Jede fünfte Aldi- und Lidl-Filiale steht auf der grünen Wiese

Die Discounter Aldi und Lidl stehen in der Kritik, weil sie einen Teil ihrer Läden auf die grüne Wiese bauen und so zur Zersiedelung des Landes beitragen. Ein ­Forscher der Universität Bern ­liefert nun Zahlen ­dazu.

Keine Seltenheit: Ein Aldi im Grünen. Die Filiale in Biberist (Bild) steht besonders in der Kritik.

Keine Seltenheit: Ein Aldi im Grünen. Die Filiale in Biberist (Bild) steht besonders in der Kritik. Bild: Christian Pfander

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Die Aldi-Filiale in Biberist bei der Autobahnausfahrt Solothurn-West ist den Jungen Grünen ein Dorn im Auge: «Einstöckig gebaut, viel Wiese versaut.» Auf einem Kampagnenbild hängt dieser Spruch an der Filiale, die nahe der Aare neben einem Acker steht. Die Botschaft dahinter: Solche Filialen sind Landfresser. Die Jungen Grünen bewerben mit dem Bild ihre Zersiedelungsinitiative, die sie im Oktober 2016 mit gut 113'000 gültigen Unterschriften eingereicht haben.

Das solothurnische Amt für Raumplanung fand schon keinen Gefallen am Standort, als die ­Filiale 2008 noch in Planung war. Der damalige Kreisplaner Ruedi Bieri kritisierte, dass das Areal schlecht mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen sei und nur wenige Einwohner in der Umgebung leben würden. Er fürchtete auch, dass der neue Laden dem Dorfzentrum von Biberist schaden würde.

Gebaut wurde die ­Filiale trotzdem: Auf einem Grundstück von 6900 Quadratmetern stehen heute 90 Parkplätze und eine Filiale mit rund 1700 Grund- und 1000 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Schweizweit 49 Landfresser

Die Aldi-Filiale in Biberist ist kein Einzelfall. 49 solche Aldi- und Lidl-Läden, die frei auf der grünen Wiese stehen, gibt es gemäss einer Studie der Universität Bern in der Schweiz. Das sind rund 20 Prozent von 256 Aldi- und Lidl-Filialen, die Studien­autor Andreas Hengstermann untersucht hat.

Es könnte noch die eine oder andere «Landfresserfiliale» mehr sein. Denn Hengstermann konnte nur 93 Prozent der 275 Aldi- und Lidl-Filialen, die am 31. Dezember 2016 in der Schweiz ihre Ware anboten, in seine Fernerkundungsanalyse einbeziehen. Laut Andreas Hengstermann sind zudem seit dem Stichtag der Studie noch gut ein Dutzend Filialen eröffnet worden.

Hengstermann berechnet, dass die Grundstücksfläche aller Discounter in der Schweiz heute 200 Hektaren umfassen dürfte – auf dieser Fläche fände die Altstadt von Bern viermal Platz.

Der Doktorand der Forschungsgruppe Raumplanung will mit seiner Studie Zahlen zur politischen Diskussion liefern, inwiefern die deutschen Discounter Aldi und Lidl zur Zersiedlung der Schweiz beitragen. Wie zentral liegen die Filialen? Sind sie frei stehend, oder schliessen sie an andere Gebäude an? Wie viele Geschosse weisen die Filialen auf? Diesen Fragen ging Andreas Hengstermann nach.

Er kommt zum Schluss, dass 9 von 10 Filialen keinerlei Zentralität aufweisen. Das heisst, sie befinden sich nicht in einem Versorgungszentrum (Stadt-, Quartier- oder Dorfzentrum), sondern in Wohngebieten (14%) oder in Gewerbe- und Industriegebieten (52%). Die restlichen Standorte (22%) sind die Filialen, die sich auf der grünen Wiese befinden, das heisst ausserhalb jegliches Siedlungsgebiets. Sie liegen, wie die Aldi-Filiale in Biberist, meist an Kantonsstrassen oder Autobahnausfahrten.

Weiter stellt Hengstermann fest, dass 2 von 3 Filialen in offener Bauweise errichtet sind; sie befinden sich also in frei stehenden Gebäuden. Und 75 Prozent der Filialen sind einstöckig gebaut.

«Die Zentren veröden»

Die Schweizerische Vereinigung für Landesplanung (VLP-ASPAN) kritisiert schon länger, dass Lidl, Aldi und andere Detailhändler mit dem Boden verschwenderisch umgehen, die Zersiedlung fördern und unnötigen Verkehr erzeugen würden. «Ich hätte erwartet, dass mehr als nur jede fünfte Aldi- und Lidl-Filiale auf der grünen Wiese steht», sagt Direktor Lukas Bühlmann. An der Kritik an den Discounter hält er aber fest.

Auch die Filialen in den peripheren Gewerbe- und Industriegebieten – gemäss der Studie jede zweite – würden zur Zersiedelung beitragen und die Ortskerne veröden lassen. «Metzger, Bäcker und Restaurants sind auf Laufkunden angewiesen, die ihre Einkäufe im Zentrum erledigen», sagt Bühlmann. Würden die Kunden aber am Siedlungsrand einkaufen, gingen viele Läden ein, und das Leben im Zentrum werde unattraktiv. Das widerspreche der ­Revision des Raumplanungs­gesetzes von 2012, die der Zersiedlung ein Ende setzen und deshalb attraktive Ortszentren fördern wolle.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass grosse Detailhändler ihre Filialen dorthin bauen, wo sie eigentlich kein Planer haben will? Als Aldi (2005) und Lidl (2009) in der Schweiz ­ihre ersten Filialen eröffnet hätten, seien die Schweizer Gemeinden schlecht auf die Ansiedlung der deutschen Discounter vor­bereitet gewesen, erklärt Bühlmann: «Die Gemeinden wollten mit Gewerbe- und Industriezonen KMU und Industriebetriebe anlocken.»

Dass die grossen Flächen, die raschen Verkehrsanschlüsse und das günstige Bauland auch Discounter anlocken könnten, damit habe man nicht gerechnet. Die zonenkonformen Bauvorhaben von Aldi und Lidl konnten die Gemeinden dann aber nicht mehr ablehnen.

So geschehen sei das auch im Fall der Aldi-Filiale in Biberist, die in einer Gewerbezone stehe, sagt Corinne Stauffiger, Kreisplanerin des Kantons Solothurn. Mit dem Unterschied, dass die Gemeinde Biberist die Aldi-Filiale willkommen hiess: «Die geplante Aldi-Filiale trägt den Gegebenheiten des Areals bestmöglich Rechnung», heisst es im Gestaltungsplan, den die Gemeinde 2008 bewilligte. Auch der Kanton Solothurn, der den Standort kritisierte, erklärte sich schliesslich mit dem Vorhaben einverstanden.

Musterschüler Aarberg

Laut Lukas Bühlmann sind Gemeinden den Plänen der Discounter aber nicht wehrlos ausgeliefert. Drei Wege stehen ihnen zur Verfügung, um die Filialen vom Siedlungsrand in den Ortskern zu holen.

Erstens können Gemeinden die Verkaufsflächen in Gewerbe- und Industriezonen verbieten oder einschränken, auf zum Beispiel 500 Quadratmeter. Diese Fläche genügt kleineren Läden wie Tankstellenshops, Aldi- und Lidl-Filialen umfassen aber meistens um die 1000 Quadratmeter.

Zweitens können sie Parkplatzvorschriften festlegen. Der Kanton Aargau etwa verlangt, dass Parkierungsanlagen, die mehr als 2000 Quadratmeter umfassen, mehrstöckig gebaut werden. So sollen Parkhäuser statt riesiger Parkplätze entstehen. Die Massnahme trage zwar nicht zwingend dazu bei, dass die Discounter von der Peripherie in die Ortszentren zögen, so Bühlmann. «Es reduziert jedoch den Kulturlandverlust.»

Drittens sollen Gemeinden gemeinsam mit den Detailhändlern nach geeigneten Standorten suchen. Als gelungenes Beispiel nennt Lukas Bühlmann das Seeländer Städtchen Aarberg. Die Gemeinde ging zusammen mit der VLP-ASPAN auf die Migros zu und schlug ihr das Areal der Post vor, das zwischen dem Bahnhof und der farbenfrohen Altstadt gelegen ist. Die Migros Aare stieg auf die Idee ein, die 12 Millionen Franken teure Migros-Filiale soll 2019 fertiggestellt sein.

Verdoppelung der Filialen

Doch gerade die Bereitschaft von Migros und auch Coop, mit den Gemeinden ins Gespräch zu kommen, vermisst Lukas Bühlmann bei Aldi und Lidl. So fehlten die beiden Discounter 2015 an der Tagung «Den Detailhandel ins Boot holen» in Wil SG, wo die VLP-ASPAN Detailhändler und Gemeinden an den runden Tisch bringen wollte. Lidl habe nicht einmal auf seine Anfrage reagiert, so Bühlmann.

«Ich finde es skandalös, dass sich Aldi und Lidl einer Diskussion verweigern», sagt er. «Detailhändler tragen bei der Siedlungsentwicklung auch eine gewisse Verantwortung, sie sollten die Gemeinden als Partner betrachten.» Aldi und Lidl geben jedoch an, stets den Dialog mit den Gemeinden zu suchen (siehe Kasten).

In den nächsten Jahren streben Aldi und Lidl in der Schweiz grob eine Verdopplung der Anzahl Filialen an. Aldi Suisse plant eine Expansion von 175 – Stand Dezember 2016 – auf rund 300 Filialen, Lidl eine von 100 auf 200. Lukas Bühlmann glaubt, dass Aldi und Lidl ihre Filialen künftig zentraler bauen werden. «Die meisten geeigneten Standorte in der Peripherie sind durch die Discounter schon besetzt», sagt er. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.08.2017, 14:05 Uhr

Reaktionen auf die Kritik

Aldi und Lidl betonen, dass sie möglichst zentrale Filialen wollen

Aldi Suisse und Lidl nehmen nur vage Stellung zu den Vorwürfen, durch Filialen auf der grünen Wiese die Zersiedelung zu fördern und die Ortszentren veröden zu lassen: Beide Discounter betonen, dass sie mit ihren Filialen nah bei den Kunden – sprich in den Innenstädten und Dorfkernen – sein wollen.

An zentraler Lage zu bauen, sei aber nicht immer einfach. «Aldi benötigt für sein Standardsortiment von 1400 Produkten eine Verkaufsfläche zwischen 600 und 1200 Quadratmetern», sagt Aldi-Sprecher Philippe Vetterli. «Wo immer möglich, bauen wir zentral.» Als Beispiel nennt er die Aldi-Filiale in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs an der Zollstrasse. Gemäss der Studie der Universität Bern (siehe Haupttext) befindet sich jedoch nur jeder zehnte Aldi- und Lidl-Standort in Stadt-, Quartier-, oder Dorfzentren.

Auch Lidl Schweiz schreibt in einer schriftlichen Stellungnahme: «Wir setzen uns zum Ziel, ein wichtiger Bestandteil des Stadt- und Dorflebens zu werden.» Dafür sei Lidl bereit, vermehrt auf die Standardfiliale mit einer Verkaufsfläche von 1000 Quadratmetern zu verzichten. Zurzeit seien 90 Prozent der Standorterschliessungen von Lidl in der Schweiz keine Standardfilialen.

Auf die Kritik von Lukas Bühlmann, Direktor der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung, Aldi und Lidl würden sich einer Diskussion mit den Gemeinden verweigern, reagiert Aldi Suisse brüskiert: «Die Äusserungen von Herrn Bühlmann haben wir mit Verwunderung zur Kenntnis genommen.» Aldi Suisse suche stets den Dialog mit Gemeinden.

Lidl sagt dazu: «Bei jedem Projekt arbeiten wir selbstverständlich aktiv mit den zuständigen Gemeinden und Behörden zusammen.» So sei Lidl erst kürzlich einer Einladung der Stadtentwicklung Zürich gefolgt.

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