Der grosse Ärger der Bahnfahrer

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Bussen, Automaten und Zonentickets: Aus Kundensicht läuft im öffentlichen Verkehr derzeit vieles schief. Die Kundenorganisation Pro Bahn fordert in einer Resolution an den Bundesrat, Bahnkunden nicht im Voraus als Kriminelle zu betrachten.

Erklärt die komplizierten Automaten: Pro-Bahn-Präsident Kurt Schreiber.

Zugbegleiter sind derzeit nicht zu beneiden: Sie sind die Blitzableiter, an denen viele Bahnfahrer ihren Ärger ablassen. Auslöser sind die mangelnde Kulanz bei der Billettpflicht, die neuen Zonentickets und die Automaten, für die es laut Pro-Bahn-Präsident Kurt Schreiber einen Universitätsabschluss braucht.

Pro Bahn weiss, was die Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs beschäftigt: Sie hat kürzlich eine Resolution zuhanden von Verkehrsministerin Doris Leuthard verabschiedet. Der Bund als Mehrheitsaktionär soll dafür sorgen, dass die SBB Augenmass anwenden und Kunden nicht im Voraus als Kriminelle betrachten.

Zufriedenheit im öffentlichen Verkehr nimmt ab

Aus der Resolution: «In letzter Zeit haben sich die Beschwerden über die Behandlung von Bahnreisenden gehäuft, die über keine oder über eine nicht gültige Fahrkarte verfügten, sei dies wegen eines defekten Billettautomaten, wegen Problemen bei der Übermittlung der Daten aufs Handy oder wegen eines Interpretationsfehlers beim Lösen am Automaten oder am Schalter. Bei all diesen Fällen handelt es sich nicht um das Erschleichen von Leistungen, sondern um technische Mängel bei der Infrastruktur der SBB oder Versehen, die im täglichen Leben vorkommen.»

Tatsächlich nimmt die Zufriedenheit im öffentlichen Verkehr ab. Einige Beispiele, zusammengetragen vom TA:

Halbtax-Besitzer A. löst abends ein Billett Frauenfeld–Zürich retour, das seit dem Zusammenschluss der Verbünde zum Z-Pass auch Zone 10 in Zürich umfasst. Weil A. oft im Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) unterwegs ist, geht er davon aus, dass das Billett 24 Stunden gültig ist – wie im ZVV üblich. Nach dem Ausgang nimmt A. morgens die erste S-Bahn zurück, wird aber mit 90 Franken plus Billettpreis gebüsst: Grund: Der Z-Pass ist nur am Kalendertag gültig.

ZVV-Sprecher Thomas Kellenberger bestätigt, dass Fahrausweise des Z-Passes nur einen Kalendertag lang gültig sind. Die ZVV-Regelung mit Tageskarten, die 24 Stunden gültig sind, stelle eine Ausnahme dar. «Die Tageskarten aller anderen beteiligten Verbünde sind jeweils nur bis um 5 Uhr des Folgetags gültig.»

Halbtax-Besitzerin B. wohnt in Killwangen AG. Sie arbeitet Teilzeit in Zürich und hat eine Mehrfahrtenkarte von Killwangen nach Zürich. Seit dem Zusammenschluss der Aargauer A-Welle mit dem ZVV zahlt sie für die Strecke 80 Prozent mehr. Grund: Sie darf Tram, Bus und Schiff benutzen. Dass ihr das nichts nützt, weil sie eine Minute vom Bahnhof wohnt und in Zürich beim HB arbeitet, spielt keine Rolle. Am SBB-Schalter sagte man ihr, sie könne dafür in Dietikon aussteigen und mit dem Bus nach Spreitenbach ins Shoppi zum Einkaufen fahren.

Der ZVV bestätigt, dass der Streckentarif für Fahrten über die Verbundgrenzen hinweg durch den Zonentarif abgelöst wurde. «Fahrgäste, die nur von Bahnhof zu Bahnhof fahren, ohne die zusätzlichen Leistungen von Bus und Tram etc. in Anspruch zu nehmen, bezahlen systembedingt mehr als früher.» Kurze Fahrten über eine Zonengrenze hinweg werden prozentual deutlich teurer als Fahrten zwischen zwei entfernt liegenden Punkten in zwei Zonen. «Für viele wird die Benutzung des öffentlichen Verkehrs über die Verbundgrenzen hinweg aber bis zu 30 Prozent günstiger.»

Die Halbtax-Besitzer C. und D. sind ebenfalls Opfer der neuen Zonenpolitik. C. wohnt in Effretikon ZH und besucht ab und an eine Freundin in Muri AG. Bisher kostete die Fahrt über Lenzburg um die 20 Franken. Seitdem es den Z-Pass gibt, sind es plötzlich gegen 30 Franken. Auch C. darf eine ganze Reihe von Bussen benutzen – nur braucht er keinen davon. Ähnlich ergeht es D., der in Zürich wohnt und ab und zu seinen Sohn in Einsiedeln besucht. 25 Prozent mehr zahlt er für die Strecke und könnte theoretisch eine ganze Reihe von Bussen rund um Einsiedeln sowie Tram, Bus und Schiff in Zürich benutzen. Dafür ist das Ticket nur am Kalendertag gültig.

Halbtax-Besitzer E.wohnt in Schaffhausen. Will er nach Zürich, muss er sich neu jeweils entscheiden, ob er über Winterthur oder Eglisau/Bülach fahren will. Früher löste er ein Retourbillett und konnte fahren, wie er wollte. Um flexibel zu sein, löst E. heute immer eine Tageskarte, die beide Optionen erlaubt, zahlt dafür aber rund 40 Prozent mehr.

Der ZVV bestätigt den Sachverhalt. Auch E. könne dafür aber Tram, Bus und Schiff in der Stadt Zürich nutzen.

Halbtax-Besitzer F. will mit dem Zug von Zürich HB nach Aarau. Dafür ein Billett zu lösen, war früher kein Problem. Heute fragt der Automat, ob man via Heitersberg oder Baden fahren will und bietet als Drittes «Alle Routen» an. (Zu anderen Zielen gibt es noch die Alternative PAG. Das steht für Postauto, nur weiss das niemand.) Zurück zu F.: Er entscheidet sich in der Verzweiflung für die dritte Variante, da er ja nicht weiss, wo sein Zug durchfährt. Natürlich zahlt er damit den Höchstpreis. F. ärgert sich: «Wenn ich als Zürcher schon nicht weiss, welche Variante ich wählen soll, wie soll erst ein Ausländer klarkommen? Mit der gezielten Verwirrung der Kunden lässt sich aber trefflich Geld verdienen.»

Beim ZVV ist die Thematik der vielen Alternativrouten beim Ticketkauf am Automaten erkannt. «An einer einfacheren Lösung wird intensiv gearbeitet.» Am neuen System würde sich aber kein Verkehrsunternehmen bereichern; die Z-Pass-Preise seien nach dem Grundsatz der Ertragsneutralität berechnet.

Auch Ältere sind überfordert: Halbtax-Besitzerin G. ist 80, wohnt in Koblenz AG und will mit ihrem betagten Mann nach Winterthur. Sie weiss, wie schwierig die Automaten zu bedienen sind, und geht zwei Stunden vor Abfahrt an den Bahnhof, um die Billette zu lösen. Als sie im Zug sitzt, realisiert G., dass die Tickets nur zwei Stunden gültig sind. Beim Umsteigen in Bülach will sie an den Schalter, trifft dort aber auf eine Schlange. Da ihr Mann schon umgestiegen ist und die Zeit drängt, geht G. zum Automaten und löst zwei Tickets, die 8.40 Franken kosten. Sie zahlt mit einer 50-Franken-Note, der Automat gibt aber nur Rückgeld bis 20 Franken. G. ist ein Leben lang Zug gefahren, doch auch mit 80 werden sie und ihr Mann das nächste Mal das Auto nehmen.

Laut ZVV dürften Automaten keine 50er-Noten schlucken, wenn nicht genügend Rückgeld vorhanden ist. Der ZVV entschuldigt sich für den Vorfall und bittet die Kundin, sich an das Kundencenter ZVV-Contact zu wenden.

Halbtax-Besitzer H. steigt kurz vor Abfahrt in Zürich ein, ohne seine Mehrfahrtenkarte entwertet zu haben. Wegen der vielen Baustellen hatte H. in der Eile keinen Automaten gefunden, sonst hätte er den Zug verpasst. Seine Mehrfahrtenkarte entwertet H. von Hand mit Eintrag von Datum, Uhrzeit und Abfahrtsort. Die Entwertung war die erste von Hand, in den Wochen zuvor hatte H. die Karte fünfmal am Automaten entwertet, was zeigt, dass H. kein routinierter Schwarzfahrer ist. Der Zugbegleiter büsst ihn wegen «Fahrens ohne Transportschein» dennoch mit 90 Franken. Zudem musste SBB-Kunde H. (nochmals) den Preis der einfachen Fahrt nach Bern bezahlen.

Die SBB sieht sich im Recht: Auf der Rückseite der Mehrfahrtenkarte stehe ausdrücklich, dass die Entwertung am Automaten erfolgen soll. Kulanz kommt laut Sprecher Stephan Wehrle nur in begründeten Ausnahmefällen zum Zug, etwa wenn alle Entwertungsmaschinen eines Bahnhofs defekt sind und sich der Reisende gleich nach dem Einstieg an das Zugpersonal wendet. Die Pflicht zum Entwerten am Automaten sei «nicht formalistisch», denn «eine Entwertung von Hand führt erfahrungsgemäss zu erheblich mehr Missbrauch», so Wehrle. Manche Reisende machten den Eintrag erst, wenn der Zugbegleiter kommt.

Halbtax-Besitzer I. löst in Bern am Automaten ein Billett nach Lausanne, vergisst es in der Hitze der Eile aber im Ausgabefach. Im Zug dann die Kontrolle. I. sagt dem Zugbegleiter, er schwöre, das Billett gelöst zu haben, es stecke wohl noch im Automaten. I. ist klar: Solche Storys hören Kontrolleure jeden Tag. Also: Billett lösen plus 90 Franken. Später druckt er den Bankbeleg aus, der zeigt, dass er das Billett gekauft hatte, und wendet sich ans Inkassocenter der SBB. Doch dort hat man kein Musikgehör: «Der Beleg zeigt uns nur, dass Sie das Billett gekauft haben. Wir wissen nicht, ob Sie das Billett vielleicht Ihrer Frau gaben.» B. beschwert sich mündlich, worauf ihm immerhin das zweite Billett erlassen wird.


Mitarbeit: Andreas Valda

Tages-Anzeiger

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