Die Swisscom steht unter Strom

Konkurrenz für die Strombarone: Die Swisscom steigt mit der Swisscom Energy Solutions in den Energiemarkt ein. Das Start-up steuert in Haushalten Wärmepumpen und reguliert so das Stromnetz. Ein lukratives Geschäft.

Frédéric Gastaldo will mit der Swisscom Energy Solutions AG in Olten den Schweizer Strommarkt aufmischen. Über die Leitungen zu den Privathaushalten möchte die Swisscom-Tochter das Stromnetz regulieren – günstiger als dies heute die Energiekonzerne tun.<p class='credit'>(Bild: Dominik Balmer, Jon Mettler)</p>

Frédéric Gastaldo will mit der Swisscom Energy Solutions AG in Olten den Schweizer Strommarkt aufmischen. Über die Leitungen zu den Privathaushalten möchte die Swisscom-Tochter das Stromnetz regulieren – günstiger als dies heute die Energiekonzerne tun.

(Bild: Dominik Balmer, Jon Mettler)

Dominik Balmer@sonntagszeitung
Jon Mettler@jonmettler

Diese Büros sind noch jung: Im Eingang stapeln sich Kisten. Daneben liegen frisch bestellte Sitzsäcke. Normalerweise würde die Swisscom eine derartige Unordnung kaum tolerieren. Aber in Olten bei der Swisscom Energy Solutions AG ist alles ein bisschen anders. Hier tüfteln 15 Mitarbeiter eines Start-ups. Mit der Gesellschaft will die Swisscom die Strombarone in der Schweiz das Fürchten lehren.

Chef von Swisscom Energy Solutions ist Frédéric Gastaldo, ein gebürtiger Franzose. Das Projekt in Olten ist bereits sein viertes Start-up. Der Maschinenbauingenieur sagt zwar: «Ich bin ein Telecommensch.» Und trotzdem zweifelt er nicht am Erfolg des Unternehmens: «Die ersten Kunden sind begeistert.»

Eine günstigere Alternative

Die Swisscom hat es auf den Regelenergiemarkt abgesehen. Dieser Markt ist eine Art Versicherung. Die nationale Netzgesellschaft Swissgrid zahlt die Energiekonzerne dafür, dass sie bei Ausfällen oder Überkapazitäten im Netz schnell Strom aufnehmen oder abgeben können. Das ist wichtig, damit im Netz die Spannung konstant bleibt. Das System funktioniert wie ein See: Fliesst an einer Stelle Wasser raus, muss an einer anderen Stelle wieder gleich viel Wasser rein. Ohne diesen Ausgleich würde der Spiegel sinken, es könnte zu einem Kollaps kommen.

Der Markt für diese Regelenergie ist lukrativ. 2012 zahlte Swissgrid fast 200 Millionen Franken für das Bereithalten von Leistungen im Umfang von 900 Megawatt. Das ist 2,5-mal die Leistung das Atomkraftwerks Mühleberg. Einen Grossteil der Regelenergie stellen Energiekonzerne über Pumpspeicher- oder Fliesswasserkraftwerke bereit. Genau da hakt Swisscom Energy Solutions ein. «Wir bieten das Gleiche», sagt Gastaldo, «nur günstiger.»

Ein virtuelles Kraftwerk

Natürlich besitzt die Swisscom keine Kraftwerke. Dafür hat der staatsnahe Betrieb eine Leitung zu fast jedem Schweizer Haushalt – folglich also auch einen Zugang zu den Wärmepumpen, Wasserboilern, Elektrospeicher- und Direktheizungen. Mit der Masse dieser Geräte will Gastaldo ein virtuelles Kraftwerk kreieren, womit sich ebenfalls das Stromnetz regulieren lässt.

Und so funktionierts: Wird plötzlich mehr Strom im Netz gebraucht, weil zum Beispiel ein Kraftwerk ausfällt, kann die Swisscom über das Internet oder das Handynetz die Geräte der Kunden ausschalten und so über den Nichtverbrauch Strom im Netz halten. Dabei verschiebt sich der Heizzyklus eines einzelnen Kunden um höchstens eine halbe Stunde. Dies führt zu einer maximalen Reduktion der Temperatur um 0,5 Grad, was laut Gastaldo nicht wahrnehmbar ist. Je länger der Ausfall dauert, desto mehr Geräte muss die Swisscom anzapfen können. Doch sobald das ausgefallene Kraftwerk wieder produziert, schaltet die Swisscom die Geräte wieder ein, sie brauchen wieder Strom – und die Spannung im Netz ist wieder ausgeglichen.

Wichtig ist dieser Mechanismus auch im Hinblick auf die Energiewende, weil mit dem zunehmenden Anteil an Wind- und Sonnenstrom die Spannung im Netz stärker schwankt.

Komplexe Berechnungen

Von den ungefähr 3 Millionen Schweizer Haushalten kommen 350'000 für Swisscom Energy Solutions infrage. Pro Haushalt gibt es im Schnitt 1 Kilowatt an Regelenergie. Ab einer Leistung von 5000 Kilowatt kann die Swisscom-Tochter bei Swissgrid mitbieten. Dazu brauchen Gastaldo und seine Mitarbeiter also mindestens 5000 Haushalte. Von diesem Zwischenziel ist die Swisscom nicht mehr weit entfernt: Aktuell sind rund 3500 Kundinnen und Kunden angeschlossen.

Die Ziele liegen aber höher: Gastaldo möchte bis in vier Jahren 70'000 bis 100'000 Kunden anwerben. Damit könnte die Swisscom Energy Solutions mindestens eine Leistung von 70'000 Kilowatt regeln. Zum Vergleich: eine kürzlich in Japan gebaute Fotovoltaikanlage mit gleicher Leistung braucht rund 300'000 Solarmodule. Mit den 70'000 bis 100'000 Kilowatt würde die Swisscom Energy Solutions pro Jahr rund 20 Millionen Franken von Swissgrid erhalten. Gastaldo spricht von einer «kleinen Portion. Damit wären wir glücklich.»

Die Kunst ist nun: Die Swisscom muss wissen, wann sie welche Haushalte für Energie anzapfen kann. Den dazu nötigen Algorithmus und die Kommunikationsboxen, die in Olten zusammengebaut und in den Haushalten installiert werden, hat die Swisscom Energy Solutions entwickelt. Für das Projekt steht ein zweistelliger Millionenbetrag bereit. Mehr Details gibt die Swisscom nicht bekannt.

Vorteile für Stromnutzer

Die Kunden sollen aber auch profitieren. Besitzen sie eine Wärmepumpe, installiert die Swisscom dafür eine Steuerung, die via Smartphone-App bedient werden kann. So sehen Kunden sofort, wenn die Wärmepumpe nicht funktioniert – und sie kann schneller repariert werden. Ohne Steuerung dauert es unter Umständen Stunden, bis ein Defekt erkannt wird. Eine solche Steuerung kostet 500 bis 1000 Franken, die Swisscom installiert sie gratis. Hinzu kommt: Mit der Steuerung erhalten die Kunden Transparenz über ihren Stromverbrauch. Dieser könne im Schnitt um 10 Prozent reduziert werden, schätzt Gastaldo.

Die Swisscom arbeitet mit Herstellern und Installateuren von Wärmepumpen zusammen. Am stärksten involviert ist der Bündner Energieversorger Repower, der 35 Prozent der Aktien hält. Die restlichen Anteile halten die Swisscom selbst sowie die Angestellten des Start-ups.

Die BKW ist gar nicht erfreut

Verschnupft reagiert indes der Stromkonzern BKW. «Das Angebot steht in Konkurrenz zu unseren Produkten und Dienstleistungen», sagt Sprecher Antonio Sommavilla. Zudem könnten isolierte Eingriffe ins Stromnetz, wie sie die Swisscom-Tochter vornehmen wolle, dessen Stabilität gefährden. Solchen Aussagen begegnet Gastaldo mit einem Lächeln. Bis vor kurzem habe die Strombranche solche Lösungen, wie sie jetzt die Swisscom biete, nicht betrachtet. «Und jetzt, da wir es machen, heisst es, wir dürfen das nicht.»

Berner Zeitung

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