Oberster Wirt beklagt «fast totalen Buchungsstopp»

Gastrosuisse-Präsident und Hotelier Casimir Platzer spürt die Folgen des Nationalbankentscheides am eigenen Leib. Sein Hotel Victoria in Kandersteg verzeichnet massiv weniger Buchungen.

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Jon Mettler@jonmettler

Herr Platzer, wie viele Gäste aus dem Euroraum haben nach der Aufhebung des Euromindestkurses ihre Ferien bei Ihnen storniert?Casimir Platzer: Konkret hatten wir drei Stornierungen, wobei niemand zugab, dass es wegen der neuen Wechselkurssituation sei. Allerdings haben wir seit dem Entscheid der Nationalbank vom 15.Januar einen fast totalen Buchungsstopp. Die Zahlen für Januar und Februar sind nicht schlecht. Für März sieht es dagegen schon schlimmer aus. Und obwohl wir jetzt perfekte Bedingungen mit Sonnenschein und Pulverschnee haben, kommen auch weniger kurzfristige Buchungen als normal herein. Ich will nicht schwarzmalen, aber vor der Sommersaison habe ich ziemlich Respekt.

Sie sind Präsident des Verbands Gastrosuisse, dem rund 20'000 Restaurants und Hotels angehören. Ist bei den Mitgliedern das grosse Wehklagen ausgebrochen? Wir sind keine Jammerbranche. Aber wenn der Wechselkurs auf dem aktuellen Niveau bleibt, stehen wir vor grossen Herausforderungen. Denn die Situation war schon vorher schwierig, wobei man zwischen städtischem und ländlich-alpinem Raum unterscheiden muss. So ist die Zahl der Logiernächte in Städten zwischen 2008 und 2013 zwar um 4,5 Prozent gestiegen. Doch im Berner Oberland, im Wallis oder im Bündnerland gingen die Logiernächte im gleichen Zeitraum um fast 15 Prozent zurück. Zugleich sanken die Zimmerpreise leicht.

Mit welchem Rückgang ist beim aktuellen Eurokurs zu rechnen? Laut Schweiz Tourismus verlieren wir mit jedem Prozent, um das der Franken gegenüber dem Euro stärker wird, 0,5 bis 1,0 Prozent der Gäste aus dem Euroraum. Das entspräche beim gegenwärtigen Eurokurs einem Minus zwischen 7 und 15 Prozent.

Knapp die Hälfte der Hotelgäste kommt aus der Schweiz. Befürchten Sie, dass diese öfter ins Ausland reisen, um vom starken Franken zu profitieren? Wir müssen damit rechnen, dass für einige jetzt der Moment gekommen ist, von günstigen Ferienangeboten im Ausland zu profitieren. Wichtig ist aber, dass wir die Schweizer daran erinnern, dass Ferien in der Schweiz für sie nicht teurer geworden sind.

Aber für Gäste aus dem Euroraum ist das der Fall. Grundsätzlich haben wir kein Preisproblem, sondern ein Währungsproblem. Natürlich haben wir im Vergleich zu anderen Ländern sehr hohe Personal- oder Einkaufskosten. Aber wenn der Eurowechselkurs bei 1.30 oder 1.40 Franken läge, wären wir absolut konkurrenzfähig.

Die Gewinnmargen der Hoteliers in den Berggebieten waren aber schon vor dem Entscheid der Nationalbank bescheiden. Wir haben teilweise auch ein Margenproblem. Das hat primär mit der Kostenentwicklung im Gastgewerbe zu tun. Die Personalkosten machen heute beinahe 50 Prozent aus. Das sind 5 bis 6 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Die Rendite ist um diesen Prozentsatz zurückgegangen. Aber das Währungsproblem ist viel grösser. Vor der Aufhebung des Euromindestkurses waren Hotels im benachbarten Ausland 20 bis 30 Prozent günstiger. Jetzt beträgt der Preisunterschied fast 45 Prozent. Das ist zu viel. Da hilft es auch nicht mehr, dass wir die schönsten Berge haben. Gerade im Winter können wir uns kaum vom Ausland abheben, weil auch dort der Schnee weiss und die Pisten gut sind.

Droht bei diesem Preisunterschied eine Schliessungswelle? Es gibt Schätzungen, wonach bis zu einem Drittel aller Hotelbetriebe gefährdet ist, wenn der Eurokurs in den nächsten zehn Jahren im Bereich von 1 Franken verharrt. Das wünscht sich niemand. Denn nicht nur die Bergbahnen, sondern auch viele Betriebe aus anderen Branchen sind von der Hotellerie abhängig: Bäcker, Metzger, Elektriker, Maler et cetera. Entsprechend gravierend wären die Folgen für Bergdörfer, wenn ein Drittel der Hotels schliessen müsste.

Sind Lohnsenkungen, Arbeitszeitverlängerungen oder Entlassungen zu erwarten? Man kann nicht einfach die Löhne senken, und Arbeitszeitverlängerungen scheinen mir für die Mitarbeiter auch nicht gerade motivierend. Wenn die Auslastung sinkt, ist man gezwungen zu reagieren, und dies ist praktisch nur über einen Stellenabbau möglich. In vielen Betrieben ist das Sparpotenzial aber bereits ausgereizt, und diese Betriebe werden wohl verschwinden.

Sind mehr Touristen aus Asien die Lösung? Zunächst versuchen wir den Schweizer Markt noch aktiver zu bearbeiten. Daneben gibt es in Europa ausserhalb des Euroraums noch Länder mit Potenzial wie zum Beispiel Grossbritannien oder die skandinavischen Staaten. Aber natürlich verspricht Asien am meisten Wachstum. Da viele Touristen aus Indien oder China die Schweiz im Rahmen einer Europa-Reise besuchen, fällt das Preisniveau nicht so stark ins Gewicht. Zudem hat sich die Schweiz ein ausgezeichnetes Image als Reiseland aufgebaut. Matterhorn, Jungfraujoch, Titlis oder Blümlisalp sind dort starke Marken, die man einmal im Leben gesehen haben muss. Dem Gastgewerbe können sie die europäischen Touristen aber nicht ersetzen.

Sind asiatische Touristen zu wenig lukrativ? Für die Schweiz sind sie sehr lukrativ. Sie geben relativ viel Geld für Uhren und Schmuck aus. Aber sie reisen meist in Gruppen, für die tiefe Gruppentarife gelten. Das Gastgewerbe profitiert deshalb nur wenig.

Verlangen Sie doch von Swatch-Group-Chef Nick Hayek, dass er dem Gastgewerbe 10 Prozent von jeder an einen Touristen aus Asien verkauften Uhr überweist.(lacht) Herr Hayek klagt ja selber über die Währungssituation und dürfte nicht mitspielen. Aber Tatsache ist, dass es sehr schwierig ist, einem Chinesen ein Abendessen zu verkaufen – und eine Flasche Wein ist noch schwieriger. Auch für mich als Gastgeber sind Gruppen aus Asien etwas ganz anderes, weils fast keine Kommunikation gibt und ich bloss spätabends den Schlüssel aushändige, den ich dann frühmorgens wieder einziehe.

Was für Möglichkeiten haben Hoteliers, um wieder konkurrenzfähiger zu werden? Ein klein wenig helfen können Kooperationen. Unter dem Arbeitstitel «Frutigland» haben wir gerade eine solche lanciert. Daran beteiligt sind rund ein Dutzend Hotels aus Adelboden, Frutigen und Kandersteg, die nun zusammenarbeiten, um so beispielsweise die Einkaufskosten zu senken. Gastrosuisse ist daran, ein Tool zu realisieren, um die Mitglieder zu mehr Kooperationen zu motivieren. Dabei werden bestehende, erfolgreiche Kooperationen als «Best Practices» aufgezeigt. Das Währungsproblem lässt sich damit aber nicht lösen, sondern höchstens ein wenig lindern.

Welche Lösung schlagen Sie vor? Entweder sorgen wir für Verbesserungen bei den beiden Hauptkostenträgern Personal und Einkauf. Solange aber die Lebenshaltungskosten in der Schweiz so hoch sind, kommen Lohnsenkungen nicht infrage. Deshalb müssen wir zuerst bei den Einkaufskosten ansetzen. Heute sorgen Schutzzölle, Handelshemmnisse oder Importbeschränkungen dafür, dass viele Produkte viel teurer sind als in den Nachbarländern. Parallelimporte müssen möglich werden, damit Produkte zu den fast gleichen Konditionen gekauft werden können wie in Euroländern. Es kann zum Beispiel auch nicht sein, dass Parmaschinken in Italien 10 Euro pro Kilo kostet, in der Schweiz dafür aber 50 Franken bezahlt werden müssen.

Oder? Oder es gelingt uns, die für fast alle negative Währungssituation zu ändern, etwa indem viel höhere Negativzinsen auf Frankenguthaben eingeführt werden, die Nationalbank wieder interveniert oder durch Wechselkursregulatorien, die den Wert des Frankens auf eine für die Wirtschaft verträgliche Höhe bringen. 1936 war die Schweiz in einer ähnlichen Situation. Auf Drängen der Exportindustrie und der Tourismusbranche beschloss der Bundesrat damals, den Franken um 30 Prozent abzuwerten. Innerhalb eines Jahres konnten die Exporte dadurch um 50 Prozent gesteigert werden. Mir ist bewusst, dass das heute nicht mehr wie in den 30er-Jahren möglich ist, aber Wege gibt es auch heute noch.

Was reizt Sie – trotz aller Schwierigkeiten – am Beruf des Hoteliers? Es ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Für mich gibt es nichts Befriedigenderes, als einem zufriedenen Gast eine erholsame Zeit zu bieten. Dazu muss man natürlich Menschen mögen. Der Beruf ist sehr abwechslungsreich. Ich bin einerseits in der Gastronomie aktiv und muss mich andererseits um Administration, Buchhaltung, Einkauf sowie Marketing kümmern. Ich gebe aber zu, dass die aktuelle Situation etwas auf die Motivation schlägt.

Inwiefern? Wir mussten die letzten drei Jahre kämpfen, um mit dem Wechselkurs von 1.20 auszukommen. Im vergangenen Jahr hat es so ausgesehen, als hätten wir die Talsohle durchschritten, und nun kommt der Entscheid der Nationalbank wie ein Donnerschlag. Es kommt mir vor wie bei einem Marathonlauf, wenn es bei Kilometer 40 plötzlich heisst: Zurück zum Start. Ich lasse mich aber nicht entmutigen.

Die Schweizer beklagen sich, dass die Bedienung im Inland oftmals unfreundlicher sei als jene im angrenzenden Ausland. Für mich ist das eine Mär. Unser Tourismus ist vielleicht nicht besser, aber ganz sicher auch nicht schlechter als anderswo.

Aber es muss doch einen Grund geben für dieses ungute Gefühl. Ich habe eher den Eindruck, die Schweizer spielen die guten Erlebnisse im Ausland gerne gegen die schlechten im Inland aus. Ich behaupte: Ich könnte Sie hier und jetzt in Kandersteg von Betrieb zu Betrieb führen, und Sie würden nicht eine einzige Erfahrung mit unfreundlichem Service machen.

Teil des Ferienerlebnisses im Inland sind auch die Kontakte mit den Einheimischen. In vielen Schweizer Hotels arbeiten aber keine Schweizer mehr. Wie in anderen Branchen auch lassen sich im Tourismus praktisch keine Schweizer für die nicht qualifizierten Bereiche wie Zimmerservice, Tellerwäscher und Portier finden. Das ist in Österreich nicht anders. Das hat nicht nur mit dem Lohn zu tun, sondern ist wohl auch ein Zeichen des Wohlstandes. Unter den qualifizierten Fachkräften wie Réceptionisten und Hotelmanagern befinden sich Schweizer, aber es hat eben nicht genug davon. Deshalb müssen wir auf ausländische Arbeitnehmer zurückgreifen.

Sind sich die Schweizer zu schade für Tourismusjobs? Das Problem ist eher, dass die Hotellerie zu Unrecht den Ruf einer Tieflohnbranche hat. Immerhin fängt ein Berufseinsteiger mit abgeschlossener Lehre bei einem Lohn von 4100 Franken im Monat an. Er erhält ab dem ersten Tag den 13.Monatslohn, was dann umgerechnet über 4400 Franken ausmacht. Bei den Banken und Versicherungen verdienen junge Berufsleute zum Beispiel weniger.

Gastrosuisse will zusammen mit Konsumentenschutzorganisationen eine Volksinitiative «Für faire Importpreise» lancieren. Was für Reaktionen gab es? Ich habe bisher keine negativen Reaktionen erhalten, wenn Sie das meinen. Wir haben Ende März zu einem runden Tisch eingeladen und werden mit Vertretern aus Industrie, Handel und Detailhandel sowie mit dem zweiten wichtigen Branchenverband Hotelleriesuisse die Möglichkeiten einer Volksinitiative erörtern. Wie bei Gastrosuisse gibt es mit Andreas Züllig auch bei Hotelleriesuisse seit kurzem einen neuen Präsidenten, und wir tauschen uns regelmässig über wichtige Branchenanliegen aus.

Quasi ein rotes Telefon zwischen Gastrosuisse und Hotelleriesuisse? Wenn Sie so wollen. Gastrosuisse und Hotelleriesuisse sind sich als grösste Branchenverbände des Tourismus bewusst, dass es wichtig ist, gegenüber Öffentlichkeit und Politik mit einer Stimme zu sprechen. Leider haben beide Organisationen in der Vergangenheit auch gegeneinander gearbeitet, denken Sie etwa an den «Krieg der Hotelsterne». Das ist nun vorbei.

Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler zweifelt an der Wirksamkeit Ihrer Initiative. Er hat Ablehnung signalisiert. Der grösste Teil der Schweizer Wirtschaft, die ja hauptsächlich aus kleinen und mittleren Unternehmen besteht, würde von tieferen Importpreisen profitieren. Der Gewerbeverband sieht das offenbar anders. Er hat ja auch die Kartellgesetzrevision vehement bekämpft. Es ist eine Tatsache, dass der Detailhändler für Produkte in der Schweiz einen höheren Einkaufspreis zahlt, als der Konsument für dasselbe Produkt jenseits der Landesgrenze berappen muss. Da kann doch niemand ernsthaft behaupten, dass die bestehenden Gesetze richtig greifen. Also braucht es einen Eingriff.

Berner Zeitung

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