Kampf dem Abfall

In Kiel existiert der erste Laden in Deutschland, der ganz auf Verpackungen verzichtet. Im Kleinen funktioniert das gut – sofern die Konsumenten bereit sind, mitzuhelfen. Doch grössere Detailhändler können das Konzept kaum adaptieren.

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Mirjam Comtesse

Das Geschäft in Kiel im hohen Norden Deutschlands strahlt den Charme eines Tante-Emma-Ladens aus. Die Besitzerin Marie Delaperrière steht hinter der Kasse und begrüsst jeden Eintretenden persönlich. Man fühlt sich in frühere Zeiten zurückversetzt, als der Kunde noch einzeln bedient wurde. Auch das Interieur wirkt auf den ersten Blick wie anno dazumal: Auf einigen Regalen stehen geflochtene Körbe mit frischem Gemüse und Früchten, und neben Marie Delaperrière liegt ein Taschenrechner.

Nur Fleisch und Milch fehlen

Doch schnell merkt man, das Ladenkonzept ist kein altes, sondern ein revolutionäres: An den Wänden hängen Dispenser, aus denen die Kundinnen und Kunden genau so viel von einem Lebensmittel abfüllen können, wie sie brauchen. Sie nehmen im Idealfall von Zuhause Einmachgläser, Tupperware oder Papiersäcklein mit und füllen die Kaffeebohnen, das Mehl oder die Teigwaren direkt hinein.

Das Sortiment ist relativ gross. Es umfasst rund 250 Artikel. Neben Grundnahrungsmitteln sowie Gemüse und Früchten gehören dazu auch Reinigungsmittel, Spirituosen und Süssigkeiten. Nur Milchprodukte und Fleisch fehlen. Das wäre momentan hygienisch zu anspruchsvoll, erklärt die Geschäftsinhaberin.

Gegen Verpackungswahn

Marie Delaperrière hat umgesetzt, wovon zwei Berlinerinnen noch träumen. Vergangenen Monat starteten diese das Crowdfunding für ihr Projekt «Original Unverpackt» und stiessen damit in den sozialen Medien auf Begeisterung. Ein Supermarkt ohne lästige Verpackungen! Eine tolle Idee, fanden die allermeisten. Die Vorteile liegen auf der Hand: Laut dem Bundesamt für Umwelt besteht fast ein Viertel des jährlich anfallenden Haushaltskehrichts aus Verpackungsmaterial. Das sind 436000 Tonnen.

Gleichzeitig könnte der Offenverkauf die Verschwendung von Nahrungsmitteln bremsen: Wer nur so viel einpackt, wie es seinen Bedürfnissen entspricht, wird voraussichtlich weniger vergammelte Reste wegwerfen müssen. Man schätzt, dass in der Schweiz rund ein Drittel aller Lebensmittel im Abfalleimer landen. Einen grossen Teil dazu tragen die Konsumenten bei.

Auch Marie Delaperrière liess sich von diesen Überlegungen inspirieren. «Ich las von der in Amerika lebenden Französin Bea Johnson, die den Haushaltsmüll ihrer vierköpfigen Familie fast auf null drücken konnte», erzählt sie. Mit ihrem Laden will sie ebenfalls dazu beitragen, den Abfall zu reduzieren. Die gebürtige Französin hat ihn im Februar eröffnet. Er ist bislang das einzige Geschäft dieser Grösse in Deutschland – die Fläche misst rund 60 Quadratmeter. In Wien gibt es noch einen Laden mit ähnlichem Konzept. Er heisst «Lunzers Mass-Greisslerei». Eine Greisslerei ist im Österreichischen ein kleiner Lebensmittelladen.

Im Kleinen ein grosser Erfolg

So einleuchtend die Idee ist, der Verzicht auf Verpackungen stellt einen Ladenbesitzer vor grosse Herausforderungen. «Schwierig war es unter anderem, Händler zu finden, die bereit sind, so kleine Mengen zu liefern», erklärt Marie Delaperrière. Zwischen 2 und 15 Kilogramm braucht sie jeweils von einem Lebensmittel. Zudem müsse sie Kompromisse eingehen: «Einige Waren wie zurzeit die Zwiebeln kommen von weiter her. Aber wenn ich nur saisonale und zugleich lokale Produkte nähme, wäre mein Laden fast leer.»

Im Moment scheint das Geschäftsmodell zu funktionieren. 50 bis 70 Leute besuchten täglich ihren Laden, sagt die Geschäftsinhaberin. Sie habe auch schon einen kleinen Kreis an Stammkunden. Marie Delaperrière will deshalb im Herbst ein zweites Geschäft in Kiel eröffnen. Und sie überlegt sich, eine Franchising-Gesellschaft zu gründen.

In London gescheitert

Läden ohne Verpackungen dürften aber dennoch Nischenerscheinungen bleiben. Wie schwierig es ist, im grossen Stil damit Erfolg zu haben, zeigt das britische Vorbild: In London existierte seit 1997 ein Unpackaged-Laden. Als die Inhaber ihr Geschäft in grössere Räume verlegten und gleichzeitig eine Bar und ein Café eröffneten, übernahmen sie sich. Anfang dieses Jahres mussten Catherine Conway und ihr Team den Shop schliessen.

Das Hauptproblem liegt wohl darin, dass es bei einer grösseren Fläche schnell sehr schwierig wird, den nötigen Umsatz zu erzielen. Denn Einkaufen wie früher ist umständlich, wie der Besuch in Kiel zeigt. Zuerst wiegt man die mitgebrachte Verpackung, dann füllt man beispielsweise die getrockneten Äpfel hinein, geht zur Kasse, wiegt nochmals und lässt mit dem Taschenrechner den Preis berechnen.

Zudem ist die Ware wegen der kleinen Mengen teurer als im Supermarkt. «Die Differenz ist aber nicht riesig», betont Marie Delaperrière. Sie spare ja auch Geld ein, weil sie ihre Waren nicht abpacken müsse.

Für Grosse geht es nicht ohne

Wie beurteilen die Trendforscher die Idee? Mirjam Hauser vom Gottlieb-Duttweiler-Institut meint: «Die Konsumenten haben zunehmend das Bedürfnis nach Nachhaltigkeit. Sie wollen Produkte, die im Einklang mit der Natur produziert wurden, und die möglichst umweltverträglich verpackt sind.» Deshalb bemühten sich die meisten Händler darum, Karton- und Plastikhüllen möglichst zu reduzieren. «Aber die grossen Detailhändler brauchen sie auch, um ihre Ware zu schützen.» Und um sie stapeln und transportieren zu können: «Ein grosser Laden kann seine Logistik nicht von heute auf morgen völlig umstellen.»

Der Müllberg dürfte also nicht so schnell abnehmen. Auch die Konsumenten schütten ihn weiter auf: Der Trend zu vorgefertigten Mahlzeiten und die beliebten Miniausgaben von Shampoos und Duschmitteln, die in grosser Zahl hergestellt werden, sorgen dafür, dass er vorläufig weiter wächst.

Verpackungen: In einer dreiteiligen Serie widmen wir uns dem Thema. Der nächste Beitrag wird davon handeln, wie Coop an Verpackungen tüftelt, die jeder leicht öffnen kann. Im letzten Artikel gehen wir der Frage nach, wie die Verpackungsindustrie uns zu manipulieren versucht.

Berner Zeitung

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