SBB setzen bei E-Tickets auf Luxusvariante

Hintergrund

Einfacher reisen, einfacher zahlen dank elektronischen Fahrausweisen: Daran arbeiten die SBB nun schon seit 15 Jahren. Die Kosten scheinen zu explodieren – die Rede ist von 300 Millionen Franken.

Mit teureren Billetten sollen Bahnkunden, hier in Luzern, den SBB 220 Millionen Franken Mehreinnahmen bringen – beim E-Ticket-System will die Bahn nicht sparen. Foto: Reuters

Mit teureren Billetten sollen Bahnkunden, hier in Luzern, den SBB 220 Millionen Franken Mehreinnahmen bringen – beim E-Ticket-System will die Bahn nicht sparen. Foto: Reuters

Romeo Regenass

An elektronischen Fahrausweisen für den öffentlichen Verkehr (ÖV) tüfteln die SBB seit 15 Jahren. Versprochen wurde viel, erreicht wenig. 2001 landete ein erstes Projekt mit dem «Easyride» auf dem Abstellgleis: «Zu teuer, zu hohe technische Risiken», hiess es. Das übergeordnete Ziel, den einfachen Zugang zum ÖV, verfolgten die SBB weiter. Das Vorgehen wirft allerdings Fragen auf, wie Recherchen des TA zeigen.

2006 hatten sich die SBB in Sachen E-Ticket an die Swisscom gewandt. Weil er nicht über die nötige Technologie verfügte, zog der Telekomkonzern die Firma Mega-Tel in Gümligen BE und ihre deutschen Partner hinzu. Diese hatten für die Verkehrsbetriebe Bernmobil ein E-Ticket-System entwickelt, das wegen der Einführung des Tarifverbunds nicht realisiert worden war. Laut Mega-Tel-Chef Pierre Chappuis konnte man mit der Anwendung Tickets via Handy kaufen. «Die Billette waren fälschungssicher und wiesen ein Foto und alle Infos zum Halbtaxabo auf», sagt Chappuis.

Zwei Systeme, ein Ziel

Die patentierte Technologie hätte die Mega-Tel der Swisscom für 600'000 Euro geliefert. Doch diese bot die Sache den SBB für einen aus Sicht von Chappuis völlig überhöhten Preis an, und so wurde nichts daraus. Die Swisscom wollte dies nicht bestätigen, Verhandlungen würden generell nicht kommentiert.

Der Berner liess nicht locker und ging direkt zu den SBB. Diese wollten lange nichts davon wissen, erst 2011 durfte Chappuis den SBB eine Weiterentwicklung des Konzepts vorstellen: eine neuartige Karte mit Identifikationsdaten und Bildbereich sowie einem mehrmals beschreibbaren Bereich für die Billette. Doch die SBB zeigten dem Unternehmer abermals die kalte Schulter; man habe sich für das System Bibo entschieden. Mega-Tel setzt auf das System Cico.

  • Bibo steht für «Be in, be out», ein System, das die Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen automatisch erfasst. Es arbeitet mit drahtloser RFID-Technik und einer entsprechenden Chipkarte; die elektromagnetischen Wellen haben eine Reichweite von fünf bis zehn Meter. Es erfordert hohe Investitionen ins Rollmaterial, weil alle Züge, Busse, Bahnen und Schiffe mit Raumerfassungsantennen und anderem ausgerüstet sein müssen.
  • Cico steht für «Check in, check out», ein System, bei dem die Fahrgäste sich beim Ein- und Aussteigen mit einer Karte oder dem Handy aktiv an- und abmelden. Cico arbeitet mit der NFC-Technologie; es werden nur Daten zwischen Teilnehmern ausgetauscht, die maximal zehn Zentimeter voneinander entfernt sind. Es braucht nur kleine, billige Funksender. Deshalb ist die Ausrüstung der Verkehrsmittel klar günstiger als bei Bibo.

Die SBB bestreiten, bereits einen Systementscheid gefällt zu haben. «Bis dato wurden weder Projekt-, Technologie- oder Anbieterentscheide gefällt», sagt Sprecher Reto Kormann. «Insofern sind Aussagen über Systempräferenzen und mögliche Lieferanten rein spekulativ.» Man werde auch die Vor- und Nachteile der NFC-Technologie abklären.

Dem widerspricht eine Präsentation von Santiago Garcia, Programmleiter für elektronisches Ticketing der SBB, die vom Juni 2012 datiert. Unter dem Titel «Easy Ride: die Vision» schildert Garcia, wie die Fahrgasterfassung mit dem System Bibo automatisch erfolgen soll. Von Cico keine Spur.

Hinweis auf Vorentscheid

Einen weiteren Hinweis auf einen Vorentscheid gibt die Website Simap.ch, auf der alle öffentlichen Ausschreibungen publiziert werden. Hier haben die SBB bereits im Oktober 2011 eine Hersteller- und Produktequalifizierung für ein Bibo-Raumerfassungssystem ausgeschrieben. «Um die technische Machbarkeit abzuklären, haben wir ein sogenanntes Qualifikationsverfahren publiziert», bestätigt SBB-Sprecher Kormann. «Selbstverständlich nehmen die SBB solche Abklärungen auch für andere Technologien wahr.»

Nur: Die Machbarkeit von Bibo wurde bereits 2005 mit einem Pilotprojekt im deutschen Dresden bewiesen. Das bestätigen Hendrik Wagner, Abteilungsleiter Tarif/Vertrieb beim Verkehrsverbund Oberelbe, und Benno Estermann, Sprecher der in den Pilotversuch involvierten Siemens Schweiz.

Auf Siemens zugeschnitten

Wieso geben die SBB für eine unnötige Machbarkeitsanalyse viel Geld aus? «Sämtliche Anbieter können so nachweisen, dass sie die erforderliche Technik bereitstellen können», heisst es bei den SBB. Insider sagen allerdings, dass die Ausschreibung stark auf Siemens zugeschnitten sei. Zufälligerweise stellt der deutsche Konzern an der Fachmesse Innotrans in Berlin nächste Woche seine neuesten E-Ticket-Lösungen vor – darunter eine Smartcard mit RFID-Chip, die sowohl die Funktionen Bibo als auch Cico beherrschen soll.

Was Siemens für die SBB am liebsten realisieren würde, geht aus einer Präsentation vom März 2011 hervor. Zwar wird das Cico-Konzept der Londoner U-Bahn vorgestellt, das seit einiger Zeit erfolgreich in Betrieb ist. Aber die Lösung für den Schweizer ÖV sei Bibo: «GA-Komfort für alle». Wenn viele Transportunternehmen mitmachten, seien die Investitionskosten bezahlbar.

Ohne Einsparungen geht es nicht

Ueli Stückelberger, Direktor des Verbands Öffentlicher Verkehr (VÖV), dem alle Schweizer Transportunternehmen angeschlossen sind, ist da vorsichtiger: «Bei hohen Anfangsinvestitionen von bis zu 300 Millionen Franken muss es irgendwo auch Einsparungen geben, sonst geht die Rechnung nicht auf.» Zudem sei ein E-Ticket in einem komplexen System wie dem Schweizer ÖV nicht so einfach einzuführen wie in einer U-Bahn, die in sich abgeschlossen sei. Die Kosten scheinen zu explodieren: Vor einem Jahr sprach SBB-Projektleiter Garcia in der «SonntagsZeitung» noch von Umrüstungskosten von «maximal 200 Millionen Franken».

Derweil wartet Mega-Tel-Chef Chappuis noch immer auf einen Termin bei Jeannine Pilloud, die seit Anfang 2011 dem SBB-Personenverkehr vorsteht. Er wüsste eine Alternative zur von ihr angekündigten Welle von Preiserhöhungen: «Mit Investitionen von schätzungsweise 10 Millionen Franken lässt sich unser Konzept in der gesamten Schweiz innerhalb von weniger als zwölf Monaten realisieren. Und es umfasst bereits die Erweiterung, die mit der NFC-Technologie auf den Smartphones anrollt.» Zum Vergleich: Die höheren Preise, die ab Dezember 2012 gelten, sollen den SBB Mehreinnahmen von 220 Millionen Franken bringen.

Vorentscheid im November

Allzu grosse Hoffnungen darf sich der Berner nicht machen. Morgen Freitag werden die Mitglieder des VÖV über die geplante ÖV-Karte informiert. Die Karte enthält einen RFID-Chip und verbindet das GA oder Halbtax mit dem Abo eines Verkehrsverbunds. Berührungslos erkennen Zugbegleiter so auf ihrem Gerät, ob ein Abo gültig ist oder nicht. «Das wäre ein erster Schritt auf dem Weg zum E-Ticket», sagt VÖV-Direktor Stückelberger. «Das Ziel ist, dass der Startschuss im November fällt, sodass die Karte ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2013 schrittweise eingeführt werden könnte.»

Tages-Anzeiger

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