Die Gewinner des Steuerstreits

Hintergrund

Beratungsgebühren, Datenaufbereitungskosten und Anwaltshonorare: Die Bereinigung der US-Altlasten füllt die Auftragsbücher einer bestimmten Firmengruppe auf dem Schweizer Finanzplatz.

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Simon Schmid@schmid_simon

«Es gibt jetzt erheblichen Beratungsbedarf», sagt ein Zürcher Wirtschaftsanwalt, der nicht namentlich genannt werden will. Nach dem offiziellen Joint Statement der Schweizer und US-Behörden stehen die Banken nun unter Handlungszwang. Praktisch jedes Institut muss sich überlegen, ob und inwiefern es auf das Angebot der USA zur Beilegung des Steuerstreits eintreten will. Bestenfalls gibt es einen Persilschein von der Justiz zu holen, schlechtestenfalls droht eine Strafklage in den USA. Vielen Instituten droht eine Busse, deren Höhe auch vom juristischen Geschick der Bank abhängt.

Entsprechend viel haben die Berater, Revisoren und Anwälte rund um den Schweizer Bankenplatz derzeit zu tun. «Die aktuelle Situation ist schlecht für die Banken, aber gut für die Berater», sagt eine Person aus der Branche, die nicht namentlich genannt werden will. Drei Tendenzen spielen den IT-Spezialisten, Juristen und Consultants derzeit in die Hände. Erstens ist die Nachfrage nach ihren Dienstleistungen hoch: Zahlreiche Institute hätten mit der Durchforstung ihrer Kundendaten bis heute zugewartet, wird erzählt. Dies, um die Arbeit nach Bekanntwerden des Programms nicht erneut machen zu müssen, wie ein Bankensprecher sagt. «Das Kleingedruckte ist entscheidend.»

Teure Unterschriften

Zweitens ist das Angebot beschränkt. Auch die grossen Gesellschaften wie KPMG, PWC oder Ernst & Young haben nur endliche Ressourcen zur Verfügung; langjährige Praktiker sind rar und können nicht von allen Banken gleichzeitig beschäftigt werden. «Auf dem Schweizer Arbeitsmarkt existiert ein Mangel an erfahrenen Revisoren», sagt der Finanzprofessor Maurice Pedergnana. Weil die Banken einerseits einen ordentlichen Revisor und andererseits einen unabhängigen Berater brauchen, kommen mindestens zwei Gesellschaften ins Haus. Für die Verhandlungen mit den USA werden zusätzlich Wirtschaftsanwälte benötigt. Die Mandate erhalten namhafte Kanzleien wie Homburger, Baker & McKenzie oder Niederer Kraft & Frey.

Drittens drängt die Zeit. Spätestens bis am 31. Dezember 2013 können Banken, die sich zur Kategorie 2 des Programms zählen, bei den US-Behörden ein Non-Prosecution Agreement beantragen. Diese Freiheit vor Strafverfolgung ist mit einer Busse sowie mit der Lieferung von Geschäftsdaten und Leaver-Listen verbunden, welche von einem unabhängigen Revisor geprüft werden müssen. Wie ein Branchenkenner sagt, zeichnet sich aktuell ab, dass der ordentliche Revisor diese Aufgabe übernehmen kann. Die entsprechende Unterschrift zu holen, wird trotzdem teuer, wie ein Branchenkenner sagt. Denn die grossen Gesellschaften haben einen Namen zu verlieren: Entsprechend will ein Revisor hundertprozentige Sicherheit, bis er sein Okay gibt.

Consultants auf der Gewinnerseite

Auch bei Banken, denen voraussichtlich keine Busse droht, besteht Handlungsbedarf. Sie müssen durch einen unabhängigen Dritten darlegen können, kein US-Steuerrecht im Rahmen ihrer Kundenbetreuung verletzt zu haben, wie es im Dossier des Eidgenössischen Finanzdepartements heisst. Selbst Regional- und Kantonalbanken müssen deshalb in die Archive gehen. «Internal Investigations» heisst diese Tätigkeit im Fachjargon – Pech haben dabei die Banken, die zwischen dem 1. August 2008 und heute ihr IT-System umgestellt oder gewisse Daten noch gar nie digitalisiert haben. Auf die Nachforschungsarbeit, bei der juristische Kenntnisse erforderlich sind, haben sich auch die grossen Wirtschaftskanzleien spezialisiert. Bei ihnen füllen sich nun die Auftragsbücher.

«Die Arbeiten zum US-Steuerstreit müssen jetzt unter hohem Zeit-, Kosten- und Qualitätsdruck ausgeführt werden», sagt der Finanzprofessor Maurice Pedergnana. Auf grössere Auftragswellen angewiesen sind die grossen Consultingfirmen, um ihre Forschungs- und Publikationstätigkeit zu finanzieren. Vorteilhaft für die Berater ist, dass die Flut diesmal länger anhalten dürfte. In einem Gespräch fällt die Jahreszahl 2018. Neben dem US-Steuerstreit, wo die Detailarbeiten noch zwei Jahre dauern dürften, werden sich die Banken zusätzlich mit dem Fatca-Abkommen und der Mifid-Richtlinie im EU-Raum befassen müssen. Hinzu kommt der Steuerstreit mit der EU. Wie ein Branchenkenner sagt, wartet dort «noch einmal dieselbe Arbeit wie mit den USA».

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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