Digitales Gold

Hintergrund

Parallelwährungen feiern seit Ausbruch der Wirtschaftskrise ein Mini-Comeback. Eine besonders aggressive Variante ist der Bitcoin: Er kommt aus der IT-Szene und ist vor allem bei Gangstern beliebt.

Die geistigen Väter kommen aus dem Silicon Valley: Die erst vor wenigen Jahren ins Leben gerufenen Bitcoins. (Archivbild)

Die geistigen Väter kommen aus dem Silicon Valley: Die erst vor wenigen Jahren ins Leben gerufenen Bitcoins. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Philipp Löpfe

Geld existiert in allen nur denkbaren physischen Variationen. Die Chinesen verwendeten einst Schildkrötenpanzer, die ersten amerikanischen Siedler Muscheln und Südseebewohner riesige Steine. Derzeit macht eine Währung Furore, die es in überhaupt keiner physischer Form gibt, die Bitcoins. Es handelt sich dabei um rein virtuelle Währung. Sie basiert auf einem komplexen Algorithmus, der nicht zu knacken, aber auch nicht zu verändern oder zu fälschen ist. Bitcoins sind nicht vergleichbar mit Kreditkarten oder PayPal, dem inzwischen verbreiteten virtuellen Bezahlsystem im Internet: Diese sind nach wie vor abgeleitet von anderen Währungen wie Franken, Dollar oder Euro. Anders die Bitcoins, sie sind keiner Zentralbank unterstellt und werden nicht kontrolliert. Sie sind eine Art digitales Gold.

Eine Währung kann sich jedoch niemals selbst genügen, sie ist stets mit der Gesellschaft verbunden: Mit Institutionen, die sie verwaltet und mit einer Weltanschauung, die sie für die Menschen vertrauenswürdig macht. Seit industrieller Revolution und Aufklärung ist es meist der Staat, der diese Aufgaben übernimmt. Währungen sind national. Eine Nationalbank wacht über sie und kann bei Bedarf zusätzliches Geld schaffen oder vernichten. Neben diesem Staatsgeld gibt es jedoch in einem beschränkten Umfang immer auch Parallelwährungen. Flugmeilen gehören dazu, oder Cumulus- und Supercard-Punkte. Sie dienen rein kommerziellen Interessen.

Von Waffenhändlern und Drogendealern genutzt

Parallelwährungen können aber auch politisch motiviert sein. So ist das heute noch existierende WIR-Geld in der Schweiz aus der sozial-liberalen Bewegung der 1930er Jahren entstanden. Diese stützte sich auf die Schwundgeldtheorie von Silvio Gesell und war einst Ausdruck einer Vision einer besseren und sozialeren Gesellschaftsordnung. Die Idee lebt weiter. Die aktuell erfolgreichste Parallelwährung ist ausgerechnet im konservativen Bayern im Umlauf. Rund um den Chiemsee kann man nicht nur mit Euro, sondern auch mit dem Chiemgauer bezahlen. Er ist von Gesells Theorien inspiriert, feierte gerade sein zehnjähriges Jubiläum und gedeiht. Inzwischen umfasst die Chiemgauer-Gemeinde mehr als 600 Firmen und rund 3000 Mitglieder.

Die Bitcoins sind politisch gesehen eine ganz andere Tierart. Ihre geistigen Väter stammen aus der IT-Szene. Soeben haben die Winkelvoss-Brüder, bekannt aus dem Film «The Social Network» als Gegenspieler von Mark Zuckerberg, sich als treibende Kräfte hinter der virtuellen Währung geoutet. Gerade in der IT-Szene ist eine libertär-anarchistische Weltanschauung weit verbreitet. Sie sieht im Staat den Grund allen Übels. Sie möchte ihn auf das Minimum zurück stutzen und die Zentralbanken wieder abschaffen. Politisches Aushängeschild dieser Bewegung ist der texanische Abgeordnete Ron Paul. Er hat einen Bestseller mit dem Titel «End the Fed» geschrieben und ist im letzten Herbst einmal mehr als Präsidentschaftskandidat der Republikaner gescheitert. Trotzdem hat Paul bis heute viele und teils sehr reiche Bewunderer im Silicon Valley. Der bekannteste von ihnen ist Peter Thiel, Milliardär und Vordenker der IT-Szene.

Parallelwährungen feiern seit Ausbruch der Wirtschaftskrise eine Art Mini-Comeback. Die sanften unter ihnen wie der Chiemgauer verstehen sich als Ergänzung zu nationalen Währungen. Sie wollen die lokale und regionale Wirtschaft stärken. Die Bitcoins hingegen bilden die aggressive Variante. Sie wollen den Staat zerstören. Benützt werden sie deshalb vorläufig von Gruppen, die auch allen Grund dazu haben: Waffenhändler und Drogendealer.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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