«Die Erfolge überwiegen gegenüber den Sorgen deutlich»

Interview

Unruhe bei der NZZ: Verwaltungsrat Konrad Hummler geht juristisch gegen CVP-Chef Darbellay vor, Projekte floppen und der Digitalchef ist gesundheitlich angeschlagen. VR-Präsident Franz Steinegger erklärt.

  • loading indicator
Christian Lüscher@luschair

Herr Steinegger, haben Sie mit Verwaltungsrat Konrad Hummler heute schon gesprochen?
Nein. Wir hatten in den letzten Tagen aber Mail-Kontakt.

Seit Herr Hummler CVP-Präsident Christophe Darbellay angezeigt hat, hagelt es Kritik von allen politischen Lagern. Ist Konrad Hummler im VR noch tragbar?
Das habe nicht ich als Verwaltungsratspräsident zu beurteilen. Es ist Aufgabe der Generalversammlung, welche Verwaltungsräte abberufen kann. Es ist auch nicht im Sinn des Verwaltungsrates, sich ständig zu beruflichen Gegebenheiten eines Verwaltungsratsmitglieds zu äussern, wenn Kritik aus der Politik kommt.

Von links bis rechts und auch aus den Reihen der FDP wird Hummlers Vorgehen gegen Darbellay kritisiert. Diesen Gegenwind können Sie doch nicht einfach ignorieren.
Die Kritik betrifft Herrn Hummler als Banker. Wir verfolgen die Angelegenheit. Zu gegebenem Zeitpunkt werden wir dies im VR diskutieren. Es kann aber nicht die Aufgabe der Medien – insbesondere des «Tages-Anzeigers» – sein, die Sitzungen des NZZ-VR zu bestimmen. Dafür sind allein die Aktionäre zuständig.

Die Kritik hat aber Auswirkungen auf die gute Reputation der NZZ.
Ja, aber der VR-Präsident ist nicht der Schiedsrichter und beurteilt schon gar nicht, ob gewisse Aktionen von Mitgliedern des VR klug oder unrichtig sind. Prioritär ist es meine Aufgabe, der Redaktion den Rücken frei zu halten, damit sie unabhängig berichten kann. Das ist der Hauptpunkt. So wie ich die NZZ verfolgt habe, kann man der Redaktion keinen Vorwurf machen.

Kein Reputationsproblem also?
Vielleicht, aber entscheidend ist doch, ob die Zeitung ihrem Auftrag nachkommt. Die redaktionelle Arbeit kann man nicht infrage stellen.

Was FDP-Präsident Philipp Müller und Fraktionschefin Gabi Huber über Hummler sagen, ist Ihnen also egal?
Ich weiss nicht, was die beiden über Hummler gesagt haben. Ich würde Kommentare aus der Politik so oder so nicht kommentieren.

Reden wir über die NZZ. Die Digitalstrategie harzt. Neue publizistische Projekte stehen kurz vor der Einstellung. Steckt die Marke NZZ in einer Krise?
Die Marke NZZ ist unbestritten eine sehr starke Marke. Alle Verlage gehen in diesen schwierigen Zeiten nach dem Prinzip Trial and Error vor. Es darf einfach nicht so viel kosten, dass einzelne Projekte einen Verlag in Schieflage bringen können. Wir überprüfen im Moment, ob einzelne Produkte statt auf Papier künftig digital vertrieben werden.

Die Beilage «Equity» ist so ein Fall. Man wirft dem Produkt vor, dass es handwerklich ungenügend gemacht sei.
Das ist ein junges Produkt. «Equity» hat ohne Zweifel seine Stärken und Schwächen. Wir diskutieren die redaktionelle Ausrichtung und den Vertrieb.

Stichwort online. Die Zahlen brechen ein. Der neue Auftritt punktet nicht bei der Leserschaft. Was ist Ihr Eindruck?
Ich werde mit grossem Interesse verfolgen, wie andere Verlage Bezahlschranken einführen werden. Ob das geräuschlos über die Bühne gehen wird, da habe ich so meine Zweifel. Natürlich wären wir glücklicher, wenn die Nachfrage auf NZZ.ch grösser wäre.

Was ist die grösste Schwäche von NZZ.ch?
Wir sind dem Onlinepublikum nicht ganz gerecht geworden. Ein Onlinekonsument ist gewohnt, die Inhalte in einer gewissen Form und Portionierung entgegenzunehmen. Es ist nicht ganz einfach, eine Printredaktion darauf einzuschwören.

Haben Sie wirklich das Gefühl, dass die Leser für Inhalte bezahlen?
Ich zweifle nicht daran. Es gibt keine Alternativen. Man wird die Zeitung künftig nicht von weniger Printlesern finanzieren lassen können. Alle grossen Verlage diskutieren eine Paywall.

Wie viele User bezahlen heute für das Onlineangebot der NZZ?
Darüber kann ich nichts sagen.

Wann wirft die Onlinesparte Geld ab? Es heisst immer, dass es nächstes Jahr so weit sein werde. Das hört man aber schon seit vier Jahren.
Über alles gesehen sind wir mit der Entwicklung der Sparte Digital sehr zufrieden.

Sorgenkinder «NZZ online», «Equity» und «Savoir Vivre» (Anmerkung der Redaktion: Nicht «Savoir Vivre» wird eingestellt, sondern die Lifestyle-Seiten «Soll und Haben») : Die Flops muss jemand verantworten. Sind personelle Änderungen geplant?
Wir haben personelle Änderungen vorgenommen, ich denke beispielweise an den Werbechef. Wir sind in einem gesättigten Printmarkt und müssen nach neuen Erlösquellen schauen. Es gibt keine fertigen Produkte und Ideen. Man muss probieren, aber nicht so, dass es einen finanziell gleich umbringt.

An den Qualitäten des Chefredaktors Markus Spillmann haben Sie keine Zweifel?
Er ist unbestritten.

Auch NZZ-CEO Albert Polo Stäheli?
Ja. Es gibt auch nicht viele Kandidaten auf dem Markt.

Christoph Bauer, ehemals CEO AZ Medien, ist soeben frei geworden.
Das wissen wir seit einiger Zeit. Wir führen Gespräche, das können wir nicht verheimlichen.

Dann noch zwei andere Personalien. Der Inlandchef soll sich eine längere Auszeit genommen haben. Der Digitalchef ist in einer Kur, es wird ein Burn-out vermutet. Wie beurteilen Sie hier die Situation?
Es ist richtig, wenn jemand zu viel arbeitet, dass er vom Arzt eine Kur verordnet bekommt. Der Digitalchef hat eine aufreibende Zeit hinter sich. Er soll sich erholen. Vom Inlandchef weiss ich nichts Konkretes, aber er hat angeblich Anspruch auf eine kurze Auszeit.

Die NZZ und ihre Qualität. Wie definieren Sie diese eigentlich?
Das ist eine der schwierigsten Aufgaben im Rahmen eines Strategiefindungsprozesses. Ich definiere sie so: Dem Kunden eine umfassende und vertiefte Information zu bieten. Aber ich muss sagen, dass die Qualitätsdiskussion eine unerschöpfliche ist.

Sind Sie zufrieden?
Ja. Die NZZ hat in Sachen Qualität sogar Fortschritte gemacht. Und generell kann ich als VR-Präsident sagen, dass die Erfolge gegenüber den Sorgen deutlich überwiegen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt