«Reiche Multis, arme Bürger»

Philipp Löpfe und Werner Vontobel haben ein neues Buch geschrieben. Bernerzeitung.ch/Newsnetz veröffentlicht vorab drei Auszüge. Heute aus dem Kapitel «The party is over. Aber nicht für alle».

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Etwa 30 Jahre lang hat die Marktwirtschaft alle reicher gemacht. Nun bietet sie diesen Service nur noch dem reichsten Prozent. Für immer grössere Teile der Bevölkerung ist die Party vorbei. Doch dieser globale Trend zur Ungleichheit ist offensichtlich kein Naturgesetz.

Der Tag fängt schon schlecht an. «Generalstreik, 100’000 Griechen demonstrieren in Athen», melden die Sechs-Uhr-Nachrichten im Radio. Das Ereignis ist Radio DRS immerhin eine kleine Reportage wert. Sie könne ihre Kinder kaum noch richtig ernähren, ereifert sich eine Demonstrantin. Ein Pensionierter gibt sich halb resigniert, halb abgeklärt. «The party is over. » Er sagt es auf Englisch. Weisheiten dieses Kalibers sind heute globalisiert.

Nächstes Thema: Schweiz verhandelt mit Griechenland über Steuerabkommen. 120 Milliarden unversteuerte Griechengelder sollen in der Schweiz Zuflucht gefunden haben. Schweizer Regierungsbeamte bestreiten die Zahl. Weiter im Text: Der Handel mit Luxusgütern boomt gemäss einer Studie. Der Umsatz steige weltweit um 10, in der Schweiz gar um 18 Prozent.

Die Party ist also offenbar noch nicht vorbei, zumindest nicht für alle. Doch diesen Zusammenhang stellt Radio DRS nicht her. Man meldet nur. Erst dies, dann das. Doch allmählich beginnt es dem «Mann auf der Strasse» zu dämmern: Er zieht die Linien zwischen den punktuellen Meldungen, und allmählich entsteht ein Bild: Der Reichtum der Wenigen wird mit dem erzwungenen Verzicht der Vielen erkauft.

«There is no free lunch», um eine andere globale «Weisheit» zu bemühen. Die Leute gehen auf die Strasse – Occupy Wall Street, Occupy Paradeplatz. Der Protest formiert sich, aber seine Stossrichtung bleibt vage. So war es eigentlich nicht gedacht. Gemäss den Versprechungen der ökonomischen Lehrbücher sollte die freie Marktwirtschaft alle immer reicher machen. Dieses Versprechen war zugleich auch die Legitimierung der Marktwirtschaft: Ihr müsst euch zwar anstrengen, müsst flexibel sein und ab und zu vielleicht sogar einen kleinen Rückschlag in Kauf nehmen. Aber auf mittlere Sicht geht es allen besser.

Diese Doktrin gilt noch immer. An keiner Universität wird gelehrt, dass die Marktwirtschaft nur einer Minderheit nützt und dass es keine Alternative zur Verarmung der Massen gebe. Nein, die Gegenposition kommt anders daher. Nicht wissenschaftlich, sondern moralisch. Ein typisches Beispiel dafür ist etwa ein Artikel im «Spiegel» von Ende 2011 über die Schuldenkrise in Frankreich. «Nun gerät auch die europäische Wirtschaftsgrossmacht Frankreich ins Wanken. Jahrzehntelang hat das Land geprasst und seinen Konsum auf Pump finanziert. » Statt Konsum ist Sparen angesagt. Doch das, so klagt der «Spiegel», sei «für die französische Politik Neuland». Das sei so, «als verlange man von Gänsen, sich auf Weihnachten zu freuen». Und auch ein anderes Schlagwort darf in diesem Zusammenhang natürlich nicht fehlen: «Tatsächlich lebt das Land seit 37 Jahren über seine Verhältnisse. »

Da haben wirs. Das was einst neutral «Wirtschaftswachstum» genannt wurde, heisst nun «geprasst» und «Konsum auf Pump finanziert» oder «das Land des immer Mehr». Der Ausdruck geht auf das Buch «Toujours plus» zurück, das der französische Autor Francois de Closet 1984 geschrieben hatte. «Wir sind das Land des immer Mehr», klagt auch Maurice Levy, Chef des französischen Werbekonzerns Publicis im besagten «Spiegel»-Artikel.

Damit ist die Sache klar. Dass «immer mehr» auf Dauer nicht geht, muss eigentlich jedermann einleuchten. Schnallen wir also den Gürtel enger: The party is over!

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