Erbschaftssteuer macht KMU kaputt! Wirklich?

Was die Wissenschaft zur Übergabe von Familienunternehmen sagt.

Die Fiat-Dynastie 1986: Firmenchef Giovanni Agnelli mit der Hand auf der Schulter des damals 10-jährigen John Elkann, der sein Nachfolger wurde. Foto: Laurent Sola (Getty Images)

Die Fiat-Dynastie 1986: Firmenchef Giovanni Agnelli mit der Hand auf der Schulter des damals 10-jährigen John Elkann, der sein Nachfolger wurde. Foto: Laurent Sola (Getty Images)

Beat Metzler@tagesanzeiger

62 Millionen Franken: So viel Gewinn warf Jet Aviation, eine Business-Fluggesellschaft, im Jahr 2004 ab. Monate später verkauften die Nachkommen des Gründers Carl W. Hirschmann senior ihre hochprofitable Firma. Der Grund: ein langjähriger Familienstreit.

Die Geschichte ist typisch. Firmen erfolgreich zu vererben, scheint schwieriger, als sie erfolgreich zu führen. Selten läuft die Übergabe so reibungslos wie bei der Ems-Chemie. Als Chris­toph Blocher 2003 zum Bundesrat gewählt wurde und sein Unternehmen rasch abgeben musste, standen Tochter Magdalena Martullo und ihre drei Geschwister wie auf Kommando bereit.

Den Durchhalterekord unter Familienfirmen hält die japanische Baufirma Kongo Gumi. 1428 Jahre lang gehörte sie der gleichen Familie. Meistens klemmt es bedeutend früher. Gerade mal 40 Prozent der Schweizer Unternehmen bleiben nach Abtreten des Gründers in Familienbesitz. Die restlichen 60 Prozent werden verkauft, aufgelöst oder kommen an die Börse. In der dritten Generation überleben 10 bis 15 Prozent der Familienunternehmen, in der vierten Generation sind es noch 3 bis 5 Prozent. Die Schweiz ist kein Sonderfall. Internationale Zahlen sehen ähnlich aus. In Polen harren etwas mehr Erben aus, in den angelsächsischen Ländern etwas weniger.

Das gebrochene Rückgrat

Dank vieler Neugründungen gelten 88 Prozent aller Schweizer Firmen als Familienbetriebe. Hier haben Familienmitglieder, und nicht Aktionäre, das Sagen. Solche Firmen sorgen für rund 60 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung, schaffen 60 Prozent aller Arbeitsplätze. Politiker schwärmen vom «Rückgrat unserer Wirtschaft».

Nun sehen sie diesen lebenswichtigen Körperteil bedroht. Schuld ist die Erbschaftssteuer-Initiative. Ihr sagen Bürgerliche und KMU-Chefs eine schädliche Wirkung auf Firmenübergaben nach: Viele Erben könnten sich die Steuer nicht leisten. Denn das Vermögen, das sie erben, bekämen sie nicht in bar. Es sei in der Firma «gebunden», als Investitionen in Maschinen oder Häuser. Um das Geld für die Abgabe zu beschaffen, müssten sich die Erben verschulden oder das Unternehmen verkaufen. Dadurch gingen Arbeitsplätze verloren.

Also: Wer für die Erbschaftssteuer stimmt, zertrümmert der Schweizer Wirtschaft das Rückgrat. Das ist ein mächtiges Argument. Nur gibt es wenig wissenschaftliche Beweise dafür – und das relativ unabhängig davon, wie hoch der Steuersatz ausfällt.

Exzesse, Streit, Versagen

Bevor sich Patrons mit der Erbschaftssteuer beschäftigen können, müssen sie erst einmal Erben finden. Keine leichte Aufgabe. Oft gibt es zu wenige davon. Zu viele. Oder die falschen. Manche Kinder verspüren wenig Begeisterung, das Unternehmen der Eltern weiterzuführen. Lieber geniessen sie ein Leben in Reichtum, frei von den Mühseligkeiten des Geschäftsalltags. Jüngstes Beispiel ist der Industriekonzern Sika. Die vierte Generation will ihren Anteil an der Firma loswerden, 2,75 Milliarden Franken sollen die Erben dafür bekommen. Damit würden sie den 104 Jahre währenden Familienbesitz beenden.

Carl Hirschmann, Enkel des Jet-Aviation-Gründers, war jahrelang ein beliebtes Thema der Schweizer Boulevardpresse. Diese ergötzt sich gerne an superreichen Jungerben, die sich ihrer Selbstverwirklichung hingeben. Solches Verhalten hat einen eigenen Namen: «Carnegie-Effekt», getauft nach dem amerikanischen Stahltycoon Andrew Carnegie (1835 bis 1919). Der damals reichste Mann der Welt spendete sein ganzes Vermögen und forderte eine fast 100-prozentige Erbschaftssteuer. «Ein Vater, der seinem Sohn enormen Reichtum weitergibt, stumpft dessen Talente und Energie ab», sagte Andrew Carnegie, der sich von ganz unten nach oben gearbeitet hatte. Für ihn bedeutete vererben verderben.

Viele Länder kennen Sprichwörter über faule Erben. «Reichtum überlebt keine drei Generationen», heisst es in China. Thomas Mann hat dem Abstieg einer Kaufmannsdynastie den Roman «Buddenbrooks» gewidmet.

Fehlbesetzungen sind zu vermeiden

Der Carnegie-Effekt ist nur das erste Problem. Wenn ein Erbe anpacken will, bedeutet dies noch längst nicht, dass er dazu fähig ist. Studien legen nahe, dass nachrückende Familienmitglieder Unternehmen weniger erfolgreich führen als Manager, die von aussen kommen. Am schlechtesten schneiden Firmen ab, wenn der Erstgeborene sie übernommen hat. «Das ist, als bestimmte man das olympische Team für das Jahr 2020, indem man dafür die ältesten Söhne der Goldmedaillen-Gewinner des Jahres 2000 nimmt», sagte der Milliardär und Investor Warren Buffett.

Um Fehlbesetzungen zu verhindern, setzen viele grössere Familienunternehmen ihre Nachkommen Prüfungen aus. Der Fiat-Erbe John Elkann musste sich erst inkognito in verschiedenen Funktionen beweisen, bevor man ihm den Firmenvorsitz anvertraute. Andere Familienbetriebe beheben den internen Personalmangel, indem sie Manager von aussen anstellen. Die Familie behält lediglich die Kontrolle über den Verwaltungsrat.

Das traditionelle Japan kennt andere Wege. Dort versuchen Patrons, geeignete Nachfolger mit ihren Töchtern zu verheiraten. Oder sie adoptieren gleich den besten Angestellten. Die nächste Schwierigkeit beginnt, wenn mehrere willige Nachfolger bereitstehen. Wer von ihnen bekommt den Vorsitz? Dieser Entscheid kann in epische Fehden ausarten. Die verwandten Familien Porsche und Piëch, welche die Autofirmen Porsche und VW kontrollieren, bekriegen sich seit Jahrzehnten. Serien wie «Dallas» schöpfen ihre Spannung aus dem explosiven Gemisch von familiärer Nähe, Macht und Geld.

Sollte die Nachfolge einmal reibungslos laufen, wartet die nächste Hürde: eine wachsende Familie. Zahlreiche Traditionsfirmen gehören längst mehreren Hundert Familienmitgliedern. Sie alle dürfen mitreden. Das macht Entscheidungen nicht einfacher und erhöht das Risiko einer Aufspaltung.

Uneinige Ökonomen

Eine gelungene Firmenübergabe setzt nicht nur willige, fähige und einige Erben voraus. Sie muss sich auch lohnen. Manche Kinder verzichten auf das elterliche Unternehmen, weil sie für dieses keine rentable Zukunft sehen. An diesem Punkt kommt die Erbschaftssteuer ins Spiel. Ökonomen streiten allerdings darüber, ob die Steuer Firmenübergaben verdirbt oder nicht. In der Forschung gibt es drei Positionen.

  • Die erste deckt sich mit der Eigenwahrnehmung der KMU. «Verschiedene Studien zeigen, dass Unternehmen ihre Ausgaben drosseln, wenn die Übergabe an die nächste Generation bevorsteht. Sie legen das Geld auf die Seite, um später die Erbschaftssteuern bezahlen zu können», sagt Thomas Zellweger, Professor an der Universität St. Gallen, wo er über Familienbetriebe forscht. Die Steuer verlangsame das Wirtschaftswachstum, weil sich Firmen mit Investitionen zurückhielten. Zudem schwäche sie die Schweiz im Steuerwettbewerb. «Viele Länder erheben offiziell eine Erbschaftssteuer. Doch meist gibt es Schlupflöcher, sodass viele Unternehmen davonkommen.»
  • Die zweite Position hält die Erbschaftssteuer für unproblematisch. «Ich kenne keine empirischen Untersuchungen, die nachweisen, dass Erbschaftssteuern das Fortbestehen von Familienunternehmen gefährden», sagt Marius Brülhart, Wirtschaftsprofessor an der Universität Lausanne. Daraus folge nicht zwingend, dass es diesen Effekt nicht gebe. Bei vielschichtigen Fragen sei es in der Forschung schwierig, die einzelnen Faktoren sauber zu isolieren. Doch auch sonst weise nichts auf die volkswirtschaftliche Schädlichkeit der Steuer hin, sagt Brülhart. Als Indiz dient ihm eine Studie des Deutschen Finanzministeriums aus dem Jahr 2012. Sie ergab, dass 98 Prozent der Erben die Erbschafssteuer zahlen konnten, ohne das geerbte Unternehmen dafür antasten zu müssen. Denn: Zur Firma hinzu bekamen sie von ihren Eltern genug anderes Geld. «Die meisten erfolgreichen Unternehmer sammeln während ihres Lebens auch ein Privatvermögen an. Ihr Reichtum besteht längst nicht nur aus der Firma», sagt Brülhart. Auch jene Unternehmen, die alles Geld investiert haben, zwinge die Steuer nicht in den Untergang. Brülhart stellt dazu ein Gedankenexperiment an: Um eine Erbschaftssteuer von 20 Prozent (was 15 Prozent mehr entspricht, als die Initianten verlangen) zu bezahlen, können Erben Geld aufnehmen. Bei einem Zins von 5 Prozent müssten sie pro Jahr 1 Prozent des Firmenwerts für die Erbschaftssteuer abliefern. «Das können sich nur Firmen nicht leisten, die sehr knapp wirtschaften», sagt Brülhart. Folglich gefährde die Erbschaftssteuer, wenn überhaupt, nur Betriebe, die bereits am Rand der Aufgabe stünden. Selbst bei einem erzwungenen Verkauf gingen die Arbeitsplätze nicht unbedingt verloren. «Käufer können eine Firma genauso weiterführen wie Erben.» Brülhart hat ausserdem das Wirtschaftswachstum von Ländern verglichen, die ihre Erbschaftssteuern senkten, und solchen, die sie anhoben. Ein Zusammenhang zwischen den beiden Werten lässt sich nicht feststellen. Hans Kissling, einer der Mitgestalter der Initiative, sieht einen weiteren Hinweis für ihre Unschädlichkeit: «Alle erfolgreichen Schweizer Traditionsfirmen haben bis vor 15 Jahren problemlos mit der Erbschaftssteuer gelebt.» Im Kanton Zürich zum Beispiel betrug sie bis zu 7 Prozent für direkte Nachkommen. Das KMU-Argument spielte bei den Abschaffungsdebatten in den 90er-Jahren denn auch kaum eine Rolle. «Da ging es nur um den Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen», sagt Kissling.
  • Die dritte ökonomische Position lobt eine Erbschaftssteuer gar als nützlich. Der Staat dürfe Familienunternehmen nicht davon verschonen, schreibt Volker Grossmann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg, in einem Aufsatz. Ansonsten verführe der Staat Erben dazu, einen Betrieb weiterzuführen, obwohl sie sich dazu kaum eigneten. Diese «Subventionierung von eher untalentierten Menschen» hemme die Innovationskraft einer Volkswirtschaft. Besser wäre es, so Grossmann, solche Firmen würden verkauft oder machten erfindungsreicheren Konkurrenten Platz. Eine Erbschaftssteuer für Unternehmen mustere die Schwachen aus, was die Gesamtwirtschaft belebe.

Die meisten Ökonomen finden, dass es keine Erbschaftssteuer braucht, um den Wettbewerb zu verschärfen. Der freie Markt reiche. Marius Brülhart beurteilt eine steuerliche Bevorzugung von Familienunternehmen aus anderen Gründen als problematisch. «Vermögende könnten versucht sein, ihr Geld in Pseudo-Familienunternehmen zu leiten, um so Erbschaftssteuern zu sparen.»

Gesund ohne Familienbesitz

Jet Aviation, das Vorzeigeunternehmen von Carl W. Hirschmann senior, wurde 2008 zum zweiten Mal übernommen. Seither gehört es dem amerikanischen Rüstungskonzern General Dynamics. Dieser hat die Firma vergrössert, mehr Menschen angestellt, den Wert vervielfacht. Jet Aviation gedeiht auch fernab der Gründerfamilie.

Die Erben werden ihren Verkauf trotzdem kaum bereuen. Auf bis zu 1,5 Milliarden Franken schätzt die «Bilanz» das Vermögen der Familie.

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