«Offensichtlich spekulieren Käufer auf einen besseren Preis»

Das Waldhaus Flims wird wegen Überschuldung zwangsversteigert. Wo wird der Preis liegen? Und warum kommen die reichen Kunden nicht mehr? Dazu VR-Präsident Gion Fravi.

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Ein Abschreiber von 30 Millionen Franken hat dem Waldhaus Flims das Genick gebrochen. Wie ist es dazu gekommen?
Als Fünfsternhotel hatten wir seit der grossen Finanzkrise 2008/09 mit einem schwierigen Umfeld zu kämpfen, und wir waren gezwungen, unsere Bilanz zu sanieren. Aus diesem Grund wurde eine Neubewertung unserer Anlage nötig, und es stellte sich heraus, dass sie mit 30 Millionen Franken zu hoch in den Büchern war. Nach der Abschreibung war das Eigenkapital der Betreibergesellschaft negativ, und deshalb müssen wir nun die Bücher deponieren.

Wieso ist die Anlage denn plötzlich 30 Millionen Franken weniger wert?
Wir haben die Anlage bisher nach ihrem Verkehrswert bewertet, also geschaut, welchen Wert vergleichbare Hotelanlagen haben. Nun mussten wir aber auf die Ertragswertmethode umstellen, weil der Betrieb seit mehreren Jahren defizitär war. Und in dieser Betrachtungsweise ist ein Betrieb dann natürlich viel weniger Wert.

Wieso ist der Hotelbetrieb überhaupt defizitär? Kenner Ihres Hauses sagen, dass die Zimmer mit der Fünfsternqualität nicht mithalten können und das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt.
Dass wir zu teuer sind, stimmt nicht. Wir haben je nach Saison spezielle Angebote, und wir bieten in der Hauptsaison andere Preise als in der Nebensaison. Zudem haben wir unsere Durchschnittspreise in diesem Winter um 10 Prozent gesenkt.

Auch die Reichen sind preissensitiver geworden?
Früher sagte man, Reiche sind auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten reich und geben immer Geld aus. Diese Theorie muss wohl aufgegeben werden. Wir spüren ein gewisses Preisbewusstsein auch bei der vermögenden Klientel.

Und wieso sind Sie trotz tieferer Preise immer noch defizitär?
Weil wir nicht genügend Auslastung haben. Wir konnten in diesem Winter die Auslastung um acht Prozent steigern. Um profitabel zu sein, müssten wir aber eine Auslastung von 45 Prozent erreichen. Das haben wir nicht geschafft. Wir haben sicher auch noch Aufholbedarf bei der Zimmerqualität. Hier braucht es Investitionen; auch dafür suchen wir jetzt neue Investoren.

Welche Rolle spielt der starke Franken?
Der starke Franken erleichtert uns das Geschäft sicher nicht. Der Frankenschock hat uns aber nicht das Genick gebrochen. 65 Prozent unserer Gäste kommen aus der Schweiz.

Also haben Sie die Schweizer Kunden vernachlässigt?
Möglicherweise haben wir unsere Marketingstrategie in den letzten Jahren tatsächlich zu stark auf Schwellenländer wie Russland oder Brasilien fokussiert und unsere Schweizer Kernkundschaft ein wenig vernachlässigt.

Sie suchten bereits seit zwei Jahren nach neuen Investoren.
Das stimmt. Wir haben mit mehreren Kaufinteressenten Gespräche geführt, aber es sind nun alle abgesprungen. Ich bin aber trotzdem sicher, dass wir auf alle Fälle einen Käufer finden werden.

Wieso sind Sie da so sicher?
Investoren erhalten eine funktionierende Hotelanlage in einer der attraktivsten Ferienregionen der Schweiz, nahe von Zürich. Wir haben in den letzten Jahren rund 60 Millionen Franken investiert, was einen wirtschaftlichen Betrieb ermöglichen sollte.

Wieso sind denn alle Investoren abgesprungen?
Offensichtlich spekulieren potenzielle Käufer darauf, dass sie im Rahmen der Zwangsversteigerung einen besseren Preis erzielen werden, als wir in den bisherigen Verhandlungen angeboten haben.

Wann wird es zur Versteigerung kommen?
Ich rechne Ende dieses, Anfang nächstes Jahr damit.

Wie teuer ist das Hotel denn?
Ich kann keinen konkreten Preis nennen. Aber das Hotel wird bestimmt nicht für einen einstelligen Millionenbetrag den Besitzer wechseln.

Bisher haben Sie den defizitären Betrieb der Hotelanlage durch den Verkauf von Zweitwohnungen finanziert. Geht das nicht mehr?
Die Unklarheiten im Zusammenhang mit der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative haben Käufer verunsichert, und der Markt für Zweitwohnungen ist zusammengebrochen. In den vergangenen zehn Jahren konnten wir dank dem Verkauf von Zweitwohnungen rund 40 Millionen Franken ins Hotel investieren. Aufgrund der schwierigen Marktlage funktioniert das nun nicht mehr.

Und die bisherigen Eigentümer verzichten einfach auf Ihr Geld?
Die Grossaktionäre Hanspeter Fontana und Hansruedi Wyss haben in den vergangenen Jahren immer wieder Geld eingeschossen. Doch nun wurde eine Schmerzgrenze erreicht und sie wollen keine neuen Gelder einschiessen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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