«Ich möchte rasch klarmachen, wohin es mit der ‹SonntagsZeitung› gehen soll»

Interview

Arthur Rutishauser wird neuer Chefredaktor der «SonntagsZeitung». Als Erstes will er ein paar Sitzungen ­abschaffen.

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(Bild: Keystone Tamedia)

Jean-Martin Büttner@Jemab
Christian Lüscher@luschair

In den letzten Wochen wurde viel über Sie als neuer Chefredaktor der «SonntagsZeitung» spekuliert.
Es war spannend, zu erfahren, was alles über einen geredet wird.

Der Verlag soll einen neuen Kurs bei der «SonntagsZeitung» erwarten, weniger kurze News, mehr Hintergründe. Nun gehört Magazinjournalismus gerade nicht zu Ihren Stärken. Wie wollen Sie das kompensieren?
Meine Kompetenzen liegen in der Wirtschaft und der Politik. Es ist richtig, dass sogenannt weiche Themen wie Kultur, Gesellschaft und Trend nicht zu meinen Kerngebieten gehören. Ich werde aber die Redaktion mit Leuten besetzen, die darin stark sind und mich ergänzen. Wir werden versuchen, auch mit kulturellen Themen Debatten anzustossen. Das wird von einer Sonntagszeitung auch erwartet. Und ich debattiere gerne.

Sie sprechen von Neuanstellungen, dabei müssen Sie sparen. Man spricht von bis zu zwei Dutzend Entlassungen, die Sie werden vornehmen müssen.
Das stimmt nicht. Natürlich müssen wir sparen. Aber man hat bei Tamedia und speziell beim «Tages-Anzeiger» in den letzten zwei Jahren gesehen, dass man das sozialverträglich machen kann.

Was für Leute möchten Sie gern zur Zeitung holen?
Autorinnen und Autoren, also Leute, die gut schreiben können. Stärken möchte ich die Schwerpunkte Gesellschaft und Kultur. Die «SonntagsZeitung» hat aber jetzt schon viele gute Leute.

Werden Sie Frauen gezielt fördern, gerade auch für Kaderstellen?
Ja.

Haben Sie überhaupt die Möglichkeit, gute Leute anzuwerben?
Klar. Wir haben immer noch das grösste Budget aller Sonntagsblätter.

Sie sind ein erfahrener Rechercheur. Als Chefredaktor amtet man aber primär als Manager. Entspricht das Ihrem Naturell?
Man ist tatsächlich mit Management beschäftigt. Ich bin Journalist und will meine Rolle als Vorbild wahrnehmen.

Was wollen Sie bei der «SonntagsZeitung» ändern?
Ich will bei allen wichtigen Themen mit gut recherchierten Geschichten auffallen.

Das müsste eigentlich für die «SonntagsZeitung» selbstverständlich sein.
Genau. Und um sich im heutigen Medienumfeld zu differenzieren, muss man das Woche für Woche beweisen.

Ihr Vorvorgänger Andreas Durisch hat den Begriff «Midrisk Journalism» geprägt. Ihnen sind in Ihrer Karriere mehrere Fehler unterlaufen. Wie stellen Sie sich zu diesem Begriff?
So hat es ihn nie gegeben. Wenn man recherchiert und sich inoffizielle Informationen beschafft, kann es vorkommen, dass man danebenliegt. Und klar, jeder macht Fehler. Man liegt aber sicher häufiger daneben, wenn man den offiziellen Informationen glaubt. Und zwar massiv.

Die «NZZ am Sonntag» wirbt für sich mit dem Titel «die neue Gesellschaftszeitung». Was halten Sie von der neuen Ausrichtung?
Ich habe ausser einem neuen Layout keine Innovation gefunden. Die Kollegen machen in vielen Bereichen einen guten Job. Aber ich denke, wir werden bei der «SonntagsZeitung» einen eigenen, besseren Ansatz finden.

Die «NZZ am Sonntag» hat ihr Layout verändert, planen Sie das auch bei der «SonntagsZeitung»?
Es wird mit Sicherheit eine Auffrischung geben, zeitgleich mit der neuen redaktionellen Ausrichtung.

Was werden Sie intern als Erstes verändern?
Ich werde ein paar Sitzungen abschaffen. Mittelfristig wollen wir die «SonntagsZeitung» neu erfinden und einen Aufbruchsgeist schaffen.

Sie wirken ausgesprochen defensiv. Wie möchten Sie Ihren Leuten den Elan vermitteln, der für eine gute Zeitung so wichtig ist?
Ich möchte nicht arrogant wirken. Die Redaktion ist derzeit verunsichert, was den Kurs ihrer Zeitung betrifft. Ich kann das gut verstehen, denn die ganze Zeitungsbranche muss sich neu orientieren. Schon deshalb möchte ich rasch klarmachen, wohin es gehen soll. Dann wird sich zeigen, wer dabeibleibt, wer gehen will und wer neu dazukommt. Dann entsteht die Aufbruchsstimmung von selber. Ich bin super optimistisch, dass wir eine sehr gute Zeitung machen können, besser als die sonntägliche Konkurrenz.

Wann fangen Sie an?
Spätestens in zwei Monaten.

Es ist bekannt, dass die «SonntagsZeitung» stärker mit dem «Tages-Anzeiger» beziehungsweise dem «Bund» zusammenarbeiten wird. Kehren Sie in zwei Jahren als oberster Chef zurück?
Das sicher nicht, weil die Zeitungen nicht zusammengelegt werden. Sie bleiben unabhängig, sie haben andere Abonnenten und eine andere politische Ausrichtung. Aber ja, wir werden enger zusammenarbeiten, nicht nur redaktionell. Bei der Produktion sehe ich Synergien, aber auch im Internet, bei den Tablets und bei den Mobilgeräten, wo die «SonntagsZeitung» zu wenig präsent ist.

Wo stehen Sie politisch?
Als Journalist hinterfrage ich das, was die offiziellen Seiten behaupten und was Politiker und Manager versprochen haben, egal ob sie links oder rechts sind. Ich messe die Politiker am liebsten an ihren Grundsätzen und die Manager am Shareholder-Value. So wird Journalismus spannend.

Welche internationale Sonntagszeitung gefällt Ihnen am besten?
Wie viele Journalisten finde ich den «Observer» sehr gut, aber mir gefallen auch deutsche Sonntagszeitungen wie die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» und die «Welt am Sonntag».

Wie lange brauchen Sie, bis Sie die «SonntagsZeitung» dort haben, wo Sie sie wollen?
Das wird jede Woche eine Herausforderung sein. Aber in einem Jahr, spätestens in zwei Jahren wird man mich an den Resultaten messen.

Tages-Anzeiger

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