Das Andermatt-Projekt hängt an Sawiris’ privatem Tropf

Der ägyptische Milliardär Samih Sawiris sichert die Bauarbeiten am Urner Tourismus-Resort mit einem Privatkredit. 125 Millionen Franken aus der eigene Tasche steckt er in das Projekt. Das wirft Fragen auf.

Der Bauherr vor Ort: Samih Sawiris besucht im Sommer eine Baustelle des Luxus-Resorts.

Der Bauherr vor Ort: Samih Sawiris besucht im Sommer eine Baustelle des Luxus-Resorts.

(Bild: Keystone)

René Staubli

Das Communiqué der Orascom Holding von Anfang Woche klang wie eine frohe Botschaft. Die Gesellschaft liess verlauten, Samih Sawiris habe ihr aus seiner privaten Schatulle einen günstigen Kredit in Höhe von 125 Millionen Franken gegeben und damit «die Finanzierung der gesamten Aktivitäten der Gruppe 2012 sichergestellt». Falls nötig, werde der ägyptische Milliardär und Orascom-Mehrheitsaktionär weitere private Mittel einschiessen, um auch das Investitionsprogramm 2013 zu finanzieren.

Man stelle sich vor, eine Firma wie Roche würde bekannt gegeben, sie könne ihre Geschäfte dank einem Privatkredit der Familie Hoffmann-Oeri zumindest bis 2013 weiterführen; die Irritation wäre gross.

Einfluss von Ägyptens Wirren

Mit kritischem Blick kann man die Mitteilung von Orascom auch so lesen: Ohne Sawiris’ private Geldspritze würde der Touristikkonzern in einen Liquiditätsengpass geraten. Das hätte nicht nur Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit in Ägypten, Jordanien, Marokko, Montenegro, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten, sondern auch auf das 1,8-Milliarden-Franken-Tourismusprojekt in Andermatt. Dieses wird von der Orascom-Tochtergesellschaft Andermatt Swiss Alps (ASA) realisiert.

Orascom leidet unter den anhaltenden politischen Wirren im Hauptmarkt in Ägypten, wo mit Freizeitstädten bislang 75 Prozent der Jahreseinnahmen und mehr erwirtschaftet wurden. Weil seit der Revolution viele Touristen und Hauskäufer ausgeblieben und die Erträge deshalb eingebrochen sind, hat Orascom die Geschäftspläne drastisch revidiert: Statt 271 Millionen Franken wurden im letzten Jahr weltweit nur 171 Millionen investiert. In diesem Jahr werden es statt 339 Millionen nur 188 sein.

Von diesen 188 Millionen Franken sollen laut Orascom 135 Millionen oder 72 Prozent nach Andermatt fliessen. Das Resort in Andermatt wird also zum wichtigsten Projekt von Orascom, während sich der Konzern im Mittleren Osten, was die Investitionen anbelangt, in eine Art Winterschlaf versetzt: 2000 bis 3000 Arbeiter verlieren in Ägypten ihren Job, weil dort die Bautätigkeit praktisch eingestellt wird.

Ein Problem wie am Nil

Laut Orascom-Chef Gerhard Niesslein ist Sawiris mit privaten Mitteln eingesprungen, weil die Banken bei den Kreditvergaben immer restriktiver werden. Auch wenn das Projekt damit gesichert ist, stellt sich im Reusstal dasselbe Problem wie am Nil: Es fliesst deutlich mehr Geld ab, als hereinkommt.

Dieser Cashdrain war zwar immer so geplant. Zum Problem könnte indessen die anhaltende Verkettung unglücklicher Umstände werden: Die Unruhen in Ägypten lassen die Finanzkraft der Muttergesellschaft Orascom erodieren, die Schuldenkrise erschwert die Finanzierung grosser Bauprojekte mit Fremdkapital, dem europäischen Raum wird eine Rezession vorhergesagt, und der Verkaufserfolg in Andermatt bleibt unter den Erwartungen. Sawiris selber räumte kürzlich ein, man habe das gesteckte Ziel von 120 Millionen Franken Umsatz im abgelaufenen Jahr verpasst.

Vorfinanzierungen und Vorinvestitionen

Bis Ende 2012 werden nach TA-Berechnungen maximal 130 Millionen Franken in die Kasse der ASA geflossen sein, während sich die Ausgaben bis dahin auf 320 Millionen Franken belaufen, was ASA-Geschäftsführer Gérard Jenni bestätigt. Der Cashdrain ergibt sich zwingend durch die Verkaufsmodalitäten. Wer eine Wohnung reserviert, leistet nur eine Anzahlung von 2,5 Prozent. Wer den Kaufvertrag unterschreibt, zahlt bis zu 25 Prozent. Der Grossteil der Kaufsumme wird erst bei der Schlüsselübergabe fällig. Die ASA muss die Bauten also weitgehend vorfinanzieren.

Kommt dazu, dass die Verträge mit Andermatt und Uri die ASA zu umfangreichen Vorinvestitionen zwingen. Nebst dem Luxushotel The Chedi muss sie den Golfplatz mit dem Klubhaus bauen, das Kongresshotel Radisson Blu, das Sportzentrum mit dem öffentlichen Hallenbad sowie Strassenanbindungen und den Hochwasserschutz. Sie muss ausserdem ein Drittel der 80 Millionen Franken teuren Tiefgarage für 700 Fahrzeuge betonieren, auf deren Deckel Neu-Andermatt zu liegen kommen soll (siehe Grafik). Erst dann kann sie die geplanten 42 Mehrfamilienhäuser mit 490 Appartements nach und nach hochziehen. Der damalige Gemeindepräsident Karl Poletti sagte vor Jahresfrist zum TA: «Selbst wenn Neu-Andermatt nur teilweise gebaut würde, hätten wir keine Nachteile.»

The Chedi: Die Geldquelle

Weil bei den Vorarbeiten viele Millionen abfliessen, kommt der raschen Fertigstellung und dem Verkauf der 120 Eigentumswohnungen im Chedi-Komplex grosse Bedeutung zu. Denn aus dieser Quelle sprudeln die ersten grossen Erträge. Gegenüber der «Handelszeitung» hatte Sawiris kürzlich gesagt, die ASA habe bereits 50 Chedi-Appartements verkauft. Niesslein und Jenni relativierten gestern: Die 50 Einheiten seien «entweder verkauft oder reserviert».

Im selben Interview sagte Sawiris auch, er überlege sich, die verbleibenden 70 Chedi-Appartements in einen Investmentfonds einzubringen. Dieser könnte die Wohnungen zu Vorzugskonditionen erwerben, um sie in den nächsten Jahren zu höheren Preisen zu verkaufen. Niesslein bestätigt, dass es sich dabei um eine Massnahme zur schnellen Beschaffung flüssiger Mittel handelt. Oder wie Patrick Hasenböhler, Finanzanalyst und Orascom-Experte bei der Bank Sarasin, es ausdrückt: «Der Zweck besteht darin, schon heute Geld einzunehmen für Appartements, die erst morgen verkauft werden können.»

In der Warteschlaufe

Vor Jahresfrist hatte Sawiris gesagt, das Projekt rechne sich bereits, wenn es gelinge, nebst dem Chedi-Komplex, dem Golfplatz, dem Kongresshotel und dem Sportzentrum «6 bis 7 Häuser mit rund 100 Wohnungen und 4 bis 5 Villen zu verkaufen». Wie viele Einheiten bisher reserviert und wie viele tatsächlich verkauft worden sind, lässt sich nicht verifizieren. Die ASA bezifferte die Verkäufe (inklusive Chedi) per Mitte 2011 auf 115 Millionen Franken. Am 14. Februar werden die neusten Zahlen publiziert.

Nach dem Rohbau des Chedi, dem Hochwasserschutz, Strassen und der Tiefgarage will die ASA in diesem Jahr das Radisson-Hotel, das Sportzentrum, eine Villa und das Golf-Klubhaus in Angriff nehmen. Allerdings liegt – ausser für die Villa – noch keine einzige Baubewilligung vor, wie Jenni bestätigt. Man erwarte das O. K. der Behörden im ersten Quartal. Gemeindepräsident Roger Nager spricht von gewissen Verzögerungen: «Eine durch wirtschaftliche Einflüsse entschleunigte Situation hat einige der Projekte in die Warteschlaufe gelegt, und dies ist uns als Gemeinde nur recht – es gibt uns mehr Zeit, die Prozesse in uns wachsen zu lassen.» Bei einigen Baueingaben brauche es «weitere Abklärungen».

In Ägypten wie in Andermatt verfolgt Orascom dasselbe Geschäftsmodell: Man setzt bei der Entwicklung der Resorts auf steigende Preise, um dann die Erträge in neue Bauten zu investieren. Das funktioniert bei ausreichender Nachfrage. Bezüglich Andermatt kommt Finanzanalyst Hasenböhler zum Schluss, «dass potenzielle Käufer offenbar abwarten, wie sich das Projekt entwickelt». Angesichts des hohen Preisniveaus hätten sie «nur einen geringen Anreiz, schon jetzt zuzugreifen». Derzeit bewegen sich die Quadratmeterpreise zwischen 14'000 und 17'000 Franken. Eine 3½-Zimmer-Wohnung im Haus Hirsch mit 102 m2 Fläche kostet beispielsweise 1,73 Millionen Franken. Niesslein ist überzeugt, dass die Nachfrage markant anziehen wird, sobald das Resort Gestalt annimmt und Klarheit über die Realisierung der geplanten Skiarena herrscht: «In einem Jahr werden wir von den Käufen positiv überrascht sein.»

Laut Niesslein und Jenni ist Sawiris’ Begeisterung für das Urner Projekt ungebrochen. Falls nötig, werde er sich weiterhin finanziell engagieren. Man strebe aber an, von den privaten Finanzspritzen des Orascom-Mehrheitsaktionärs unabhängig zu werden.

Die Urner Regierung lässt die finanziellen Entwicklungen bei Orascom und ASA nicht durch unabhängige Revisoren überwachen. Laut Justizdirektorin Heidi Z’Graggen hat der Regierungsrat «nicht den geringsten Zweifel am Resortprojekt und an der Fähigkeit von ASA und Orascom, dieses zu realisieren».

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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