«Bingo Fuel!»

Als der Schweizer Jetpilot Peter «Pablo» Merz am 2. August 2008 im Gripen ein Manöver testete, leuchtete plötzlich eine Warnung auf.

Steht kurz vor der Abstimmung unter verstärkter Beobachtung: Der Kampfjet Gripen, hier am Himmel über der Schweiz.

Steht kurz vor der Abstimmung unter verstärkter Beobachtung: Der Kampfjet Gripen, hier am Himmel über der Schweiz.

(Bild: Keystone)

Beni Gafner@Tamedia

Mittwoch, 2. August 2008. Der Gripen D (Zweisitzer) steht alarmbereit auf dem Rollfeld des Militärflugplatzes Sitten. Der Schweizer Testpilot Peter «Pablo» Merz sitzt im Cockpit, in seinem Rücken ein schwedischer Pilot des Herstellers Saab. Dieser gewährleistet, dass alles sicher abläuft. Der Jet ist vollgetankt. Die simulierte Situation wäre im Ernstfall dramatisch: Jederzeit muss mit einem unbekannten Flugzeug gerechnet werden, das verbotenerweise in den Schweizer Luftraum eindringt. Der fremde Jet kommt im Testrahmen irgendwann dann tatsächlich.

Es handelt sich um einen Schweizer F/A-18-Jet, der den bösen Unbekannten simuliert.Der Kampfjet beabsichtigt mit ansehnlicher Geschwindigkeit die Schweiz zu überfliegen – von Nord nach Süd in Richtung Tessin. So präsentierte sich damals die Ausgangslage für einen der wichtigsten Tests, den die Schweizer Experten und die Versuchsingenieure von Luftwaffe und Rüstungsbeschafferin Armasuisse mit allen drei Kandidaten für den neuen Schweizer Kampfjet durchführten. Diese Evaluation fand für alle drei damals zur Diskussion stehenden Typen im Jahr 2008 statt.

Landung in Emmen statt in Sitten

Nach dem Startbefehl an Merz verläuft an jenem Tag mit besten Flug­bedingungen zuerst alles normal. Der Gripen D startet mit maximaler Beschleunigung und stabilisiert sich bei Überschallgeschwindigkeit von Mach 1,42. Das «fremde» Flugzeug muss so schnell wie möglich erreicht und identifiziert werden. Dann gilt es – je nach Befehl von der Bodenstation aus – zu intervenieren. Im Extremfall könnte dies den Abschuss des fremden Flugzeugs bedeuten oder eine Landung, die beispielsweise auf einem Tessiner Flugplatz erzwungen werden müsste.

Doch dann passiert das Überraschende: Etwa in der Hälfte der Annäherung leuchtet plötzlich die Warnung «Bingo Fuel!» auf. Der LED-Alarm auf der linken Cockpitseite bedeutet, dass im Flugzeug nur noch knapp genügend Treibstoff vorhanden ist, um sicher auf den Ausgangsflugplatz zurückzukehren. Merz fliegt den Gripen mit der Registrierung 39-822 weiter. Er erreicht das fremde Flugzeug schliesslich und kann es knapp identifizieren. Merz kann den Gripen aber nicht wie geplant in Sion landen. Er muss ihn auf dem näher gelegenen Militärflugplatz von Emmen (LU) aufsetzen. Der Kerosinstand, also die Tankfüllung, liegt dabei unter dem Mindestsicherheitsniveau.

Resultate gelten bis heute

Unter anderem dieser Test war es, der dem Gripen C/D im ersten Evalua­tionsbericht von Armasuisse und Luftwaffe in der Sparte Luftpolizeidienst die Note «ungenügend» eintrug. Es handelt sich dabei um exakt jenen Flugzeugtyp, den Armee, Bundesrat und Parlament zum Preis von 40 Millionen Franken jährlich bis mindestens ins Jahr 2023 mieten wollen. Als Übergangslösung. Ab 2023 soll dann der verbesserte Gripen E operativ vollständig einsatzbereit sein.

Im Folgejahr 2009 kam es dann zu einer zweite Evaluationsrunde für alle drei Anbieter. Diese zweite Evaluation war ursprünglich nicht geplant. Die Resultate sind bis heute gültig und betreffen das zentrale Element der operativen Einsatzfähigkeit. Weitere Tests für diese operativen Fähigkeiten der Jets gab es seither nicht, denn die geplanten Verbesserungen waren zu diesem Zeitpunkt allesamt bekannt. Flugtests, wie jener vom August 2008, wurden in dieser zweiten «Erprobungsrunde» keine mehr durchgeführt. Die Evaluationsresultate für ihren zweiten Bericht errechneten die Schweizer Experten aufgrund der gemeldeten Angaben der Hersteller. Saab kündete für damals 98 Verbesserungen an, die noch entwickelt werden müssen und die ins neue Flugzeug integriert werden müssen.

Drohende Verspätungen

«Vertraulich» klassifizierte Evaluations-Resultate von damals wurden durch die BaZ vor gut zwei Jahren veröffentlicht. Auch der neue Gripen E erreichte dabei (unter anderem mit leistungsstärkerem Antrieb und grösserem Tank) im Testbereich «Luftpolizei» nur die Note «knapp genügend».

Aus Schweden vermeldet Saab seither laufend grosse Fortschritte bei der Entwicklung der Verbesserungen. Kritiker weisen derweil auf drohende Verzögerungen hin, wie diese auch bei den Gripen-Konkurrenten Rafale von Dassault und Eurofighter von EADS bei ihren Entwicklungen resultierten. Auch im zivilen Bereich verliefen die jüngsten Neuentwicklungen nicht so problemlos wie von den renommierten, involvierten Firmen erhofft. So hoben etwa der «Dreamliner» von Boeing und der Airbus A 380 Jahre später ab als geplant.

Basler Zeitung

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