Im Schatten von Nestlé und Co.

Acht Schweizer Top-Firmen, die keiner kennt.

Spezialisiert auf die Herstellung menschlichen Plasmas: Eine Laborantin der Firma Octapharma. Foto: Keystone

Spezialisiert auf die Herstellung menschlichen Plasmas: Eine Laborantin der Firma Octapharma. Foto: Keystone

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Die Pharmakonzerne Roche und Novartis sowie der Nahrungsmittelhersteller Nestlé sind in der Schweiz so bekannt wie Rösti und das Matterhorn. Im Schatten dieser Megakonzerne steht jedoch eine ganze Reihe grössere Schweizer Gesellschaften, die genauso innovativ und auf ihrem Gebiet führend sind.

Längst nicht alle dieser Unternehmen sind jedoch an der Börse kotiert. Viele sind in Familienbesitz und werden oft von den Inhabern selbst geführt.

Der breiten Öffentlichkeit in der Schweiz ist deshalb oft gar nicht bewusst, dass es diese Gesellschaften gibt. Dennoch sind sie Champions auf ihrem Gebiet, nur suchen sie die Aufmerksamkeit nicht beziehungsweise sind niemandem ausser sich selbst Rechenschaft schuldig – auch, weil sie sich oft selbst finanzieren.

«Finanz und Wirtschaft» hat sich auf die Suche nach den versteckten Meistern der Schweizer Unternehmenslandschaft gemacht und acht spannende Gesellschaften identifiziert.

Die Unternehmen im Überblick

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Alle in der Tabelle und unten aufgeführten Unternehmen weisen mindestens einen Umsatz von 200 Millionen Franken auf. Ein weiteres Kriterium war der Hauptsitz. Nur Gesellschaften mit Sitz in der Schweiz wurden berücksichtigt. Auch müssen die Güter aller Unternehmen international gefragt sein. Voraussetzung ist auch, dass die Gesellschaften in ihren Märkten zu den führenden Anbietern gehören.

1. Octapharma

Die Gesellschaft Octapharma mit Hauptsitz in Lachen im Kanton Schwyz ist ein führender Hersteller von Medikamenten für Hämophiliepatienten. Sie gewinnt den für die Blutgerinnung wichtigen Gerinnungsfaktor VIII und IX von Spenderblut. Dafür hat sie ein Netzwerk von Spenderzentren in Deutschland und den USA etabliert. Doch auch mit humanen Zelllinien (rekombinant) kann sie heutzutage die notwendigen Blutgerinnungsfaktoren herstellen. Bekanntere Produkte des Unternehmens sind Nuwiq, Octanate, Wilate und Fibryga.

Gegründet wurde Octapharma 1983 von Wolfgang Marguerre, einem deutschen Unternehmer und Mäzen. Er ist auch heute noch Chief Executive Officer und Alleineigentümer des Unternehmens. Mit einem geschätzten Vermögen von über 4 Milliarden Franken gehört er zu den reichsten Personen auf der Welt.

Mit Octapharma erzielte Marguerre 2017 einen Umsatz von rund 2 Milliarden Franken Die Betriebsgewinnmarge lag bei rund 20 Prozent. 7674 Mitarbeiter beschäftigt die Gesellschaft. In den letzten vier Jahren konnte sie den Erlös im Schnitt jährlich rund 11 Prozent steigern. Der Betriebsgewinn legte in derselben Periode rund 24 Prozent zu. Weiterhin rechnet Octapharma mit einer starken Nachfrage nach ihren Produkten, weshalb sie auch 2018 und 2019 kräftig investieren will. Unter anderem soll die Zahl der Spenderzentren erhöht werden.

2. Metrohm

Im Walensee ein paar Gramm aufgelösten Zucker nachweisen? Kein Problem, Metrohm macht’s möglich. Das Herisauer Unternehmen stellt Hochpräzisionsinstrumente zur chemischen Analyse her und zählt darin zu den Weltmarktführern. Heuer fünfundsiebzig Jahre alt, gehört es vollständig einer Stiftung, die dafür sorgt, dass Metrohm unabhängig und ausserrhodisch bleibt. So wollte es Unternehmensgründer Bertold Suhner - Enkel von Huber+Suhner-Gründer Gottlieb Suhner - als er sich 1982 aus der operativen Leitung des Unternehmens zurückzog. Huber+ Suhner ist ein weiteres herausragendes Industrieunternehmen aus dem Hauptort von Appenzell Ausserrhoden.

Metrohm ist verschwiegen und lehnt Medienanfragen ab. Unternehmenszahlen gibt es abgesehen vom Jahresumsatz – 375 Millionen Franken – keine. Bekannt ist hingegen, dass die Gesellschaft auf Fremdkapital verzichtet und aus eigener Kraft wachsen will. Zudem setzt sie zu 100 Prozent auf den Produktionsstandort Schweiz und fertigt alles selbst. Diese Strategie zieht. Metrohm zählt mehr als 2200 Mitarbeiter und ist mit über fünfundvierzig Tochtergesellschaften und etwa gleich vielen Vertriebspartnern in über 125 Ländern präsent. Ihre Geräte werden in Labors, Universitäten und Spitälern eingesetzt. Sie sorgen etwa dafür, dass das Bier von Feldschlösschen gut schmeckt und im Trinkwasser Verunreinigungen nicht unentdeckt bleiben.

3. Maxon Motor

Die Produktpalette von Maxon Motor ist 2017 wieder deutlich gewachsen. Mehr als zwanzig neue Motoren und Getriebe haben die 360 Beschäftigten in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen entwickelt. Jeder siebte Mitarbeitende des Unternehmens gehört zu diesem Bereich.

Nicht zuletzt dank ihrem kontinuierlichen Output ist das Management um CEO Eugen Elmiger zuversichtlich für das laufende Jahr, wenngleich im zweiten Semester eine Verlangsamung erwartet wird. Auftragsbestand und Umsatz lagen zum Jahresstart deutlich über Vorjahr. 2017 steigerte die Gesellschaft den Umsatz 8,6 Prozent auf 459 Millionen Franken Der Cashflow nahm von 41,7 auf knapp 50 Millionen Franken zu.

In Sachseln OW ist Maxon Motor mit 1200 Beschäftigten der grösste Arbeitgeber. Die Wurzeln hat die Familiengesellschaft im deutschen Elektrogerätehersteller Braun. Hauptaktionär ist Karl-Walter Braun. 40 Prozent des Geschäfts macht Maxon Motor in der Medizintechnik, 28 Prozent in der Industrieautomation. In der Öffentlichkeit am bekanntesten ist das Segment Aerospace, dessen Motoren Maxon mehrfach auf den Mars gebracht hat. 2020 werden Motoren in Rover-Missionen von ESA und Nasa wieder auf dem Roten Planeten eingesetzt. Bianca Braun, Tochter von Karl-Walter und ebenfalls Verwaltungsrätin, hat zum Thema «Staying Private – erfolgreich ohne Börse» dissertiert, was die Haltung der Eigner zum Unternehmen unterstreicht.

4. Sefar

Die Ursprünge von Sefar reichen 180 Jahre zurück und wurzeln in der damaligen Hochblüte der Textilindustrie in der Ostschweiz. Von Anfang an ging es bei Sefar aber um Industrietextilien. Eine der Vorgängerfirmen stellte in Thal bei Heiden sogenanntes Seidenbeuteltuch für Mehlsiebe her. Nach 1900 kam es zu einem Zusammenschluss mit anderen Schweizer Seidengazeherstellern, die danach den Weltmarkt noch stärker dominierten. Der Name Sefar ist eine Verkürzung von Seiden-Fabrikanten-Réunion.

Heute ist Sefar führender Anbieter von Siebdruckgeweben und Filtrationstextilien. Mit rund 2600 Mitarbeitern in weltweit 26 Ländern werden etwa 320 Millionen Franken umgesetzt, das Unternehmen besitzt eigene Webereien und über die Tochter Monosuisse (Teil der ehemaligen Viscosuisse) eigene Garnproduktionen. «Eine solche Kundennähe kann kein Wettbewerber anbieten», erklärt CEO Christoph Tobler.

Weil der Siebdruck stark durch neue Druckverfahren konkurrenziert wird, hat dieses Geschäft seit dem Jahr 2000 rund zwei Drittel des Umsatzes eingebüsst. Sefar reagierte mit einer Angebotsverbreiterung im Filtrationsgeschäft. «Wir liefern heute Filtrationsgewebe für Anwendungen von Mobiltelefonen bis zu Autos», sagt Tobler. Ferner können mit sogenannten Smart Fabrics, die beispielsweise heizbar sind, dem Filtrationsprozess weitere Funktionalitäten beigegeben werden.

Die Unternehmenssitze

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5. Baumann Springs

In Ermenswil, am oberen Rand des Zürcher Oberlands, schon auf St. Galler Gebiet, wurde vor rund 130 Jahren das Unternehmen gegründet, das heute in aller Welt als Baumann Springs bekannt ist. Noch immer befindet sich der Hauptsitz im selben Ort, doch wird heute zusätzlich an zehn internationalen Standorten produziert, von Singapur über Tschechien bis Mexiko. Baumann stellt technische Federn und Stanzteile mit teils federnden Eigenschaften her. Beliefert wird damit eine breite Abnehmerschaft, die von der gewichtigen Automobilindustrie bis zur schnell wachsenden Medizinaltechnologie reicht. Die Produktionsmaschinen werden von der unternehmenseigenen Tochter Bamatech hergestellt.

Das Unternehmen wird von den Nachkommen der Gründerfamilie geleitet. Seit 2010 ist der 42-Jährige Thomas H. Rüegg in der fünften Generation als CEO tätig. Mittlerweile macht Baumann rund 230 Millionen Franken Umsatz und beschäftigt 1600 Mitarbeiter, davon rund 500 in der Schweiz.

Um sich von der Abhängigkeit der Automobilbranche (50 Prozent Umsatzanteil) zu lösen, wurde gemäss Unternehmenssprecher Damiano Ianeselli vor etwa fünf Jahren die Division Medical und die Division X gegründet. Medical bietet Federn unter anderem für Injektionssysteme an, X sondiert neue Produkte, wozu etwa Kontaktelemente für die Stromübertragung gehören. AM

6. Kistler

Die Identifikation mit grossen Namen der eigenen Industriegeschichte war in Winterthur schon grösser. Seit dem Niedergang der lokalen Produktion von Sulzer und Rieter ist man in der Eulachstadt auf anderes stolz, auf Kistler zum Beispiel. Der Weltmarktführer für dynamische Messtechnik zur Erfassung von Druck, Kraft, Drehmoment und Beschleunigung gibt allen Grund dazu.

Das Unternehmen bietet Druck-, Kraft-, Drehmoment- und Beschleunigungssensoren an: Rolf Sonderegger, CEO Kistler Instrumente AG. Foto: Keystone

1959 von Hans Conrad Sonderegger – dem Vater von CEO Rolf Sonderegger – und von Walter Kistler formell gegründet, zählt die Familiengesellschaft heute rund 1900 Beschäftigte, rund ein Drittel davon in Winterthur, der Rest an Standorten in mehr als 30 Ländern. Die Gruppe befindet sich im Besitz der Familie Sonderegger. Rolf Sonderegger ist Mehrheitsaktionär, das Topmanagement ist mitbeteiligt.

Der Umsatz hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf 422 Millionen Franken mehr als verdoppelt, in den letzten drei ist er durchschnittlich 10 Prozent gewachsen. 70 Prozent des Verkaufserlöses stammen vom Automobilsektor, und rund 8 Prozent fliessen jährlich zurück in Forschung und Entwicklung. Das Wachstum finanziert Kistler aus eigener Kraft. Die Dynamik dahinter spiegelt sich auch in den offenen Stellen. 107 sind momentan ausgeschrieben. Bei Rieter, nach Umsatz mehr als doppelt so gross, sind es dreizehn, während die mehr als siebenmal so grosse Sulzer auf 171 kommt. Auch dieser Vergleich kann stolz machen. CB

7. Habasit

Am ehesten kommt man als Normalbürger mit Habasit-Produkten in einem Supermarkt in Kontakt. Das Unternehmen ist weltweit führender Hersteller von Transportbändern und Antriebsriemen. Unter anderem werden sie zur Beförderung der Einkäufe an der Kasse verwendet, aber Habasit deckt eigentlich «jede denkbare Anwendung» ab, wie das Unternehmen über sich selbst schreibt.

Wer börsenversiert ist, weiss, dass auch Forbo über einen Bereich verfügt, der Logistikbänder herstellt. Habasit ist mit einem Umsatz von 690 Millionen Franken (2017) und 3800 Mitarbeitern allerdings deutlich grösser als das entsprechende Forbo-Geschäft (390 Millionen Franken). Habasit sucht mittlerweile auch nach Expansionsmöglichkeiten in angrenzenden Märkten. So wurde 2010 der italienische Getriebemotorhersteller Rossi übernommen. Dessen Motoren dienen als Antriebe für die Förderbänder. Und vor wenigen Wochen kam eine Beteiligung an der dänischen NGI dazu, Weltmarktführerin in der Herstellung von hygienischen Maschinenstellfüssen. «Über 90 Prozent unseres Profits reinvestieren wir in unser Geschäft», erklärt CEO Andrea Volpi. Das ermöglicht regelmässige Zukäufe. Habasit wurde 1946 durch Fernand und Alice Habegger in Basel gegründet. 1965 erfolgte die Expansion nach Europa und wenig später schon nach Übersee. Heute sind die USA mit 500 Mitarbeitern der grösste Standort. AM

8. Baumer

Baumer kommt aus Frauenfeld im Kanton Thurgau und produziert Sensoren, Drehgeber, Messinstrumente und Komponenten für die Fabrik- und Prozessautomation. Gegründet wurde das Unternehmen 1952 von Herbert Baumer, der jedoch 1964 bei einem Autounfall verstarb. Der ehemalige Werkzeugmacher Helmut Vietze übernahm die Leitung des damals zehn Mann grossen Betriebs. In den darauffolgenden fünfzig Jahren baute er die Gesellschaft zu einem internationalen Unternehmen aus. Seit 2007 ist Sohn Oliver Vietze Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident. Das Unternehmen ist vollständig im Besitz der Familie Vietze.

Heute beschäftigt Baumer über 2600 Mitarbeiter. Das Unternehmen verfügt über 38 Niederlassungen auf der ganzen Welt. In neunzehn Ländern ist es vertreten. 1970 überstieg der Umsatz erstmals die Millionengrenze. Mittlerweile erzielt Baumer einen Erlös von über 400 Millionen Franken

Zu den Kunden von Baumer gehören sowohl kleine, hoch spezialisierte Maschinen- und Anlagenbauer als auch grosse Industriebetriebe. Sie kommen unter anderem aus dem Werkzeugmaschinenbau, der Laborautomation, der Medizinaltechnik, der Verpackungsindustrie, dem Transportwesen und der Halbleiterindustrie. Besonderes Augenmerk legt die Gesellschaft auf die Miniaturisierung, die Präzision, die Messgeschwindigkeit sowie die Robustheit der Sensoren.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 17.07.2018, 18:21 Uhr

Diese Namen sind wohlbekannt

Ein Teil der nicht kotierten Schweizer Unternehmen ist wohlbekannt, sie werden oft in den Medien porträtiert oder sind über ihre Produkte ein Begriff. Solche Gesellschaften wurden in der Auswahl links, die auf die versteckten Champions abzielt, bewusst nicht berücksichtigt.

Dennoch soll hier abschliessend auch noch eine Auswahl bekannterer Schweizer Privatunternehmen präsentiert werden, grosse und kleine. Deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit variiert stark. So ist die Uhrenmarke Rolex zwar den meisten Schweizern wohlvertraut, doch Geschäftszahlen werden keine publiziert, und der vom Unternehmen auf der Website genannte Umsatz von 3,8 Milliarden Euro (bzw. 4,4 Milliarden Franken) bezieht sich auf 2013 und wird zudem daselbst als «Schätzung» bezeichnet.

Bekannte private Schweizer Unternehmen

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Ganz anders Bühler aus Uzwil: Der weltweit führende Hersteller von Müllerei- und Nahrungsmittelanlagen ist wie auch der Grossküchenbauer Franke der breiten Öffentlichkeit kaum ein Begriff, doch weil beide Firmen detaillierte Geschäftsberichte vorlegen, sind sie unter Wirtschaftsinteressierten zu gängigen Namen geworden.

Camille Bloch, Ricola, Rivella, Zweifel und Jura haben in der Schweiz als Hersteller bekannter Konsumgüter wohl alle in etwa denselben hohen Bekanntheitsgrad, doch differieren die Unternehmensdimensionen stark. Die Genfer Firmenich wiederum wird als bedeutender Konkurrent der kotierten Givaudan wahrgenommen. Und Stadler Rail, die mit Siemens Alstom und Bombardier konkurrenziert, hat mit Peter Spuhler einen charismatischen Chef und Eigentümer.

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