Der Kampf ums digitale Portemonnaie

Google, Barclays, Mastercard, Apple: Grosskonzerne aus aller Welt wollen am Bezahlen mit dem Handy mitverdienen. Was jetzt auf die Schweizer Konsumenten zukommt.

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Simon Schmid@schmid_simon

Der Kampf ums digitale Portemonnaie ist eröffnet. Nicht durch eine Grossbank wie die UBS oder einen IT-Riesen wie Apple, sondern durch einen kleineren Konkurrenten: Manor bietet als erster Detailhändler der Schweiz eine Lösung für das Bezahlen mit dem Mobiltelefon an. Damit führt das Warenhaus nicht nur eine längst überfällige Neuerung ein, sondern schlägt der Konkurrenz von Coop und Migros auch ein Schnippchen. Dort wird die mobile Bezahlung von Müesliflocken, Handtaschen oder Staubsaugern frühestens 2014 eingeführt. Die Grossverteiler werkeln noch am System, das in Zusammenarbeit mit der Swisscom entstehen und über eine App namens Tapit laufen soll.

Tapit vs. Manor Mobile Card App – die Konstellation widerspiegelt im Lokalen, welche Auseinandersetzung derzeit global ums mobile Bezahlen stattfindet. Der Markt ist Milliarden schwer: Allein in Europa sollen im Jahr 2020 etwa zwanzig Milliarden Euro an Erträgen aus elektronischen Geldbörsen und Smartphone-Lösungen anfallen, schätzt das Beratungsunternehmen A. T. Kearney. «Wer dann noch im bargeldlosen Zahlungsverkehr mitspielen will, muss heute schon investieren», schreibt Steria Mummert Consulting, eine weitere Beratungsfirma. Ihrer Umfrage zufolge glaubt die Hälfte aller Bankmanager in Deutschland, dass die EC-Karte binnen sieben Jahren das Nachsehen gegenüber dem Handy haben wird.

Krieg der Technologien

Die Schätzungen sind nicht aus der Luft gegriffen. In den USA wird schon länger an mobilen Bezahlsystemen gepröbelt: Google Wallet ist seit Herbst 2011 auf dem Markt und seit kurzem auch eingeschränkt fürs iPhone erhältlich. Die App dient als Speicher für Kundenkarten und für Gutscheine. Wer dem Programm zudem seine Kreditkarten- oder Bankverbindungsdaten anvertraut, kann mit der Wallet auch mobil Geld überweisen oder Waren einkaufen. Dazu wird das Handy aus 10 bis 20 Zentimeter Entfernung kurz an einen Scanner gehalten. Partnerläden wie Subway oder Foot Locker haben ihre Läden in den USA bereits mit den NFC-Terminals ausgerüstet, welche diese drahtlose Kommunikation ermöglichen (siehe Box).

Mittlerweile sind die meisten Geräte NFC-fähig – ausser den iPhones. Der Kampf ums digitale Portemonnaie ist auch ein Wettbewerb der Technologien. Während Apple mit seiner «Passbook»-App auf so genannte QR-Barcodes setzt, die übers Handy eingescannt werden können, baut Google auf den Funkstandard NFC. Auf dieselbe, mit einigem Ausrüstungsaufwand verbundene Technologie setzt auch die Swisscom. Dort laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, damit die Technik bei der Einführung von «Tapit» nicht versagt. «Es darf keine Pannen geben», sagt Swisscom-Sprecher Carsten Roetz, «damit das Kauferlebnis des Kunden stimmt». Mit an Bord des Projekts Tapit sind auch Kreditkartenfirmen, wie Roetz sagt.

Mit der Lizenz zum Banking

Das Beispiel Tapit veranschaulicht eine weitere Besonderheit des Wettbewerbs: Die Allianzen sind entscheidend. «Strategische Kooperationen sind unabdingbar», sagt Thomas Dapp, der als Spezialist für digitale Ökonomie bei der Deutschen Bank arbeitet und mit seinen Analysen intern Staub aufwirbelt. Banken gelten als wenig innovativ: Statt als Nachzügler unterzugehen, sollen sie sich lieber nach Partnern in der Welt des mobilen Zahlungsverkehrs umsehen, meint Dapp. Wie solche Allianzen aussehen können, zeigt etwa die Kreditkartenfirma Mastercard mit dem System «Paypass». Dieses basiert auf der NFC-Technologie und nutzt entweder einen Chip auf der Kreditkarte selbst oder alternativ eine Smartphone-App zum mobilen Bezahlen.

«Unternehmen wie Mastercard arbeiten seit fünfzig Jahren an ihrer Infrastruktur», sagt Dapp. Er schätzt, dass die Kreditkartenfirmen künftig ein grösseres Stück vom Mobile-Bezahlkuchen für sich beanspruchen können. Langfristig bleibt die These aber unsicher. Google verfügt in Europa bereits über eine Bankenlizenz, die das Abwickeln von Zahlungen erlaubt; auch der volle Einstieg ins Bankenbusiness ist eine Option. Durch den Markteintritt von Google würden bestehende Banken gleich doppelt verlieren: Erstens in Form von verminderten Transaktionserträgen bei mobilen Zahlungen und zweitens durch den Verlust an Kundeneinlagen. «Die Zahlungslösung wird zunehmend zum Anker der Kundenbeziehung», schreibt die Consultingfirma A.T. Kearney passend dazu.

Das Tüfteln geht weiter

Halte den Nutzer innerhalb deines Ökosystems, könnte man auch sagen. Die Retailer haben den Merksatz verinnerlicht. Die Strategie der «Walled Gardens» wird von Firmen wie Apple, Google oder Amazon prominent verfolgt. Auch Manor setzt im kleineren Massstab auf das Prinzip. Die mobile Manor-Bezahlapplikation ist auch eine Form der Beziehungspflege: Über die App werden Kunden mit Spezialangeboten versorgt, es gibt Willkommensrabatte und Gutscheine bei Partnern wie Athleticum. Wer einmal bei Manor mobil bezahlt hat, wird auch künftig bei Manor mobil bezahlen, lautet die Hoffnung. Interessant an der Lösung ist der weitgehende Verzicht auf neue Technologien und auf Allianzen mit den «Grossen».

So funktioniert die Manor-App mit einem simplen Barcode, der auch während eines Funklochs generiert werden kann. Bereitstellerin ist die Brüttiseller Firma Accarda, die auch für die Kundenkarten für Jumbo und Mediamarkt verantwortlich ist. Dort sieht man das mobile Bezahlen nicht als Glaubenskrieg. «Wichtig ist, dass jetzt einmal eine Lösung auf dem Markt ist», sagt der Marketingchef von Accarda, András Puskás. Womit der Bogen zurück zur Ausgangslage: Alle sind sich einig, dass mit mobilen Bezahllösungen viel verdient werden kann, doch der grosse Wurf gelang noch keinem. Auch Thomas Dapp kennt den Ausgang des Systemkampfes noch nicht. «Noch keine Technologie ist wirklich robust», sagt er.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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