Die Welt lässt sich nicht beziffern

Grüne Wirtschaft: Recycling und Umweltschutz lassen sich schwer in Paragrafen fassen.

Andreas Valda@ValdaSui

Wir sollten weniger Rohstoffe verbrauchen, mehr rezyklieren und mehr umweltrelevante Information erhalten, damit wir die richtige Wahl treffen. Die drei Ziele, die der Bundesrat mit einer Revision des Umweltschutzgesetzes anstrebt, sind politisch wie kulturell wohl unbestritten.

Doch die Idee der grünen Wirtschaft in Paragrafen zu fassen, ist schwierig. Es beginnt schon bei der Frage: Was ist ökologisch vorzuziehen? Ein Beispiel: Ein Kilo Biotomaten in der Region zu produzieren, verursacht einen C02-Ausstoss von 100 Gramm – bei normalen Tomaten aus Spanien ist mit 1500 Gramm zu rechnen. Den Unterschied machen die Anbaumethode und der Transport. Die Wahl scheint in diesem Falle klar.

Eine komplizierte Rechnung

Wenn nun aber der Käufer dreimal wöchentlich einige Kilometer einkaufen fährt, stösst er ein paar Tausend Gramm CO2 aus und macht den Vorteil der einheimischen Biotomate zunichte. Einer, der zu Fuss geht und spanische Nicht-Bio-Qualität kauft, erzeugt einen kleineren ökologischen Fussabdruck als der autofahrende Bio-aus-der-Region-Käufer. Welche Aussagekraft haben also CO2-Infos von Tomaten? Praktisch keine. Je nachdem, wie man einkauft, verändert sich die Bilanz.

Schreibt der Bundesrat nun eine allgemeine Deklarationspflicht des CO2-Verbrauchs von Gemüse vor, verursacht er im Detailhandel erhebliche Kosten, die auf den Konsumenten überwälzt werden. Will das die Mehrheit der Schweizer?

Diese Frage stellt sich jetzt den Volksvertretern. Der Bundesrat verlangt mit der Reform des Umweltgesetzes eine Art Generalvollmacht, um solche Deklarationspflichten vorschreiben zu können. Welche Produkte, Rohstoffe oder Prozesse es betrifft, ist nicht definiert. Diese Aufgabe soll dem Umweltdepartement delegiert werden. Dieses delegiert sie mangels Experten dann weiter an Externe. Diese Machtdelegation wollen grosse Teile der Wirtschaft verhindern. Sie befürchten, dass Umweltingenieure für eine umfassende Rückverfolgbarkeit plädieren, die nicht umsetzbar oder sehr kostspielig wäre.

Beispiel Erdbeerjoghurt

Ein Beispiel ist das Erdbeerjoghurt: Die Milch kommt hoffentlich aus der Schweiz, die Fruchtstücke stammen bei vielen Joghurts aber aus China. Unter welchen Bedingungen werden sie angebaut, gewonnen, getrocknet und nach Europa gebracht? Je nach Anbau, Verarbeitung und Herkunft fällt die CO2-Bilanz der Zutaten und damit des Joghurts anders aus. Wechselt der Lieferant einzelne Zutaten, ändert sich der C02-Wert. Bei vielen verarbeiteten Nahrungsmitteln ist dies abhängig von Saison, Ernte und Preis häufig der Fall.

Die Erfahrung zeigt auch, dass die Daten in nicht so organisierten Ländern wie der Schweiz schwer zu beschaffen sind. Die Fachleute, welche die Ökobilanz errechnen, behelfen sich oft mit Annahmen. Das Resultat ist eine Scheingenauigkeit, welche die Kunden veräppelt – und erst noch kostet. Ein Beispiel dafür sind Stromsparlampen: Auf den Packungen ist die Lebensdauer aufgedruckt. Ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, je mehr desto teurer. Konsumenten stellen nun aber fest, dass die Lampen oft vorher kaputtgehen. Sie merken dies, doch haben sie keine Handhabe zu reklamieren, weil sie die Quittung weggeworfen haben. So sagen sie sich: Jetzt zahle ich 5 Stutz, fünfmal mehr für ein ökologisches Produkt, ohne die Gewissheit zu haben, dass die Lampe ökologischer ist, denn zu früh entsorgt, belastet sie die Ökobilanz erheblich. Es gibt unzählige solcher Beispiele. Mit jedem schwindet die Gewissheit mehr, was ökologischer ist.

Kulturelle Leistung

Dennoch recyceln wir und sind fasziniert davon. Das meiste machen wir freiwillig, die Sackgebühr hilft uns etwas nach. Sie belastet ärmere Haushalte mehr als reiche, die sich leisten könnten, alles fortzuwerfen. Dennoch sind auch in reichen Gemeinden die Parkplätze in Deponien voll von Leuten, die Porsches Cayenne entsteigen, um Frittieröl zu entsorgen. Wir schnüren Altpapier, obwohl es niemand verlangt. Wir bringen freiwillig 95 Prozent aller Haushaltsgeräte zurück.

Was zeigt dies? Recycling ist vor allem eine kulturelle Leistung. Nicht, weil es der Staat vorschreibt, sondern weil wir es plausibel finden. Daran sollte die Umweltpolitik anknüpfen. Der Verbrauch von Rohstoffen soll reduziert und das Recycling ausgebaut werden – freiwillig. Wir wollen nicht einfach mehr Informationen, sondern wahrhafte, die nicht nur Ingenieure verstehen.

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