«Bittere Pille für die Pharma-Branche»

Der Pharmakonzern Merck hat heute bekannt gegeben, dass er die Zentrale seiner Schweizer Tochter Serono in Genf fallen lässt. Die Gewerkschaften sind wütend, Politiker wollen Alternativen prüfen.

Dunkle Wolken über dem Pharma-Standort: Logo von Merck Serono vor dem Hauptgebäude in Genf.

Dunkle Wolken über dem Pharma-Standort: Logo von Merck Serono vor dem Hauptgebäude in Genf. Bild: Reuters

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Fünf Jahre nach der Übernahme des Westschweizer Biotechunternehmens Serono schliesst der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Merck die Zentrale seiner Schweizer Pharmatochter. In Genf gehen so über 1250 Arbeitsplätze verloren.

Auf 500 der Stellen will Merck fortan ganz verzichten, die übrigen Stellen werden nach Deutschland, in die USA und nach China verlagert. Das deutsche Unternehmen betonte heute, wenn immer möglich sozial verträgliche Lösungen zu finden respektive Versetzungsmöglichkeiten für die betroffenen Mitarbeiter zu erarbeiten. Merck Serono beschäftigt derzeit weltweit rund 17'000 Mitarbeiter, in der Schweiz sind es ausserhalb von Genf rund 800.

Zudem ist Merck Serono nach eigenen Angaben bereit, 30 Millionen Franken Startkapital zur Verfügung zu stellen, um allenfalls Tätigkeiten, die nicht mehr der Strategie von Merck Serono entsprechen, in eigene Unternehmen auszulagern.

«Auf Kosten der Angestellten Rendite maximieren»

An der Suche nach solchen Alternativen zum Erhalt der Arbeitsplätze will sich auch die Arbeitnehmerorganisation Angestellte Schweiz beteiligen. Einmal mehr gehe es darum, für den Verbleib von Arbeitsplätzen in der Schweiz zu kämpfen, hielt sie heute in einer Stellungnahme fest.

Die Offenheit von Merck Serono für Alternativen zu einem Abbau der Stellen dürfe nicht darüber hinweg täuschen, dass der Konzern versuche, auf Kosten der Angestellten seine Rendite zu maximieren, schrieb die Arbeitnehmerorganisation weiter. Die Schliessung des Hauptsitzes von Merck Serono sei eine bittere Pille für die Branche. Es sei besorgniserregend, dass nach Huntsman und Novartis bereits ein drittes Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in der Schweiz einen Massenabbau von Stellen plane. Das stimme für die Zukunft wenig optimistisch.

Die Gewerkschaft Unia schrieb, es sei schockierend, dass Merck einen solchen Kahlschlag ankündige, nachdem der Konzern vor kurzen seine Dividende um 20 Prozent erhöht habe.

Kantonsregierung will Alternativen prüfen

Die Schliessung der Unternehmenszentrale ist die grösste Massenentlassung in der Geschichte des Kantons Genfs. Die Kantonsregierung, die einen Tag vorher über die Abbaupläne informiert worden war, kündigte an, mögliche Alternativen wie etwa die Weiterführung einzelner Aktivitäten zu prüfen.

«Wir werden um Alternativen ringen», sagte Staatsratspräsident Pierre-François Unger heute auf Anfrage. Sein Regierungskollege François Longchamp sagte zudem, es seien Massnahmen eingeleitet worden, um auf den Arbeitsämtern die Stellensuchenden zu betreuen.

Beginnen soll der Abbau der Stellen nach Abschluss des vorgeschriebenen Konsultationsprozesses mit den Sozialpartnern in der zweiten Hälfte des laufenden Jahres. Mitte 2013 soll er laut Merck Serono abgeschlossen sein.

Rückschläge und steigende Kosten

François Naef, der Verwaltungsratspräsident von Merck Serono, verteidigte die Restrukturierung auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Merck Serono sei wie die ganze Branche dem anhaltenden Preisdruck im Medikamentenmarkt ausgesetzt, während gleichzeitig die Kosten für Forschung und Entwicklung dauernd stiegen.

Ausserdem habe die Firma Rückschläge bei der Kommerzialisierung gewisser Arzneien einstecken müssen. Der Unterhalt von zwei Hauptquartieren in Europa sei daher schlicht nicht möglich, sagte Naef, der auch die Genfer Handelskammer präsidiert. Nach der Schliessung der Genfer Zentrale wird die Hauptverwaltung von Mercks Pharmasparte in Darmstadt konzentriert, die Forschung in Darmstadt, Boston und Peking.

Standort Schweiz wurde hart getroffen

Hintergrund des Stellenabbaus ist ein im Februar angekündigtes Effizienzsteigerungsprogramm. Mit diesem will Merck seine Kosten senken und seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Wie viel der Konzern mit seinen weltweit über 40'000 Mitarbeitern durch die Restrukturierungen insgesamt einsparen will, wurde im Februar nicht bekannt gegeben. Solange die Beratungen mit den jeweiligen Arbeitnehmervertretungen andauerten, sei es verfrüht, detaillierte Pläne zu Kostensenkungen und Personalabbau bekannt zu geben, hiess es damals.

Heute wurde nun also klar, dass die Sparmassnahmen den Standort Schweiz hart treffen. Zu den 1250 Stellen, die in Genf wegfallen, kommen rund 80 weitere dazu, die in den drei Medikamentenfabriken von Merck Serono im Kanton Waadt gestrichen werden. Der Standort Coinsins wird vollständig geschlossen, die dort angesiedelte Produktion ins bestehende Werk in Aubonne integriert, wie Merck mitteilte. (fko/sda)

Erstellt: 24.04.2012, 20:12 Uhr

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