Der Walliser Kassenkönig

Pierre-Marcel Revaz, der umstrittene Chef der Groupe Mutuel ist zurückgetreten. Freiwillig?

«Die Zahlen sprechen für sich»: Pierre-Marce Revaz, der umstrittene Chef der Groupe Mutuel. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

«Die Zahlen sprechen für sich»: Pierre-Marce Revaz, der umstrittene Chef der Groupe Mutuel. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

«Die Zahlen sprechen für sich», sagte Pierre-Marcel Revaz einmal über seinen Erfolg. Also die Zahlen zuerst: Seit der Gründung der Groupe Mutuel im Jahr 1993 hat sich die Zahl der Mitarbeiter unter Revaz’ Leitung beinahe versiebenfacht (auf heute 2000). Die Anzahl der Versicherten hat sich verachtfacht (auf heute 1,4 Millionen) und der Umsatz verzwölffacht (auf 4,6 Milliarden Franken im letzten Jahr). Eine beeindruckende Bilanz für Revaz, der soeben seinen Rücktritt aus dem Vereinsvorstand und dem Verwaltungsrat bekannt gegeben hat. Nach 33 ­Jahren an der Spitze des Unter­nehmens. Doch die Zahlen erzählen nur eine Seite der Geschichte.

Revaz – Sohn eines Transportunternehmers – wuchs in Martigny auf, studierte in Genf Wirtschaft und kam 1981 zur kleinen Mutuelle Valaisanne. Zwölf Jahre später entstand die Groupe Mutuel, ein undurchsichtiges Konglomerat aus mehreren Kranken­versicherern. Der Vorteil: Revaz konnte im Gegensatz zu anderen Kassen unterschiedliche Prämien anbieten. Und mit Rabatten und Senkungen viele der begehrten jungen und gesunden Kunden gewinnen.

Die älteren Kunden brüskierte er derweil mit dem Vorschlag, sie sollten höhere Prämien bezahlen, da sie mehr Kosten verursachten. Mit dem gesparten Geld könne man gezielt Senioren unterstützen «die es wirklich nötig haben». Er stelle die Generationen­solidarität infrage, sagten Kritiker. Er habe «eine Vorliebe für ideologische Provokationen», schrieb die Groupe Mutuel. Das liege an seiner Herkunft.

Die brachte Revaz immer wieder den Vorwurf der Vetternwirtschaft ein. Grund ist sein Walliser Freund Pascal Couchepin – ehemaliger Gesundheitsminister, ehemaliges Mitglied des Groupe-Mutuel-Verwaltungsrats und wie Revaz ein Sohn Martignys. Unter der Fragestellung «Wie wird man ein Leader?» schrieb Couchepin einmal über Revaz: «Er war der Motor, der die traditionsreichen aber verstaubten Krankenkassen veränderte.» 2005 untersuchte eine Kommission, ob die Groupe Mutuel durch Couchepins Politik privilegiert worden war. Der Verdacht bestätigte sich nicht.

Kreuzfahrt für 1300 Mitarbeitende

Die Kasse blieb in den Schlagzeilen. Etwa im Sommer 2012, als die Groupe Mutuel 1300 Mitarbeitenden eine Mittelmeer-Kreuzfahrt für 2 Millionen Franken spendierte. Oder als diesen Sommer auf Druck der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) herauskam, dass 24'000 Versicherte jahrelang zu tiefe oder zu hohe Prämien bezahlt hatten. Revaz nimmt zu solchen Affären selten Stellung. Auch jetzt, nach seinem Rücktritt, über­nehmen dies die Sprecher. Die Finma untersucht derzeit, ob Revaz neben seinen Ämtern im Verwaltungsrat und im Vereinsvorstand auch die operativen Geschäfte der Kasse geleitet und damit gegen die Auflagen verstossen hat. Ein freiwilliger Rücktritt scheint es also nicht zu sein. Ein Sprecher formulierte es gegenüber der «Aargauer Zeitung» so: «Neben dem gewollten Generationenwechsel haben wir anlässlich der Finma-Untersuchung beschlossen, die Führungsstruktur zu erneuern.»

Revaz bleibt Präsident mehrerer Groupe-Mutuel-Stiftungen. Seine Tochter bleibt Leiterin des Rechtsdienstes, sein Sohn Leiter des Marketings der Gruppe.

«Zahlen sprechen für sich», sagte Pierre-Marcel Revaz. Eine hat er immer für sich behalten: sein Gehalt.

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