«Die schlimmsten Befürchtungen übertroffen»

Eine ETH-Studie zeigt: Viele Schweizer Firmen haben schon vor zwei Jahren mit der Aufhebung der Untergrenze gerechnet. Warum sie trotzdem nicht auf den Franken-Schock vorbereitet waren.

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Einen besseren Zeitpunkt hätte die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich sich dafür nicht aussuchen können: Sie publizierte am Montag eine Studie, die sich mit den Folgen einer starken Aufwertung des Frankens für Schweizer Firmen beschäftigt – also mit ebendem, was wir in diesen Tagen erleben. Dazu hat sie im Sommer 2012 fast 900 Schweizer Firmen aus der Industrie, dem Dienstleistungs- und dem Bausektor befragt. Studienleiter Dirk Drechsel zu den Resultaten.

Herr Drechsel, zuverlässige Prognosen für die Schweizer Wirtschaft sind derzeit Mangelware. Kann Ihre Studie Abhilfe leisten? Wir können die Zukunft auch nicht vorhersagen, dafür ist die Lage momentan zu ungewiss. Aber unsere Studie ermöglicht es, Szenarien für einzelne Branchen zu nennen. Wir haben Unternehmens- und Finanzchefs explizit danach gefragt, welchen Einfluss ein Franken-Euro-Wechselkurs von 1.10 Franken auf die Umsatz- und Kostenstruktur hätte.

Was sind die wichtigsten Resultate? Die Zahlen variieren je nach Branche stark. Während Industrieunternehmen mit Umsatzeinbrüchen von 3,3 Prozent nach sechs Monaten und 4,3 Prozent nach 18 Monaten rechnen, sieht es im Dienstleistungssektor mit –1,6 beziehungsweise –2,1 Prozent und im Bausektor mit –0,41 beziehungsweise –0,84 Prozent um einiges besser aus. Einzige Ausnahme bildet der Tourismus: Ihn trifft es innerhalb des Dienstleistungssektors am härtesten, erwartet werden Einbussen von –3,8 Prozent nach 18 Monaten.

Gleichzeitig werden aber auch die Kosten sinken. Ja, vor allem im Industriebereich, um bis zu drei Prozent. Davon profitieren Firmen, die viel importieren oder grosse Absatzmärkte im Inland haben. Trotzdem wird der Gewinn über alle drei Wirtschaftszweige hinweg sinken. Grundsätzlich gilt: Je exportorientierter eine Firma, desto schwieriger ist ihre Lage.

Das ist nun keine Überraschung. Nein, trotzdem sind die Zahlen aufschlussreich. Viele Firmen weisen gleichzeitig hohe Export- und Importanteile auf. Sie scheinen sich so indirekt gegen Wechselkurs-Schwankungen absichern zu wollen. Konkret: Firmen, die sehr viel exportieren, beziehen zugleich sehr viele Vorprodukte aus dem Ausland. Diese werden nun durch die Wechselkursaufwertung billiger. Dadurch werden die negativen Effekte auf Umsätze und Gewinne abgemildert.

Nun sind die Wechselkurs-Schwankungen noch viel grösser als in der Studie angenommen, der Euro-Franken-Kurs liegt derzeit knapp über der Parität. Wird also alles noch viel schlimmer? Das ist schwer vorauszusagen. Man könnte die Zahlen nur fortschreiben, wenn man einen linearen Effekt erwartet – dass die Verluste sich also parallel zum Wechselkurs entwickeln. Davon gehen wir nicht aus. Firmen, die einen Wechselkurs von 1.10 noch knapp verkraften, könnten bei 1.00 schon bankrott sein. Ausserdem erleben wir im Moment keine normale Franken-Aufwertung, wie es sie in der Vergangenheit schon gegeben hat, sondern einen Aufwertungsschock. Die Firmen konnten sich nicht schrittweise an den neuen Kurs anpassen, sondern müssen ihn nun abrupt abfangen.

Der neue Kurs kam zwar abrupt, aber nicht unerwartet: Ein Fünftel der von Ihnen befragten Firmen rechnete schon 2013 mit einem Wechselkurs unter 1.20 Franken. Das stimmt, das hat uns auch überrascht. Wir gehen davon aus, dass diese Firmen sich entsprechend vorbereitet haben und nun besser über die Runden kommen. Ein Fünftel der Befragten war im Gegensatz dazu überaus optimistisch und rechnete für 2013 mit einem Wechselkurs von 1.30. Dass der Kurs des Euro aber bis auf einen Franken abfallen würde, damit hat niemand gerechnet: Kein einziger der 900 Befragten hat diese Option angekreuzt. Nun werden also die schlimmsten Befürchtungen aller übertroffen.

Sie haben die Prognosen für maximal 18 Monate erfragt. Lässt sich abschätzen, wie die Geschäftszahlen sich weiterentwickeln, wenn der starke Franken bestehen bleibt? Auch das können wir nicht einfach so ableiten. Es hängt von vielen externen Faktoren ab – wie sich die Lage am Arbeitsmarkt entwickelt, ob der Ölpreis weiter fällt oder wie es im Euroraum weitergeht. Wir haben uns auf 18 Monate beschränkt, weil wir davon ausgehen, dass sich für diesen Zeitraum einigermassen verlässliche Aussagen treffen lassen. Das wurde uns von den befragten Unternehmen bei den Vortests auch so bestätigt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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