Der tiefe Fall der Baselworld

Jahrzehntelang war die Messe ein Muss für die Uhrenbranche. Jetzt kehrt Swatch dem Anlass den Rücken, die Aktie bricht ein. Wie konnte es so weit kommen?

Rund 106'000 Besucher zieht die Baselworld an.

Rund 106'000 Besucher zieht die Baselworld an. Bild: Keystone

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Die Bombe lässt der Konzernchef des weltweit grössten Uhrenkonzerns mit Sitz in Biel im Interview mit der «NZZ am Sonntag» platzen: «Die Swatch Group hat beschlossen, ab 2019 nicht mehr an der Baselworld präsent zu sein», sagte Nick Hayek. Seine Gruppe habe während Jahren mit fast allen 18 Marken – darunter Omega, Breguet, Longines, Tissot und Certina – teilgenommen. «Heute ist jedoch alles transparenter, schnelllebiger und spontaner geworden. Die traditionellen, jährlichen Uhrenmessen sind darum für uns nicht mehr sinnvoll», so Hayek.

Das ist eine überraschende Neuigkeit für die Uhrenindustrie und zugleich ein weiterer Tiefschlag für die Uhren- und Schmuckmesse in Basel. Noch Ende März hatten die Organisatoren mitgeteilt, die Ausgabe für 2019 sei gesichert, da auch die Swatch Group zugesagt habe. Nach Hayeks Aussagen sieht nun alles wieder anders aus. Die Uhrengruppe ist die grösste Teilnehmerin an der Baselworld, Swatch investierte für den glamourösen Auftritt ihrer Marken um die 50 Millionen Franken. Untergebracht waren die mehrstöckigen Stände im Hauptgeschoss der Halle 1, wo sie einen imposanten Teil der Gesamtfläche besetzten.

Bereits an der diesjährigen Ausgabe des Branchentreffs fehlten im Vergleich zu 2017 mehr als 600 Aussteller, darunter die Movado-Gruppe sowie die Marken Hermès, Ulysse Nardin und Girard-Perregaux. Sie haben entweder ihre eigenen Anlässe durchgeführt oder sich dem boomenden Uhrensalon in Genf angeschlossen. Die Baselworld-Organisatorin MCH Group musste Messehallen schliessen und die Uhrenmesse um zwei Tage verkürzen. Die Kantone Zürich, Basel-Stadt und Basel-Landschaft sind zur Hälfte an MCH beteiligt.

Die Anleger reagierten heute prompt. Der Aktienkurs von MCH büsste am frühen Nachmittag im Vergleich zum Freitagabend um 9 Prozent auf 41 Franken ein.

Traditionsreiche Industriemesse

Es ist ein tiefer Fall einer traditionsreichen Industriemesse, die älter als 100 Jahre ist. Im Jahr 1917 fand in Basel die erste Schweizer Mustermesse statt, kurz Muba. Sie war ins Leben gerufen worden, um die einheimische Wirtschaft während des Ersten Weltkriegs zu unterstützen. Von den 831 Schweizer Ausstellern gehörten lediglich 29 zur Gruppe Uhren und Bijouterie. Für ihre weltweite Bedeutung war die Branche damals untervertreten. Anfang der 1910er-Jahre beherrschte die Schweizer Uhrenindustrie mit einem Anteil von knapp 90 Prozent den Weltmarkt deutlich. Inzwischen ist dieser Wert auf 60 Prozent geschrumpft.

Die Messe hat sich durch Veränderung stets dem Marktumfeld angepasst. Zwei Meilensteine seien hier erwähnt: 1973 öffnete sich die Muba europäischen Ausstellern. Elf Jahre später löste sich die Uhrenmesse vollständig von der Muba und positionierte sich als internationaler Anlass. Damit verschaffte sich die Messe einen festen Termin im Ausstellungskalender der Uhrenhersteller. Denn die Marken bringen inzwischen in Basel bis zur Hälfte ihres Jahresumsatzes in trockene Tücher.

Die Gründe für den Abstieg

Was ist also geschehen? Die aktuellen Schwierigkeiten der Baselworld sind Nachwehen der Jahre 2015 und 2016. Damals war die Uhrenindustrie einem schwierigen konjunkturellen Umfeld mit rückläufigen Exporten ausgesetzt. Unbekannte Marken aus dem mittleren und unteren Preissegment konnten sich die hohen Standmieten nicht mehr leisten. Sie blieben deshalb dem Anlass fern.

Verschärft wurden diese Nachwehen durch den steigenden Einfluss des Internets. Soziale Medien wie Twitter und Instagram sind daran, die klassische Form der Industriemesse zu verändern. Früher waren die Branchentreffs ein geeigneter Ort, um einmal pro Jahr konzentriert Neuheiten zu zeigen. Die Aussteller erreichten so nicht nur das Fachpublikum, sondern gleichzeitig auch die internationale Presse. Die Medien berichteten breit über die neuen Produkte. Internetkanäle erlauben es nun, neue Produkte unabhängig von Messeterminen und Medien zu bewerben. Damit sprechen die Hersteller vor allem eine jüngere Zielgruppe an.

Im heutigen Medienzeitalter mit seiner 24-Stunden-Berichterstattung nimmt die Halbwertszeit von Produktneuheiten jedoch schnell ab. Lieber setzen die Hersteller auf eigens einberufene Anlässe statt auf Messen, um die volle Aufmerksamkeit der Fachwelt und Konsumenten zu erhalten. Movado führte kurz vor der Baselworld den mehrtägigen Movado Summit in Davos durch, wo er Händlern die neuen Modelle vorstellte.

Kommen die kleinen und unabhängigen Uhrenmarken zum Handkuss?

Schliesslich reizt das Neue und Unverbrauchte, wie der Uhrensalon in Genf zeigt. Der Salon International de la Haute Horlogerie fristete lange ein Schattendasein. Ursprünglich als Plattform für die regionalen Luxusuhrenmarken des Richemont-Konzerns ins Leben gerufen, öffnete sich der Anlass auch konzernfremden Herstellern. Hermès, Ulysse Nardin und Girard-Perregaux wechselten innerhalb der vergangenen zwei Jahre von Basel nach Genf.

Der Verlust des Ausstellers Swatch gefährdet die Existenz der Baselworld laut dessen Leiter nicht. «Baselworld wird weiterhin existieren – egal, was passiert», sagte Messechef Michel Loris-Melikoff im Interview mit der Westschweizer Zeitung «Le Temps». Es sei zu früh, um über einen möglichen Schneeballeffekt zu spekulieren. Klar ist jedoch, dass sich die Organisatoren Gedanken machen müssen, wie sie die frei werdende Fläche in der Haupthalle 1 nutzen wollen.

Dem Vernehmen nach gibt es folgende Möglichkeiten: Aufkommende Schmuckmarken, welche bisher im Obergeschoss ausstellten, erhalten Platz im Erdgeschoss der Halle 1. Dieselbe Idee liesse sich auch auf aufstrebende Uhrenmarken anwenden. Die japanische Citizen Group mit Marken wie Bulova und Frederique Constant könnte in die Halle 1 zügeln. Ein etwas radikales Gedankenspiel wäre es, die Halle 1 freizugeben für die kleinen und unabhängigen Uhrenmarken.

Hintertüre ist offen für Swatch

Das letzte Wort ist indes noch nicht gesprochen: Messechef Loris-Melikoff will nichts unversucht lassen, den Swatch-Group-Chef noch umzustimmen und zu halten. Hayek trat heute solchen Hoffnungen zwar entgegen. Aber: Der 63-Jährige hatte bereits im Jahr 2013 mit dem Austritt des von der Swatch Group dominierten Verbands der Uhrenindustrie aus dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse gedroht. Es blieb bei der Kampfansage. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2018, 16:36 Uhr

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