«Es herrscht ein riesiger Druck in der Flugzeugindustrie»

Business-Jets aus der Zentralschweiz: Pilatus in Stans feiert volle Bücher für den neuen PC-24. Damit der Zeitplan aufgeht, gehen die Lichter auch nachts nicht aus.

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Olivia Raths@tagesanzeiger

Noch ist er nicht abgehoben, doch bereits ist er ausverkauft für die nächsten fünf Jahre: Der neue Business-Jet des Typs PC-24 des Stanser Flugzeugherstellers Pilatus wurde am Genfer Salon für Geschäftsflugzeuge (Ebace) 84-mal verkauft, darunter an Nestlé-Präsident Peter Brabeck. Der zweistrahlige Düsenjet mit Platz für bis zu zehn Personen ist eine Neuentwicklung (siehe Box). «Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir gleich in wenigen Tagen auf 84 Bestellungen kommen würden», sagt Oscar J. Schwenk, Verwaltungsratspräsident von Pilatus, gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz.

Wie kommt es, dass ein Flugzeug, das noch nicht abgehoben ist, in kurzer Zeit so gut verkauft wird? «Pilatus hat sich einen sehr guten Ruf mit seinen bisherigen Flugzeugen erarbeitet», sagt Patrick Huber, Chefredaktor des Aviatikmagazins «Cockpit», auf Anfrage. «Wenn es erst einmal läuft, dann läuft es.» Eine wichtige Rolle spiele auch das Marketing. Pilatus-Präsident Schwenk fügt hinzu: «Niemand kauft ein Flugzeug von einem Hersteller, den er nicht kennt. Viele Käufer des PC-24 besitzen bereits einen PC-12 von uns.»

Die ganze Welt zum Roll-out eingeladen

Pilatus will einen ehrgeizigen Fahrplan einhalten: Der Roll-out des PC-24 soll am 1. August 2014 stattfinden, der Erstflug Anfang 2015 und die Auslieferung in drei Jahren. «Pilatus muss Gas geben», so Aviatikexperte Huber. Er glaubt, dass der Flugzeughersteller die Frist einhalten kann. «Dass der Roll-out am 1. August stattfinden wird, ist ein starker Hinweis, dass sie den Zeitplan einhalten können. Wenn nicht, wäre dies ein Imageverlust.»

Bekanntlich wurden Flugzeuge wie der A380 von Airbus oder der Dreamliner von Boeing später als zum angekündigten Zeitpunkt ausgeliefert. Immer wieder tauchten unvorhergesehene Probleme auf, darunter die berühmten Batterieprobleme beim Dreamliner. Verspätung hat auch die CSeries des kanadischen Herstellers Bombardier, die im Laufe von 2015 an die Swiss geliefert werden soll.

Damit das neue Flugzeug rechtzeitig am 1. August die Produktionshalle verlassen kann, arbeitet man bei Pilatus in 7-mal-24-Stunden-Schichten, wie Pilatus-Präsident Schwenk sagt. «Das Einhalten des Zeitplans ist schwierig, und es ist uns bewusst, dass Unvorhergesehenes auf uns zukommen kann.» Doch der Termin werde auf keinen Fall verschoben, man habe für den Roll-out die ganze Welt eingeladen, so Schwenk.

«Stetige Änderungen sind anstrengend»

Doch warum geben Hersteller so frühe Auslieferungszeitpunkte an, wenn sie diese meistens nicht einhalten können? Laut Huber würden die Kunden dann zur Konkurrenz gehen. «Es herrscht ein riesiger Druck in der Flugzeugindustrie.»

Schwenk zufolge ergibt es kaum Sinn, für sämtliche Probleme eine Reserve in den Zeitplan einzubauen, «denn dann würde das Flugzeug ja nie fertig». Es sei normal, dass am Prototypen nicht alles perfekt sei und es immer wieder Änderungen gebe. Das habe auch damit zu tun, dass die Flugbehörden bei der Zertifizierung die Anforderungen ändern könnten. «Stetige Änderungen sind anstrengend. Aber deswegen muss es nicht immer zu Verzögerungen kommen», so der Verwaltungsratspräsident von Pilatus. Dennoch hat der Flugzeughersteller «einen gewissen Spielraum» bei der Auslieferung der PC-24 eingeplant.

Hoch geheim ist die Produktion des neuen Business-Jets von Pilatus. Unter Flugzeugherstellern sind Versteckspiele üblich, wenn es um neue Flugzeuge geht. «Niemand soll einen Blick und damit wertvolle Details erhaschen, die übernommen werden könnten», sagt Experte Huber. «Damit lässt sich auch verbergen, ob der Zeitplan eingehalten werden kann oder nicht.»

250 neue Stellen geschaffen

Bei Pilatus arbeitet man seit acht Jahren am Projekt PC-24. In den letzten zwei Jahren habe der Flugzeughersteller zu diesem Zweck rund 250 Leute eingestellt, wie Schwenk sagt. Bis Ende 2014 werde die gesamte Pilatus-Belegschaft 2000 Personen umfassen. Im Zusammenhang mit den 84 Bestellungen würden jedoch nicht zusätzliche Leute eingestellt, denn man habe das Auftragsvolumen bereits einkalkuliert für die Jahre 2014 bis 2017, so der Pilatus-Präsident.

Viele der am PC-24 beteiligten Mitarbeiter kommen laut dem Verwaltungsratspräsidenten aus dem Ausland, darunter den USA, Grossbritannien und Indien. «Momentan arbeiten bei uns Leute aus 34 Nationen, es wird grösstenteils Englisch geredet.» Diverse Angestellte könnten dieselben Arbeiten an unterschiedlichen Flugzeugen ausführen, so Schwenk. Laut Huber sind die Mitarbeiter von Pilatus vielseitig einsetzbar. «Wer schon an PC-12 und Co. mitgebaut hat, kann dies auch am PC-24.» Dieser sei, trotz seiner Neuartigkeit, nicht so weit entfernt von der Bauart der bisherigen Pilatus-Flugzeuge.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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