Ein Kamerapionier vor der Pleite

Hintergrund

Kodak war ein weltbekanntes Pionierunternehmen. Die Chance, sich neu zu erfinden, hat es jedoch verpasst.

Brachte die Fotografie ans Volk: Kodak-Gründer George Eastman (links) an der Seite des amerikanischen Erfinders Thomas Alva Edison.

Brachte die Fotografie ans Volk: Kodak-Gründer George Eastman (links) an der Seite des amerikanischen Erfinders Thomas Alva Edison.

(Bild: Keystone)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

«Mama, don’t take my Kodachrome away» – vielleicht ahnte Paul Simon, was auf Kodak zukommen würde. Doch 1973 war der Konzern noch in glänzender Form, als der Sänger beschrieb, wie er mit seiner Kamera «alle diese schönen, hellen Farben« festzuhalten versuchte. Erste Zeichen des Niedergangs waren schon damals sichtbar, doch Kodak verpasste es noch und noch, sich den technischen Veränderungen zu stellen. Der Sprung ins digitale Zeitalter kam zu spät und war zu zaghaft. Nach 131 Jahren steht Kodak heute vor dem Bankrott.

Der Niedergang ist ein letztes Kapitel des Zerfalls der US-Industriebasis. Von den 100 Unternehmen, die im Dow-Jones-Aktienindex ursprünglich enthalten waren, ist nur noch die auf Thomas Edison zurückgehende General Electric geblieben. Ähnlich wie die Autohersteller in Detroit profitierte Kodak jahrzehntelang von einem technischen Vorsprung und einem überragenden Image. In den besten Zeiten hatte der Konzern ein fast perfektes Monopol im Fotomarkt.

Erste Risse schon 1984

Wie heute Apple und Google wirkte Kodak wie ein Magnet auf junge Ingenieure und Erfinder. «Wir waren felsenfest davon überzeugt, alles tun zu können und unbesiegbar zu sein«, erinnert sich Robert Shanebrook, der 1967 bei Kodak eingestiegen war und es bis zum Topmanager für professionelle Kinofilme brachte. Über Mittag strömten die Mitarbeiter im hauseigenen Kino zusammen, um die neusten Filme zu sehen; draussen lockten Sportplätze und andere Unterhaltungen. Kodak galt als der beste Arbeitsplatz.

Das Datum der ersten Risse in der Fassade ist exakt benennbar: Für die Olympischen Sommerspiele von 1984 in Los Angeles kam nicht Kodak als offizieller Ausrüster zum Zug, sondern Fujifilm. Der japanische Hersteller hatte begonnen, mit günstigeren Filmen und einer weniger aufwendigen Technologie in den US-Markt einzusteigen. Die Strategie sollte rasch neue Kunden gewinnen. Kodak aber war sich seiner Sache sicher und versuchte, Fujifilm mit einer Wettbewerbsklage wegzudrängen, und scheiterte spektakulär. Die internationale Handelsorganisation WTO wies Kodak ab.

Den digitalen Markt verpasst

Schon 1975 aber hätte der Konzern eine Chance gehabt, sich neu zu erfinden. Damals schaffte er es, die erste Digitalkamera der Welt herzustellen. Aus Angst, das lukrative Geschäft mit den Filmen zu untergraben, wurde aber auf die Markteinführung verzichtet. Ironie der Geschichte: Als Apple 1994 eine erste Digitalkamera lancierte, die Quicktake, wurde diese von Kodak gefertigt. Doch das Management verpasste es erneut, in den digitalen Markt einzusteigen. «Damals hing das gelbe Kodak-Zeichen überall, wohin man blickte«, erinnert sich der Fotografie-Experte John Larish. «Als dann die digitalen Kameras kamen, war Kodak plötzlich nicht dabei. Das Unternehmen war bereits zu einem Kapitel der Geschichtsbücher geworden.»

Kodak prägte auch Rochester, eine Stadt im Nordwesten des Bundesstaats New York. Sie war Mitte des 19. Jahrhunderts eine der ersten Boomstädte des Landes, ideal gelegen an den Grossen Seen und mitten im Industriegürtel des Landes. Rochester zog Erfinder an: George Eastman baute 1880 sein Unternehmen auf, um vom aufkommenden Fotografie-Boom zu profitieren. Zwei deutsche Einwanderer gründeten Bausch & Lomb, einen Optikkonzern, der heute in der Augenmedizinaltechnik tätig ist. Als dritter kam Xerox; eine Firma, der nach einer Krise ein Neuanfang gelang.Kodak war schon in den Zwischenkriegsjahren ein stilbildendes Unternehmen. Der «Kodak-Moment« beschreibt treffend, wie dank den erschwinglichen Kleinbildkameras und dem von George Eastman erfundenen Rollfilm ganze Generationen zum ersten Mal ihre Feste, Ferien und Familien festhalten und dokumentieren konnten.

Ein geniales Geschäftsmodell

Geld machte der Konzern vor allem mit dem Filmmaterial. In einem genialen Schachzug hatte Eastman vor über hundert Jahren den anderen Kameraherstellern seine Filme angeboten. Aus Konkurrenten machte er faktisch Geschäftspartner. Das Modell, günstige Maschinen und teure Nachfüllprodukte zu verbinden, übernahm später HP für die Kopiermaschinen. Dass Kodak vor rund zehn Jahren selber noch versuchte, Kopier- und Druckmaschinen anzubieten, ist kaum ein Zufall. Doch auch dieser Versuch, den Niedergang zu stoppen, kam zu spät.

Kodak versuchte seit Monaten, Käufer zu finden. Das Interesse war gering, da der Konzern hohe, nicht gedeckte Pensionskassenverpflichtungen in den Büchern führt und sein Kopier- und Druckgeschäft nicht rentabel ist. Den absehbar einzigen Weg, Mittel zu beschaffen, weisen die Patente. Mit mehreren Urheberrechtsklagen war es seit 2008 schon gelungen, zwei Milliarden Dollar zu erstreiten. Noch einmal drei bis vier Milliarden könnten der Verkauf der letzten 1100, teils sehr alten Patenten einbringen, schätzen Marktexperten. Der Verkauf würde mit einem Konkursverfahren abgewickelt, das in den nächsten Tagen eröffnet werden dürfte. In welcher Verfassung Kodak aus einem Bankrott hervorgeht, ist aber ungewiss. Von den Wettbewerbsvorteilen der Vergangenheit ist nichts mehr geblieben.

George Eastman selber hatte fast sein ganzes Vermögen zu seinen Lebzeiten für gemeinnützige Zwecke gespendet. Mit 77 Jahren schied er aus dem Leben. Sein Abschiedsbrief hielt lakonisch fest: «An meine Freunde, meine Arbeit ist getan. Warum warten?»

Tages-Anzeiger

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