Prekäre Arbeitsverhältnisse sind auf dem Vormarsch

Philipp Löpfe und Werner Vontobel haben ein neues Buch geschrieben. Bernerzeitung.ch/Newsnetz veröffentlicht vorab drei Auszüge. Heute aus dem Kapitel «Wenn Menschen zu viel arbeiten».

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Die Marktwirtschaft hat so lange gut funktioniert, als es der Politik gelungen ist, die Arbeitszeiten dem effektiven Bedarf anzupassen. Heute klafft eine riesige Lücke zwischen der Norm von 40 Wochenstunden und den rund 30 Wochenstunden, die wir effektiv arbeiten. Diese Differenz erlaubt es den Unternehmen, Löhne und Steuern fast nach Belieben zu drücken.

Die periodische Anpassung der Normarbeitszeiten an die effektiv geleistete Arbeitszeit ist – oder vielmehr wäre – das Kernstück jeder erfolgreichen Wirtschaftspolitik. Rund ein Jahrhundert lang ist dieses Kunststück den westlichen Industriestaaten insgesamt gut gelungen.

Der 2010 verstorbene britische Ökonom Angus Maddison hat sich sein Leben lang mit dem Verhältnis von Produktivität und Arbeitszeit befasst. Er kam zu folgenden Ergebnissen: 1870 lag die jährliche Arbeitszeit noch in allen Industriestaaten bei rund 2950 Stunden. Das entspricht einer 60-Stunden-Woche. 1970 war die Arbeitszeit überall unter 2000 Stunden gesunken. Am meisten arbeiteten damals noch die Schweizer (1930 Stunden), am wenigsten die Schweden (1571 Stunden).

Aber selbst die «faulen» Schweden bewiesen schon damals, wie unglaublich produktiver die Wirtschaft in den vergangenen 100 Jahren geworden war: Ihre Arbeitszeit hatte sich halbiert, aber das schwedische Bruttoinlandprodukt hatte sich trotzdem um das Achtfache vergrössert.

Seit den 1970er-Jahren ist der Trend, mit weniger Arbeit mehr zu produzieren, ins Stocken geraten. In den meisten europäischen Ländern ist zwar die durchschnittliche Arbeitszeit offiziell um weitere rund 300 Stunden gesunken. die vertraglichen und gesetzlichen Normarbeitszeiten sind jedoch praktisch unverändert geblieben.

Gleichzeitig haben sich die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt zugunsten der Unternehmen verschoben. Prekäre Arbeitsverhältnisse, die keine regelmässigen Arbeitszeiten garantieren, sind auf dem Vormarsch. Der Anteil der Arbeitnehmer, die noch einen Vollzeitjob haben, nimmt hingegen laufend ab, und der Anteil derer, die gar keine Arbeit mehr haben, steigt. Heute liegt Letzterer europaweit durchschnittlich bei etwa 15 Prozent

Das müsste nicht so sein. Würden die Normarbeitszeiten wieder – wie dies bis Mitte der 1970er-Jahre der Fall war – dem effektiven Bedarf angepasst, dann würde auch die Arbeitslosenquote sich wieder in verträgliche Bereiche zurückbilden.

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