Eine windige Investition in die Energiewende

Betrugsvorwürfe gegen den Windparkbauer Windreich belasten Schweizer Anleger und die Bank Sarasin.

Bringt keine Traumrenditen mehr: Besucher am Stand der Windreich AG auf der Windenergiemesse 2012 in Husum.

Bringt keine Traumrenditen mehr: Besucher am Stand der Windreich AG auf der Windenergiemesse 2012 in Husum.

(Bild: AFP)

Arthur Rutishauser@rutishau

«Ein Windpark ist eine unglaublich sichere Anlage», sagte Windreich-Gründer Willi Balz im September 2010, als er in Zürich seine Firmenanleihe unters Volk bringen wollte. Er winkte mit Coupons von 6,5 Prozent. Wer mit Millionen einsteigen wollte, der konnte auch das tun, denn die Anlagen waren angeblich Perlen: «12 bis 14 Prozent Rendite und sehr geringes Risiko, wenn der Offshore-Windpark steht», sagte Balz 2010 zu «Cash online». Angebissen haben die Axpo-Tochter EGL, die sich mit 24 Prozent am 1,9-Milliarden-Europrojekt Global Tech One beteiligte, und die Bank Sarasin, die bisher mindestens 70 Millionen Euro als Darlehen in die Windreich AG einschoss und gleichzeitig mithalf, die Anleihen im Wert von total 125 Millionen Euro zu verkaufen.

Auch Schweizer Anlegern würde eine Möglichkeit der Investition geboten, hiess es damals. Mehr als ein Drittel der bislang zur Verfügung stehenden Fläche für Windparks im deutschen Meer wird von Windreich entwickelt. Um von sich reden zu machen, umgibt sich Balz gerne mit Prominenz. Stolz erzählt er von seiner Bekanntschaft mit Reinhold Messner und Richard Branson. Und mit Sabine Christiansen holte sich Firmenchef Balz jüngst ein prominentes Gesicht in den Aufsichtsrat.

Ein Rennwagen in der Bilanz

Spätestens seit gestern ist von den Traumrenditen nicht mehr viel übrig. Im Gegenteil, für die Obligationäre ist das Wind-Abenteuer zum Albtraum geworden. Gerade mal noch 25 Prozent war das Papier gestern wert. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart gab bekannt, sie habe mit 35 Polizisten und vier Staatsanwälten Hausdurchsuchungen bei der Firma und vier Vorständen durchgeführt. Der Grund: Verdacht der Bilanzmanipulation. Staatsanwältin Claudia Krauth sagte gegenüber dem «Tages-Anzeiger», die Beschuldigten sollen in den Jahren 2010 und 2011 Forderungen und Umsätze in Millionenhöhe ausgewiesen haben, denen keine effektiven Geschäfte zugrunde lagen. Weiter ging es um Forderungen, die in der Bilanz ausgewiesen wurden, obwohl mit einer Tilgung nicht mehr ernsthaft zu rechnen war.

Tatsächlich fielen im letzten Jahr Verluste an, allein im ersten Halbjahr knapp 27 Millionen Euro. Unter anderem deshalb, weil ein Zulieferer in Konkurs ging. Offenbar kam es auch zu einer Vermischung von privatem Hobby und Geschäft. Im Rating 2010 der Creditreform ist zu lesen, dass die Windreich AG «in ihrer Bilanz 2009 im Anlagevermögen einen historischen Rennwagen mitsamt zugehörigem Transporter im Wert von 3,61 Millionen Euro» auswies. Darüber hinaus waren Darlehen von «48,5 Millionen Euro» an Balz gewährt worden. Bis Ende 2011 erhöhten sich die laut Geschäftsbericht auf 66 Millionen Euro.

Finanzierung nie zugesagt

Letztes Jahr wurde wegen der sinkenden Strompreise das Umfeld für Investitionen in erneuerbare Energien immer schwieriger. Für Balz war das verheerend, denn er behalf sich in der Vergangenheit angeblich damit, dass er mit dem Geld aus der Finanzierung von neuen Projekten Kostenüberschreitungen bei den alten Vorhaben bezahlte. Ziemlich dreist war eine Pressemitteilung von Windreich vom 19. November 2011. Darin hiess es, dass die UBS zusammen mit EIG Global Energy für das neue Projekt Nordsee Windpark MEG 1 eine halbe Milliarde Euro zugesagt habe. Eine Nachfrage des «Tages-Anzeigers» bei der UBS ergab, dass die Finanzierung nie zugesagt wurde. Eine Anfrage bei Windreich blieb unbeantwortet.

Der Kredit von Sarasin stieg laut Creditreform-Rating von 2011 von 35 Millionen auf 70 Millionen Euro (84 Millionen Franken). Auf Nachfrage wollte Sarasin nicht sagen, ob der Kredit abgeschrieben werden muss. Ebenso wenig wollte man darüber Auskunft geben, wann die Geschäftszahlen für 2012 vorgelegt würden. Klar ist, dass ein Abschreiber dieser Grössenordnung praktisch den gesamten Gewinn vernichten würde. Zudem drohen Klagen von geprellten Anlegern. Diese werden von Rechtsanwalt Klaus Rotter vertreten. Er sagt, es sei stossend, dass Sarasin den Kunden verschwiegen habe, dass sie mit einem Kredit bei Windreich engagiert sei. Indem sie den Kunden die Anleihen verkaufte, habe sie ganz einfach die Sicherheit ihrer Kreditposition verbessert. Sarasin-Sprecher Benedikt Gratzl entgegnet: «Es wurden alle Kunden über die Risiken der Anleihen mündlich und schriftlich informiert. Darüber hinaus legt die Bank grundsätzlich mögliche Interessenkonflikte gegenüber ihren Kunden offen.»

Tages-Anzeiger

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