Der Traum vom E-Franken

Der Schweizer Jean-François Groff bietet mit seiner Bezahl-App Google, Swisscom und Apple die Stirn. Groffs Vergangenheit könnte bedeutender kaum sein: Er hat das WWW mitentwickelt.

Jean-François Groff will digitales Geld günstig machen: «90 Prozent der Transaktionsgebühren sind überflüssig.» Foto: Sabina Bobst

Jean-François Groff will digitales Geld günstig machen: «90 Prozent der Transaktionsgebühren sind überflüssig.» Foto: Sabina Bobst

Simon Schmid@schmid_simon

WWW, HTML, URL. Diese Kürzel sind heute Allgemeingut. Vor gut 20 Jahren waren sie nur einer Handvoll von Tüftlern geläufig.

Einer von ihnen ist Jean-François Groff. Der Schweizer mit französischen Wurzeln ist ein Internetpionier der ersten Stunde. In der Gruppe seines Büronachbarn, dem Briten Tim Berners-Lee, der als Erfinder des World Wide Web gilt, programmierte der Telecomingenieur in den frühen 90er-Jahren am Genfer Kernforschungszentrum Cern jene Computerprotokolle, welche die Lebenswelt von Milliarden Menschen revo­lutionieren sollten. «Wir hatten das Ziel, einen universellen Softwarestandard zu schreiben», erinnert sich Groff, «damit das Abrufen von Text- und Bildmaterial auf fremden Computern so einfach wie möglich wird.»

Einfachheit und Universalität sind auch die Leitlinien von Groffs neuem Projekt, dem er sich seit fünf Jahren ­widmet: dem mobilen Bezahlen. «Jetzt schaffen wir ein neues Geldprotokoll», sagt der 46-Jährige.

Den Grundstein dazu hat Groff mit der Software Mobino gelegt, einem Bezahl­system für Android- und Apple-Handys, das von Privatpersonen und Detail­händlern genutzt werden kann. 6000 Nutzer sind schweizweit registriert, auch eine App für die Smartwatch gibt es schon.

Nutzer können sich bei Mobino mit der Handynummer registrieren, bezahlt wird mit einer Geheimzahl. Angebunden ans Bankkonto wird die Software über die IBAN-Nummer, via Lastschriftverfahren lässt sich das Portemonnaie mit Geld füttern. Rücktransfers aufs Bankkonto sind für Private auf dem Papierweg möglich, in Geschäften läuft dies automatisch. Beim Zahlen im Shop kommen zusätzlich sogenannte Beacons zum Einsatz: auf dem Bluetooth-Standard basierende Mini-Funksender.

Die Software konkurrenziert unter anderem die Swisscom mit ihrem mobilen Portemonnaie Tapit. Groffs Kritik daran lautet, dass es zu viele Parteien an einer Zahlung beteiligt. «Wozu braucht es beim E-Geld die Telecomfirmen?», fragt er. «Wozu braucht es die Plastik­karten der Kreditkartenfirmen?» Groff findet es merkwürdig, dass Innovationen wie Apple Pay (die kürzlich lancierte Bezahllösung fürs iPhone) noch immer auf Mastercard, Visa oder American Express zurückgreifen: Systeme, deren Ursprung fünfzig Jahre zurückliegt und die relativ kostspielig sind.

Der Traum vom E-Franken

«90 Prozent der Transaktionsgebühren sind überflüssig», sagt Groff und geht sogar noch einen Schritt weiter. Digitale Geldtransaktionen müssten irgendwann «too cheap to meter» sein: zu billig, als dass es sich lohnen würde, ihren Preis zu messen. Als Vergleich führt Groff den Datentransfer übers Kabel an, bei dem sich heute kein Internetprovider mehr die Mühe macht, einzelne Megabytes zu verrechnen.

Bei Groffs eigener App sind Transaktionen zwischen zwei Privatpersonen gratis. Wenn Händler das System ein­setzen – etwa in Shops wie der Zürcher ­Bäckerei s Brötli, wo Mobino akzeptiert wird –, zahlen sie vorläufig 1 Prozent Kommission. Lösungen wie Tapit, die mittels Kreditkarten funktionieren, verrechnen 2 bis 3 Prozent.

Der Idealfall wäre laut Groff, wenn Länder wie die Schweiz dereinst eine ­eigene, günstige, elektronische Alternative zu ihrer Währung schaffen würden – eine Art standardisierten E-Franken, der analog zum Papiergeld von einer Behörde wie der Schweizerischen Nationalbank bereitgestellt würde.

Die Reaktion eines SNB-Sprechers zeigt, dass dies vorerst noch Zukunftsmusik ist. Solche Pläne seien bei den Frankenhütern noch nie debattiert worden, sagt er. Thomas Jordan und seine Kollegen im SNB-Direktorium dürften mit dem Thema früher oder später aber ohnehin konfrontiert werden. Spätestens dann, wenn in der haus­eigenen Kantine ein mobiles Bezahl­system installiert wird. Diese wird von der SV Group geführt. Die Kantinen­betreiberin, die jährlich 37 Millionen Mahlzeiten serviert, rüstet derzeit ausgesuchte Restaurants auf. Die entsprechende App ist in den Stores bereits verfügbar – sie gleicht Mobino fast aufs Haar, statt Orange dominiert die Farbe Rot. Das ist kein Zufall: Wer bereits Mobino installiert hat, wird die SV-App nicht brauchen. Im Hintergrund greifen beide Programme auf dasselbe System zu.

Programmierer mit Vision

Whitelabeling nennt sich diese Strategie, bei der dieselbe Software in unterschiedlichem Kleid und von verschiedenen Partnern angeboten wird. Sie soll Mobino zu Wachstum verhelfen. Ein Treiber dabei dürfte Postfinance sein. Sie fungiert unter anderem als Depotbank und arbeitet über die neue Tochter Monexio selbst an einer Wallet. Die Applikation werde mit Mobino kompatibel sein, sagt Groff. Einen Deal strebt er auch mit den SBB an, die gerade mögliche Partner für ein Bahnhofshoppingsystem evaluieren. Eine Lösung, die seine Software mit einbezieht, sei gut im Rennen, so Groff.

Der Internetpionier hat sich eine interessante Position im Kampf ums mobile Portemonnaie erarbeitet. «Mobino ist bereits jetzt profitabel», sagt er. Aus dem Programmierer, der einst nächtelang vor dem Bildschirm sass, ist ein Geschäftsmann geworden. Dass er mit Mobino Geld verdient und als Internetvisionär gleichzeitig einen billigen, universalen Standard fordert, ist für Groff kein Widerspruch. Er verweist auf die Open-Source-Kultur und das System Linux, das von Distributoren wie Red Hat auch kommerziell verwertet wird. «Proprietäre Systeme haben auf die Dauer keine Chance», sagt Groff, der seit seiner Zeit im Cern als Consultant gearbeitet und an diversen Projekten beteiligt war, darunter die Spotify-ähnliche Website official.fm. Heute beschäftigt er zwölf Mitarbeiter, davon drei in Zürich, drei in Genf, mehrere in Lausanne, Basel und Bern.

Es ist ein kleiner und versprengter Kreis von Leuten, denen Mobino heute ein Begriff ist. Jean-François Groff träumt davon, dass der Name dereinst so bekannt ist wie Visa oder Mastercard. Oder Linux, HTML, WWW.

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