, so kann die Brücke in Richtung Furka verbreitert werden. Hinzu kommen Personenunterführungen innerhalb des Bahnhofs sowie als Verbindungen zwischen dem alten und dem neuen Dorfteil von Andermatt. Ob und welche kommerzielle Nutzungen hinzukommen, wird momentan noch geprüft. Wir sind in einem ständigen Planungsprozess mit der Gemeinde Andermatt, dem Resort und den Skigebietsbetreibern.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Samih Sawiris?
Wir arbeiten eng zusammen, unter anderem sitzen Sawiris und ich in einem Steuerungsausschuss. Er ist ein faszinierender und spannender Mensch. Ich habe einen sehr positiven Eindruck von ihm. Sawiris bringt Ideen ein, die zum Teil auf den ersten Blick nicht so unserem – wie wir meinen – «strukturierten» Denken entsprechen, und die wir nicht alle so schnell wie vielleicht erhofft umsetzen können. Doch die Zusammenarbeit läuft auf gutem Niveau. Sawiris ist fordernd und anspruchsvoll.

Wenn das Resort erst einmal eröffnet ist, könnten die zusätzlichen Touristen zu mehr Fahrgästen auf der MGB-Route kommen. Wie läuft das Geschäft heute?
Wir sind eine Bahn, die sehr stark im Tourismus verankert ist: Zum einen sind wir in die Gornergratbahn und den Glacier Express eingebunden und mit diesem Geschäftsteil rein touristisch unterwegs; selbst der Regionalverkehr ist zu 80 Prozent touristisch. Obwohl die SBB – ein wichtiger Zubringer für die MGB – erstmals einen leichten Passagierrückgang verzeichnete, ist das bei uns (noch) nicht spürbar. Zwar hatten wir stärkere Rückgänge bei deutschen Touristen, doch insgesamt gab es bei uns eine Gästezunahme. Dazu trugen speziell Schweizer und Japaner bei.

Japaner? Das ist erstaunlich angesichts des Unfalls eines MGB-Zugs im Jahr 2010, als eine Japanerin ums Leben kam.
Wir hatten in der Tat Angst, dass der Markt Japan wegen des tragischen Unfalls einbrechen würde. Die Japaner sind für uns sehr wichtige und äusserst angenehme Gäste. Wir entschuldigten uns in aller Form für den Unfall, kommunizierten offen gegenüber den japanischen Medien und zeigten, dass das Bahnfahren in der Schweiz sehr sicher ist. Schlussendlich kam es lediglich zur Annullierung durch eine japanische Reisegruppe in der Woche des Unfalls. Ansonsten gab und gibt es keine Anzeichen, dass Japaner uns meiden – im Gegenteil.

Was sind die Zukunftsperspektiven der MGB?
Es liegt ein sogenanntes Luxusproblem vor: Wir können im Regionalverkehr weniger Frequenzen anbieten als nachgefragt. Doch wir sind am Ausbauen: Ende 2013 erhalten wir die ersten von elf bestellten Niederflurwagen und im Laufe von 2014 sechs Niederflur-Triebzüge von Stadler Rail. Zwischen Zermatt und Fiesch führen wir den Halbstundentakt ein. Zudem setzen wir auf die Marktbearbeitung in Japan und den neuen Märkten in Südostasien – werden aber beispielsweise Deutschland nicht vernachlässigen. Insgesamt blicken wir sehr optimistisch in die Zukunft. Übrigens hat auch der Heimmarkt Schweiz Potenzial: So kann man zum Beispiel ab Zürich gut Tagesausflüge unternehmen, etwa nach Visp, und von dort aus mit dem Glacier Express nach Chur, um anschliessend wieder nach Zürich zu fahren. Der Gornergrat, inmitten von 29 Viertausendern, ist ebenfalls schnell erreichbar.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt