Die Milliarden von Klient 5

Hintergrund

Die Credit Suisse soll das Vermögen eines Schweizer Kunden auf irreguläre Art verbucht haben, um vor den Investoren besser dazustehen.

Der US-Senatsausschuss macht bei der CS «echte Probleme mit den Prozessen» aus: Credit Suisse.

Der US-Senatsausschuss macht bei der CS «echte Probleme mit den Prozessen» aus: Credit Suisse.

(Bild: Reuters)

Simon Schmid@schmid_simon

Für die Vermögensverwalter der Credit Suisse war 2012 kein gutes Jahr. Wegen US-Schwarzgeldern geriet die Bank ins Schlaglicht, von Clariden Leu übernommene Kunden zogen Vermögen ab, der Geschäftsbereich drohte seine Ziele zu verfehlen. Von der Alarmstimmung zeugt eine E-Mail, die Rolf Bögli im Februar 2012 an die Kollegen versandte. «Alle möglichen Massnahmen» seien zu ergreifen, schrieb der damalige Operativchef des Schweizer Private Banking, damit man am Quartalsende eine positive Wachstumsstory erzählen könne.

Die positive Story kam zustande – nur bewegten sich die Massnahmen an der Grenze der internen Reportingvorschriften. Dies besagt der Bericht über die CS, den ein Ausschuss des US-Senats diese Woche vorgelegt hat.

Das entscheidende Signal

Erste zweifelhafte Vorfälle spielten sich gemäss dem Bericht im April 2012 ab, kurz vor dem Quartalsabschluss. Ein langjähriger, in den USA lebender Kunde, im Bericht als «Klient 5» bezeichnet – Spekulationen zufolge handelt es sich um Unternehmer Hansjörg Wyss –, besass nach Aktienverkäufen Bargeld in Milliardenhöhe bei der CS. Damit dies als Neugeldzufluss verbucht werden konnte, musste der Kunde die Geldanlage aber aktiv an die Bank delegieren.

Dinge wie die Renditeerwartungen spielten ebenfalls eine Rolle. Ob es auch die Unterschrift des Klienten brauchte, ist gemäss den Richtlinien umstritten – jedenfalls schrieb Bögli am 23. April 2012 in einer E-Mail an seine Vorgesetzten, dass der Klient das Vermögensverwaltungsmandat unterschrieben habe. Wie sich später herausstellte, war diese Aussage falsch. Für die zuständigen Gremien, die zuvor Zweifel geäussert hatten, war sie jedoch das entscheidende Signal: Das Neugeld wurde verbucht, und die CS stand vor den Finanzmärkten um 4,3 Milliarden Franken besser da.

Der reiche Klient blieb bei der CS, von seiner Tochter kamen weitere 1,7 Milliarden Franken: selbst für die Grossbank eine beachtliche Summe. Fragwürdig scheint die Art und Weise, wie diese Beträge in den Folgemonaten zwischen der Schweiz und den USA hin- und hergebucht wurden. Laut Private-Banking-Chef Hans-Ulrich Meister war ursprünglich ein 50-50-Split vorgesehen.

Wie der Bericht zeigt, wurde dieser Plan mehrmals ohne nachvollziehbaren Grund revidiert. Besonders kritisch wird eine Umbuchung am Ende des dritten Quartals beurteilt. 1,6 Milliarden Franken an bestehenden Geldern wurden dabei buchhalterisch von den USA in die Schweiz verschoben. Das Private Banking in der Schweiz, das ohne diese Massnahme einen Quartalsabfluss von 1,5 Milliarden Franken ausgewiesen hätte, zeigte so einen Zufluss von 0,1 Milliarden Franken: ein wichtiges Zeichen für die Anleger.

Der dritte Vorfall ereignete sich im Januar 2014. Erneut waren die Neugeldziele in weiter Ferne – und erneut wandte man sich dem Milliardenkunden zu. Rolf Bögli kontaktierte dazu Anthony DeChellis, den damaligen Private-Banking-Chef in den USA: ob man nicht weitere 0,9 Milliarden Franken als verwaltete Gelder umklassifizieren könne, als Gefallen für die Division. «Hans-Ueli [Meister] wäre extrem happy.»

Gegen diese Umbuchung war der Kundenberater des Milliardärs, weil das Vermögen im Wesentlichen in Bargeld angelegt war. Die Verschiebung kam dennoch zustande, auch weil sich untere Chargen ins Zeug legten. Man müsse einfach eine «verbesserte Story» erzählen, schrieb ein Abteilungsleiter in einer E-Mail: etwas, das «gut klingen» solle. «Blabla» lautete seine Anleitung dafür, man solle etwa «zusätzliche Einnahmen für die Investmentbank» erwähnen.

Angekratzte Glaubwürdigkeit

«Echte Probleme mit den Prozessen» attestiert der Senator Carl Levin der CS. Seine Kommission hat in den vergangenen Monaten ein Dutzend Bankmanager angehört, inklusive Chef Brady Dougan. Dieser bedauert die E-Mails. Die Vorwürfe, dass die CS ihre buchhalterischen Regeln mehrfach verletzt habe, seien aber falsch. Bei der Bank läuft derzeit eine interne Untersuchung, Medienberichten zufolge beschäftigt sich auch die US-Aufsichtsbehörde SEC mit dem Fall. Die Finma gab gestern keine Auskunft.

In Finanzkreisen schüttelt man den Kopf. Die Glaubwürdigkeit der CS werde weiter leiden, sagt ein Analyst. Man sei sich gewisser Spielräume bewusst, sagt ein anderer, doch die Verschiebung von Milliardenbeträgen zwischen Quartalen sei nicht normal. Als «realitätsfremd» und «schönrednerisch» wird die Kommunikation der CS beschrieben, einem Analysten zufolge gehört die Bank zu den «kreativsten» ihrer Zunft, was die Präsentation der Resultate betrifft.

Rolf Bögli, dessen Rücktritt von seinem Chefposten bei der CS zeitlich zusammenfällt mit den Untersuchungen des Ausschusses, ist gemäss Auskünften der Bank derzeit krankgeschrieben.

Tages-Anzeiger

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