«Die BKW muss bei der Solarenergie über die Bücher»

Der Berner Solarpionier und Professor Urs Muntwyler beurteilt die Energiestrategie des Bundesrats kritisch. Auch an den Solarenergieplänen des Stromversorgers BKW lässt er kein gutes Haar. Der Konzern sei zu staatsgläubig.

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Dominik Balmer@sonntagszeitung

Herr Muntwyler, es ist derzeit oft bewölkt. Viel Solarstrom wird in der Schweiz jetzt wohl nicht produziert... Urs Muntwyler:es wird in erster Linie kein Solarstrom produziert, weil wir gar keine Solaranlagen haben...

...immerhin, ein paar gibt es. Im Vergleich zu Deutschland hat es hier fast keine Solaranlagen.

Warum stockt der Ausbau? Das Hauptproblem ist die Deckelung der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV). Die Zahl der Anlagen, die unterstützt werden, ist begrenzt. Das schreckt ab. Gäbe es den Deckel nicht, würde viel mehr gebaut als in Deutschland. Denn bei uns sind die Möglichkeiten zur Finanzierung besser. Und es hat mehr Sonne.

In Deutschland sind zwar die Fördermittel höher, dafür aber auch die durchschnittlichen Strompreise. Ja, die Anfangsinvestitionen bei der Fotovoltaik sind hoch. Aber man muss auch sehen, dass der Strom gleichzeitig zeitweise auch günstiger geworden ist.

Was heisst das? Unsere grossen Stromversorger können am Mittag keinen Strom mehr nach Italien und Deutschland verkaufen. Das heisst, die anderen sind günstiger geworden. Der Grund ist der Solarstrom, der grossmehrheitlich am Mittag anfällt.

Das Hauptproblem ist doch: Die Schweiz ist kein Sonnenland. Wenn das so wäre, dann gäbe es auch in Deutschland keine Solaranlagen. Die Schweiz ist gut geeignet für Solarenergie.

Aber in Spanien scheint die Sonne länger. Klar hat es in Spanien mehr Sonnenschein. Aber so gross sind die Unterschiede nicht. In Spanien kommt erschwerend hinzu, dass das Geld teurer ist und die Aussentemperaturen höher sind, was die Leistung drückt. Zudem haben wir in der Schweiz den Vorteil hochalpiner Lagen. Dort sind Produktionswerte wie in Spanien möglich.

Der Bundesrat legt in seiner Energiestrategie fest, dass kleine Solaranlagen keine fortwährenden Fördermittel mehr erhalten sollen, sondern nur noch einen einmaligen Beitrag. Was sagen Sie dazu? Das ist grundsätzlich nett gemeint, aber schade ums Geld: Damit baut der Bundesrat ein neues System an Subventionen mit einer Bürokratie auf. Zudem ist es ja nicht so, dass die Schweizer Probleme hätten, ihre Solaranlage zu finanzieren.

Wie meinen Sie das? Die Leute, die heute eine Solaranlage bauen wollen, besitzen ein Haus und haben in der Regel genügend Geld. Zudem lässt sich die Solaranlage von den Steuern abziehen. Eine Solaranlage lohnt sich bereits unter den heutigen Bedingungen. Wir brauchen keine Subventionen. Wie gesagt: Es reicht, die KEV zu entdeckeln.

Das Fördermittel ist doch nichts anderes als eine Subvention. Nein, es ist eine Umlagefinanzierung. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zu Subventionen: Wenn ich nur einen einmaligen Betrag erhalte, kümmert es mich nicht mehr, wie es mit der Anlage weitergeht. Aber wenn ich auf die Einspeisevergütung angewiesen bin, dann bin ich auch interessiert an einer produktiven Anlage mit einer Lebensdauer von 25 Jahren. Genau diese Kontinuität wollen wir.

Der Bund will bis 2050 rund 20 Prozent Fotovoltaikstrom. Derzeit sind es aber nur gerade 0,5 Prozent. Mit dem Ziel bis 2050 bin ich einverstanden, auch wenn ich davon ausgehe, dass wir es bereits 2030 erreichen werden. Aber die Zwischenschritte beim Bundesrat sind grotesk. Da muss jemand einen Rechnungsfehler gemacht haben.

Inwiefern? Bis zum Jahr 2020 sieht der Bund Zubauten von Solaranlagen vor, die weit unter den tatsächlichen Installationsraten liegen. Aber nach 2020 soll dann der Markt plötzlich sehr wichtig sein.

Und der Rechnungsfehler? Ich denke, es hängt mit Prognos und dem Paul-Scherrer-Institut zusammen, den Verfassern der Studien. Sie kalkulieren offenbar mit Preisen von vorgestern. Sie scheinen keine Ahnung von der Branche zu haben. Pro Watt an installierter Leistung zahlen Sie heute für eine grosse Anlage wenig mehr als 2 Franken. Die Studienverfasser rechnen mit doppelt so hohen Kosten. Das zeigt mir: Wer ausserhalb der Solarbranche steht, hat keine Ahnung – das gilt übrigens auch für unsere grossen Elektrizitätswerke.

Trotzdem lassen sich Marktpreise mit der Fotovoltaik noch nicht erzielen. Da bin ich nicht so sicher. Mit grossen Anlagen ist man sicher nahe am Marktpreis. Insbesondere hochalpine Standorte können sehr lukrativ sein.

Gibt es entsprechende Pläne? Unser Labor der Fachhochschule plant eine Messanlage auf einer Lawinenverbauung im Wallis, in Bellwald. Wenn wir die Stromwende wollen, sind wir auf solche Anlagen angewiesen. Ich gehe davon aus, dass wir insgesamt 3,2 Terawattstunden (das reicht für den Jahresverbrauch von fast 1 Million Schweizer Haushalte; Anm. der Redaktion) Winterstrom brauchen.

Und das wollen Sie mit Fotovoltaik in den Alpen schaffen? Nicht nur. Es gibt viele Möglichkeiten wie zum Beispiel die Staumauererhöhungen an der Grimsel. So schaffen wir mehr Strom-speicherkapazität für den Winter. Aber ja, es braucht auch hochalpine Fotovoltaikanlagen.

Probleme mit dem Landschaftsschutz sind programmiert. Ja, deswegen starten wir auch mit einer Testanlage auf einer Lawinenverbauung. Bei grossen hochalpinen Anlagen wären die Widerstände gross. Da muss man sehr behutsam vorgehen.

Ist denn die Stromausbeute in den Alpen so viel besser? Ja, das geht bis zu 50 Prozent und darüber. Die beste Anlage liegt auf 2500 Metern über Meer bei Pontresina. Sie liefert 60 Prozent mehr Strom als eine Anlage im Flachland. Bei solchen Werten können Sie sich Spanien sparen – und Sie haben erst noch einen schönen Winterstromanteil.

Das ist also die Lösung: Die Alpen werden mit Solaranlagen verschandelt? So würde ich das nicht formulieren. Nötig sind gezielte Anlagen. Das ist wie bei einem Gewürz.

Sie setzen viel Hoffnung in Solarstrom. Der Berner Energieversorger BKW allerdings überhaupt nicht. Warum? Ich mache mir tatsächlich Sorgen um die BKW. Schlecht ist, dass im Solarbereich ein Markt entsteht, der stark wächst und bald 20 Prozent des Schweizer Stroms abdecken soll. Die BKW aber hat kein Businessmodell dafür und will nicht teilnehmen. Der Stromkonzern muss nochmals über die Bücher.

Sie wollten im Frühling Verwaltungsrat der BKW werden... ...ich wurde von atomkritischen Aktionären angefragt

Sie hätten sich sicher für eine Solarstrategie eingesetzt? Ja, ich finde, die BKW muss sich so positionieren, dass sie im Strommarkt der Zukunft schlagkräftig und ertragsstark ist. Die BKW gehört ja dem Kanton Bern, und deshalb müssen wir Sorge tragen zu diesem Unternehmen.

Bundesrätin Doris Leuthard hat gesagt, die Zeit der Strombarone sei zu Ende. Ist es gewünscht, wenn die BKW schrumpft? Wegen solcher Aussagen bin ich froh, dass ich nicht Verwaltungsrat geworden bin (lacht). Im Ernst, die Aufgabe der BKW ist sehr undankbar.

Warum? Die Chefin eines Schweizer Elektrizitätswerks sagte mir kürzlich: «Wissen Sie, Herr Muntwyler, die BKW gibt es in 30 Jahren sowieso nicht mehr.»

Und das glauben Sie? Ganz auszuschliessen ist es nicht. Ich komme ursprünglich aus der Telecombranche. Da gab es mal Firmen wie Autophon AG oder Hasler AG. Heute sind sie weg, trotzdem telefonieren wir heute günstig in die USA und schieben Daten um die Welt.

Was muss denn die BKW machen, wenn sie im Markt überleben will? Die BKW wartet darauf, dass der Staat kommt, die Rahmenbedingungen vorgibt und sagt, wie der Markt in 30 Jahren aussieht. Das ist, als würde ein Metzger fragen: «Sagen Sie mir, ob die Leute in 30 Jahren noch Würste und Koteletts essen?» Und dann würde er dazu einen Vertrag abschliessen.

Die BKW muss heute die Entscheide für langfristige und hohe Investitionen fällen. Ja, das ist die Krux. Gleichzeitig investieren aber auch die Leute langfristig in die Fotovoltaik. Die Frage ist, wie ein grosser Konzern in einem wandelnden Markt Fuss fassen kann. Denn die kleinen Anbieter graben der BKW das Wasser ab. Ich würde zusätzlich in den Wärmemarkt, die Energieberatung und das Geschäft mit Strom für Elektroautos einsteigen. Da braucht es viel Know-how.

Sie selber haben Ihre Solarfirma 2010 verkauft – also gerade noch rechtzeitig vor der weltweiten Solarkrise. Das hat keinen Zusammenhang. Und aus heutiger Sicht müsste ich sagen: Ich habe die Firma zu früh verkauft. Seit 2010 ist der Solarmarkt sehr stark gewachsen. Und die Atomkatastrophe in Japan hatte ich auch noch nicht auf der Rechnung. Hinzu kommt: Das Geschäft mit den Installationen, wo ich tätig war, läuft weiterhin sehr gut. Aber natürlich spüren auch die Installateure den Preiszerfall für Solaranlagen. Meine frühere Firma zum Beispiel hat 2011 Anlagen mit doppelt so viel Leistung installiert wie 2010 – bei gleich bleibendem Umsatz.

Sie sind selber immer noch Verwaltungsrat und Berater Ihrer früheren Firma. Ich mache praktisch nichts mehr. Und Verwaltungsrat bin ich nur noch auf dem Papier. Ich habe vor, mich ganz zurückzuziehen. Zumal ich ab November auch noch Grossrat werde. Ich will meine Kräfte konzentrieren.

Berner Zeitung

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