«Die wollen unseren Lunch essen»

Zahlen mit iPhone und Fingerabdruck: Neben neuen Telefonen und Uhren ging das Zahlsystem, das Apple gestern vorgestellt hat, fast unter. Dabei hat es Apple Pay in sich, wie Branchenkenner glauben.

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Simon Schmid@schmid_simon

Der Markt für mobile Bezahlsysteme ist riesig. Über 200 Millionen Konsumenten nutzen das Smartphone bereits heute beim Shopping. 2015 sollen es bereits 350 Millionen sein, besagen im «Wall Street Journal» veröffentlichte Schätzungen. Tendenz weiter steigend. Binnen zwei Jahren sollen bereits Transaktionen über 400 Milliarden Dollar übers Handy getätigt werden – für den Espresso in der nächsten Kaffeebar, für die Taxifahrt mit neuen Diensten wie Uber, für die neuen Joggingschuhe im Sportmarkt nebenan. Von diesem Trend profitieren will jetzt auch Apple.

Der Konzern hat gestern sein neues Bezahlsystem Apple Pay vorgestellt und damit einen lang erwarteten Schritt gemacht. Die Konkurrenz ist Apple bereits zuvorgekommen. Google hat mit der Wallet bereits seit 2011 ein Handyportemonnaie mit Bezahlfunktion im Angebot. Das System funktioniert mit Androidhandys, allerdings noch nicht in der Schweiz. Softcard heisst eine andere Lösung, die von US-Telecomfirmen unterstützt wird. Zahllose Läden sind in den letzten Jahren vorgeprescht. So die Kaffeekette Starbucks, wo inzwischen 15 Prozent des Umsatzes über das 2012 eingeführte Zahlsystem laufen.

Drei Pluspunkte für Apple

Dennoch wird Apple Pay viel zugetraut. Nicht nur vom Firmenchef Tim Cook, der gestern davon sprach, dass das System «die Art, wie wir bezahlen, für immer verändern wird». Oder von Jamie Dimon, dem Chef der weltgrössten Bank J. P. Morgan Chase, die als Partner bei Apple Pay mit dabei ist. Oder von Matt Dill, einem ranghohen Verantwortlichen bei der Kreditkartenfirma Visa, die von Apple nebst Mastercard und American Express mit ins Boot geholt wurde. Auch die Börse scheint damit zu rechnen, dass Apple Pay sich durchsetzen könnte. Der Apple-Kurs schoss gestern genau zu dem Zeitpunkt in die Höhe, als es um das neue Bezahlsystem ging.

Börsenkurs von Apple während der Präsentation. Grafik: Bloomberg News.

Mehrere Gründe werden angeführt, warum sich Apple Pay durchsetzen könnte.

  • Die NFC-Technologie: Sie steht nun vor dem Durchbruch. Nachdem lange Zeit unklar war, ob Apple auf den NFC-Zug aufspringen würde, hat sich nun der grösste verbleibende Konkurrent für die Technologie entschieden. Er hat sich entschieden, iPhones künftig mit kompatiblen Chips auszurüsten. Damit können diese Handys mit den dazugehörigen Terminals drahtlos Kontakt aufnehmen. Bereits für NFC entschieden hat sich auch Google. Bis im Oktober 2015 sollen die Retailer in den USA ihrerseits die Infrastruktur für NFC flächendeckend bereitstellen. So wollen es die dortigen Kreditkartenfirmen.
  • Der Fingerabdruck: Im Zuge zahlreicher Hackerattacken haben Sicherheitsfragen an Bedeutung gewonnen. Der Fingerabdruck sei langfristig das einzig sichere Passwort, sagt man. Apple hat sich in diesem Bereich vorgewagt und die Authentifizierung per Fingerabdruck zum Standard bei Apple Pay erklärt. Zur Kasse gehen, das Handy hinhalten, den Daumen auflegen: An diesen Dreischritt könnten sich Konsumenten tatsächlich gewöhnen. Bezüglich der Sicherheit hat Apple zudem versprochen, keine Kreditkartendaten an die Händler zu übermitteln.
  • Der Apple-Faktor: Apple hat weder das Smartphone, noch den MP3-Player erfunden. Und doch sind das iPhone und der iPod zum Inbegriff für eine ganze Klasse mobiler Geräte geworden. Die grössten Stärken von Apple liegen im Design und im Handling: Publikationen wie «Bloomberg Businessweek» halten dies für den wichtigsten Faktor, der für Apple Pay spricht. Dem Unternehmen könnte es damit auch gelingen, die Skepsis gegenüber mobilen Bezahllösungen zu überwinden, die sich in Umfragen immer wieder ausdrückt. Noch gibt die Mehrzahl der Amerikaner an, niemals mit dem Smartphone zahlen zu wollen.

In der Schweiz hat die Swisscom mit Tapit bereits eine mobile Brieftasche mit Bezahlfunktion auf den Markt gebracht. Sie basiert auf der NFC-Technologie und hat weitere Funktionen wie Coupons und Türschlüssel. Auch die Six Group arbeitet an einer eigenen Lösung. Andere Läden bieten eigene Apps an, mit denen registrierte Kunden im Laden bezahlen können. Beispielsweise Manor: Hier funktioniert das mobile Zahlen über einen Barcode, der auf dem Handy angezeigt wird. Bereits heute können Läden auch sogenannte Beacons nutzen: Eine sehr simple Lösung, wie das Shopping im Geschäft übers Handy interaktiv wird.

Eine unumstössliche Tatsache beim Kampf ums digitale Portemonnaie ist, dass sich kein Anbieter im Alleingang durchsetzen kann. Das zeigt sich auch in der Schweiz, wo Telecomfirmen mit Banken, Kreditkartenanbietern und Detailhändlern zusammenspannen mussten, um eine Lösung auf den Markt zu bringen. Besonders die Detailhändler sind kritisch: Sie sind nur bereit, ein System einzuführen, wenn die Vorteile tatsächlich überwiegen. Andererseits sind die Kosten ein Thema, auch bei Apple Pay: Die Tatsache, dass alles über Kreditkarten läuft, bedeutet, dass bei jeder Transaktion Gebühren anfallen. Davon profitieren auch die Banken.

Ein Stück vom Kuchen

Bezeichnend hierfür ist der Sinneswandel von Jamie Dimon, über den die «Financial Times» berichtet. Noch im Februar dieses Jahres hätten die Ambitionen von Apple bei ihm grosse Furcht ausgelöst, wird berichtet. «Die wollen unseren Lunch essen», habe Dimon damals in Bezug auf IT-Giganten wie Apple, Google oder Facebook gesagt, «ich meine, jeder Einzelne von ihnen, und sie werden es versuchen.» Angesichts der Kommissionen, die Apple den Banken über das neue System verspricht, hat Dimon seine Meinung geändert. «Es gewinnen alle», sagt der Bankenchef heute.

«Forbes» schätzt, dass Apple Pay durchaus zu einer Ertragsquelle für das Unternehmen aus Cupertino werden könnte. Allerdings werde es dem System nicht gelingen, bestehende Lösungen wie das von Ebay lancierte «One Touch Paypal» aus dem Markt zu drängen. Auch bezüglich des grossen Konkurrenten Google leuchtet das Argument ein. Setzt sich NFC als Technologie beim Konsumenten durch – wozu die jüngste Apple-Entwicklung entscheidend beitragen dürfte – so kommt dies auch Google zugute. Ein Nebeneinander verschiedener Systeme zeichnet sich als wahrscheinlichstes Szenario ab. Auch für die hiesigen Lösungen wäre das eine gute Nachricht.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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